Ärzte-Report: Arzneimittelabhängigkeit ein deutlich unterschätztes Problem

Fabian Peters
Viele Deutsche leiden unter einer Arzneimittelabhängigkeit
Den aktuellen Zahlen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) zufolge sind in Deutschland geschätzte 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen abhängig von Arzneimitteln. „Die Zahl derjenigen, die Arzneimittel missbräuchlich nutzen – zum Abnehmen, Wachbleiben oder zur Steigerung der Leistungsfähigkeit –ist wahrscheinlich genauso groß“, berichtet die DHS weiter.

Die Arzneimittelabhängigkeit steht laut Angaben der DHS in Deutschland direkt hinter dem Tabak auf Platz zwei aller Abhängigkeiten – noch vor der Alkoholsucht. Dies gehe aus dem neuem „DHS Jahrbuch Sucht 2017“ hervor. Zudem herrsche eine hohe Intransparenz in dem Bereich der Arzneimittelabhängigkeit. Das betreffe vor allem die Verordnungen von Schlafmittel und Beruhigungsmitteln, betont Professor Dr. Gerd Glaeske von der Universität Bremen in einem Statement für die Pressekonferenz zur Veröffentlichung des aktuellen DHS-Jahrbuchs.

Viele Deutsche leiden unter einer Arzneimittelabhängigkeit. Schlafmittel und Schmerzmittel bilden hier ein besonders hohes Risiko. (Bild: Andrzej Tokarski/fotolia.com)

Bedenklicher Trend bei den Z-Drugs
Die Wissenschaftler der DHS stellten fest, dass bestimmte Mittel aus der „Benzodiazepin-Familie“ (Valium und Co.) zahlenmäßig durchaus weniger als in der Vergangenheit verordnet werden. Doch sei gleichzeitig ein deutlicher Verordnungsanstieg bei Schlafmitteln aus der Gruppe der Z-Drugs mit den Wirkstoffen Zolpidem und Zopiclon. 50 % eingetreten, berichtet Professor Glaeske. Diese Mittel würden zudem mittlerweile immer mehr auf Privatrezept verordnet, vor allem für Versicherte der Gesetzlichen Krankenkassen. So seien Privatrezepte für Hypnotika heutzutage eher die Regel als die Ausnahme. „Sie verschleiern letztlich eine kritische Arzneimittelversorgung, weil sie an keiner Stelle systematisch erfasst und ausgewertet werden“, betont Glaeske.

Verschleierungstaktik der verschreibenden Ärzte?
Der Experte sieht in der Verordnung der Schlafmittel über Privatrezepte vor allem eine Strategie der Verordner, um unentdeckt in der Statistiken der Krankenkassen zu bleiben und unangenehme Diskussionen über die fortwährende Verordnung abhängigkeitsinduzierender Arzneimittel oder mögliche Regresse zu vermeiden. Betroffen von diesen Verordnungen seien insbesondere Menschen im Alter „über 65 Jahre und davon zwei Drittel Frauen.“ In diesem Zusammenhang zeigte sich Professor Glaeske auch darüber verwundert, „dass die vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Surveys zum Arzneimittelkonsum bei den 64-Jährigen aufhören.“

Ältere Menschen besonders gefährdet
Ab dem Alter von 65 Jahren fange das Problem der Arzneimittelabhängigkeit erst richtig an, so Glaeske weiter. Die tägliche Einnahme von Arzneimitteln führe bei den älteren Menschen „zu immer mehr Wirkstoffmengen im Körper und damit zu verstärkten Wirkungen und unerwünschten Wirkungen.“ Sie leiden zum Beispiel unter Einschränkungen der Konzentrationsfähigkeit und Gangunsicherheit, wobei letztere oft mit Stürzen und schwer heilenden Knochenbrüchen verbunden ist.

