Arzt-Navigator: Ärzte bewerten im Internet

Sebastian

AOK-Arztnavigator: Patienten können Ärzte im Internet benoten und eine Arztwahl nach Vergabe von Bewertungen vornehmen.

(11.09.2010) Seit Anfang 2010 existiert bereits der AOK-Artznavigator. Patienten können durch die Eingabe ihres Wohnortes Ärzte suchen und selbst Bewertungen vornehmen. Die Krankenkasse erhofft sich dadurch mehr Transparenz und eine bessere Übersicht für die Patienten. Aufgerufen sind insgesamt 24 Millionen Versicherte der Allgemeinen Ortskrankenkasse AOK. Zentrale Grundlage sollen die Erfahrungen der Patienten sein. Die Befragung, die unter "www.aok-arztnavi.de" aufrufbar ist, wurde in einem mehrstufigen Verfahren wissenschaftlich entwickelt.

Doch wie funktionierte der Arzt-Navigator?
Zunächst ist das Angebot auf Hamburg, Berlin und Thüringen beschränkt. Wenn das Pilotprojekt gut anläuft, sollen auch alle weiteren Bundesländer dazu kommen. Bis dahin ist es den Versicherten nur aus den genannten Bundesländer möglich ihre Haus- und Fachärzte zu benoten. Im Ergebnisportal werden die Ärzte zunächst nach Entfernung zum Wohnort angezeigt. Mit einem Klick kann man sich dann im nächsten Schritt eine Liste erzeugen, in der die am besten bewerteten Ärzte ganz oben stehen. Denn um so zufriedener Patienten mit ihren behandelnden Ärzten waren, um so besser wirkt sich das auch auf das sogenannte Ranking aus. Gaben viele an, die ärztliche Betreuung war insgesamt eher mangelhaft, so rutscht der Arzt weiter nach unten. Mit genauen Angaben in Prozent zahlen soll das Projekt Anfang nächsten Jahres online gehen- geplant ist es, dass von da ab alle Bundesländer in Deutschland vertreten sind. Die Beantwortung der Fragen dauert im Schnitt höchstens 10 Minuten und ist mit einigen Klicks schnell erledigt.

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Es ist momentan nur den AOK-Krankenversicherten vorenthalten die Ärzte-Benotungen vorzunehmen. Es ist vorgesehen, dass sich spätestens nach dem Ende der Evaluationsphase Anfang 2012 weitere Kassen an dem Projekt beteiligen können, um das Portal auf eine breite Basis zu stellen. Die Barmer GEK peilt schon eine Beteiligung an dem Projekt an. Zusammen mit den etwa 24 Millionen AOK-Versicherten würde der "Arztnavi" zukünftig mehr als 30 Millionen Krankenversicherten die Möglichkeit bieten, ihre Ärzte zu bewerten. Um mitzumachen, ist es notwendig sich zu registrieren. Die Teilnahme ist kostenlos.

Als vor fast einem Jahr das Pilotprojekt startete war die Empörung vor allem bei den Ärtzeverbänden groß. Die Mediziner wollten sich nicht an den Pranger der Patienten stellen lassen. Vor allem wurde kritisiert, dass die Bewertungen subjektiv vorgenommen werden. Doch der stellvertretende Vorsitzende des AOK-Bundesverbands, Jürgen Graalmann beschwichtigt, "Die Patienten werden keine Möglichkeit haben, Schmähkritik abzugeben." Man sei von dem Konzept abgerückt, freie Eingabefelder anzubieten. Diese seien zwar bei den Versicherten sehr beliebt, würden jedoch keine wirklichen Erkenntnisgewinne mit sich bringen, wie es hieß. Statt dessen soll das Angebot strukturierter werden.