Intransparenz bei den Schmerzmitteln
Die Intransparenz betrifft laut Angaben des Exptern nicht nur die Schlaf- und Beruhigungsmittel sondern auch die Schmerzmittelversorgung. Hier würden in Deutschland rund 150 Millionen Packungen unterschiedlichster Schmerzmittel pro Jahr verkauft, davon allerdings 106 Millionen Packungen (rund 70 Prozent) ohne Rezept direkt in den Apotheken. Oftmals seien die Käufer Patienten, die bereits von ihren Ärzte Schmerzmittel verordnet bekommen haben. „Die Schmerztherapie in Deutschland wird damit dominiert von Analgetika der Selbstmedikation“, so Professor Glaeske.

Werbeverbot für Schmerzmittel?
Sorgen mache auch der Anstieg der Verordnung stark wirksamer Schmerzmittel, weil sie nicht immer dort eingesetzt werden, wo sie notwendig sind. „Osteoporoseschmerzen oder Rückenbeschwerden müssen nicht mit stark wirksamen opioidhaltigen Schmerzpflastern behandelt werden, auch die können zur Abhängigkeit führen, daneben zu Atemdepression und Obstipation (Verstopfung)“, betont Professor Glaeske. Insgesamt bedürfe es in dem Markt der Schmerzmittel einer Intervention, auch wenn diese nicht im Sinne der pharmazeutischen Unternehmen sei. Ein wichtiger Schritt in Richtung Prävention wäre laut Glaeske ein Verbot der Werbung für rezeptfreie Arzneimittel mit Missbrauchspotenzial. Rund 300 bis 400 Millionen Euro würden in diese Bereich pro Jahr investiert, was unbestritten verkaufsfördernd wirke. „Da werden Markennahmen propagiert und Alltagssituationen geschildert, in denen Schmerzmittel die Arbeitsfähigkeit erhalten, Belastungssituationen erleichtern und Verabredungen zum Kinobesuch trotz noch bestehender Kopfschmerzen ermöglichen“, so Glaeske. Probleme würden in der Werbewelt einfach weggeschluckt.

1,5 Milliarden Arzneimittelpackungen verkauft
Laut Angaben von Professor Glaeske wurden im Jahr 2015 rund 1,5 Milliarden Arzneimittelpackungen verkauft, wobei nur 50 Prozent davon rezeptpflichtig waren und 50 Prozent ohne Rezept in der Apotheke erworben werden konnten. Der Gesamtumsatz der pharmazeutischen Hersteller habe bei etwa 30,4 Milliarden Euro gelegen. Unter den häufig verordneten Arzneien zeigen circa vier bis fünf Prozent ein eigenes Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial, darunter vor allem die Schlaf- und Beruhigungsmittel mit Wirkstoffen aus der Familie der Benzodiazepine und der so genannten Z-Drugs wie Zolpidem und Zopiclon, so Glaeske weiter.

Auch nicht-rezeptpflichtige Arzneien ein Risiko
Bei den nicht rezeptpflichtigen Mittel haben laut Aussage von Professor Glaeske zehn bis zwölf Prozent ein Missbrauchspotenzial. Zu diesen Arzneien seien vor allem Abführmittel, bestimmte Schmerzmittel, abschwellende Nasentropfen und -sprays sowie alkoholhaltige Grippe- und Stärkungssäfte zu zählen. Hier werde von den unerwünschten Begleiterscheinungen viel zu wenig in der Öffentlichkeit berichtet, obwohl von ihnen erhebliche Gefahren ausgehen können, sowohl für die Abhängigen selber als auch für Angehörige oder Arbeitskollegen, betont Glaeske. Es drohen Entzugserscheinungen wie Unkonzentriertheit oder Aggression. Das Unfallrisiko steige und die Aggression könne zu Gewalt und Beziehungsproblemen in der Familie, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz führen.

Die Arzneimittelabhängigkeit und der Arzneimittelmissbrauch müssen wie die Alkohol- und Drogenabhängigkeit öffentlich diskutiert werden und es muss Präventionsmaßnahmen geben, die vor allem den Patienten und Verbrauchern nutzen, so die Forderung von Professor Glaeske. Intransparenz sei in diesem Bereich fehl am Platze. Sie nutze nur denen, die vom Missbrauch und der Abhängigkeit profitieren, „und dies sind sicherlich nicht die Patienten und Verbraucher“, so das Fazit Professor Glaeske. (fp)