Zukünftig soll es insgesamt 33 Fragen geben, die beantwortet werden können. Eine Frage ist beispielsweise, "Hat mit der Arzt gut zugehört", oder hat der Arzt seine Praxis gut organisiert. Nach Beantwortung der zahlreichen Fragen kommt dann die entscheidende Frage, "Würden Sie diesen Arzt Ihrem besten Freund/Ihrer besten Freundin weiter empfehlen?". Bürger die mitmachen, müssen nicht alle Fragen beantworten. Denn nicht alles lässt sich immer auch genau bewerten oder wurde auch nicht in Anspruch genommen. Doch mindestens 10 beantwortete Fragen sind notwendig, damit die Arzt-Benotung frei geschaltet wird. Der bewertete Arzt hat zudem die Möglichkeit der Bewertung zu widersprechen. Zwar wird dann die Bewertung nicht frei geschaltet, doch für alle Patienten ist dann einsehbar, dass die Bewertung aufgrund eines Widerspruchs nicht veröffentlicht wurde. Aber das kommt auch nicht so gut an.

Arzt-Navigator notwendig.
Laut ein Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) gab jeder Vierte an, dass der Arzt der Ursache des gesundheitlichen Problems nicht umfassend nachgekommen sei. Zudem fühlten sich rund 22 Prozent der insgesamt 3000 Befragten nicht umfassend und ausreichend vom Arzt informiert. Jeder zehnte Umfrageteilnehmer glaubt, dass einige Behandlungen und Untersuchungen beim Arzt unnötig waren. Insgesamt waren jedoch rund 82 Prozent der Befragten mit den Behandlung des Arztes zufrieden oder sogar sehr zufrieden.

Der anfänglichen, zum Teil sehr scharfen Kritik, ist nun Duldung oder sogar Zustimmungen aus den Reihen der Ärzteschaft gewichen. So lobte der Bundesverbandschef der Kassenärztlichen Vereinigung, Carl-Heinz Müller, "Der Fragebogen ist nach hohen wissenschaftlichen Standards entwickelt worden." Allerdings sei es notwendig die Fragen auf bis 60 Bewertungen zu erweitern. Nach Ansicht des Ärzte-Verbandsvorsitzenden würden dann die Bewertungen aussagekräftig sein und den Ärzten bei der Qualitätssicherung helfen. Aber auch Zweifel werden laut. So sagte Ulrike Dzengel von der Unabhängigen Patientenberatung: "Es kann hier keine gesicherten Aussagen geben". Denn solche Bewertungen sind sehr subjektiv und daher zu ungenau. Außerdem seien viele Patienten – vor allem auf dem Land – auf die Versorgung durch die Ärzte angewiesen. Da gebe es keine große Auswahl.

Laut einer Umfrage der "Stiftung Gesundheit" haben gerade einmal 52 Prozent der Ärzte ein Qualitätssystem in ihrer Praxis eingeführt. In vielen Arztpraxen sind deshalb viele Arbeitsabläufe nicht eindeutig geregelt. So mangelt es oftmals an der Struktur der Zuständigkeiten. So sind zahlreiche Abläufe, von denen die Patienten zumeist nichts mitbekommen, kaum geregelt. Etwa wer die Untersuchungsgeräte reinigt, die Akten der Patienten sortiert oder die Befunde aus dem Labor einsortiert. Auch wenn diese Abläufe eher im Hintergrund laufen, bleibt es den Patienten nicht verborgen. Denn solche Unklarheiten machen sich auch in den Wartezeiten und Terminvergaben bemerkbar. Doch durch den Arzt-Navigator können Patienten eben genau solche Qualitätsmängel bewerten und den Ärzten helfen, ihre Praxis besser zu strukturieren. Oftmals kann ein Blick von Außen hilfreich sein.

Zukünftig auch Bewertung von Psychotherapeuten und Zahnärzten möglich.
Wenn erst einmal der Arzt-Navigator bundesweit startet, sollen auch weitere Fachrichtungen dazu kommen. So sollen künftig Versicherte auch die Möglichkeit haben, Zahnärzte und Therapeuten zu bewerten. Hier scheint es einen besonderen Bedarf zu geben. Denn bei den zwei genannten Berufszweigen sind Dinge wie Einfühlungsvermögen und Zuhören besonders wichtig. In der Pilotphase können derzeit nur AOK-Versicherte aus Berlin, Hamburg und Thüringen ab 15 Jahren mitmachen. (sb)