Aids-Virus: Spritze soll vor HIV schützen

Alfred Domke

Aids-Virus: Spritze kann monatelang vor HIV schützen

08.03.2014

In der HIV-Forschung werden ständig neue Fortschritte erzielt. Nun haben Forscher herausgefunden, dass eine neue Spritze besonders gefährdete Menschen monatelang vor einer Ansteckung schützen könnte. Eine andere Studie fand vor längerem heraus, dass eine Tablette das Risiko einer Virus-Übertragung enorm verringern könne.

Depotspritze könnte mehrere Monate lang schützen
Die vorbeugende Gabe von Medikamenten in Form einer sogenannten Präexpositions-Prophylaxe könnte Menschen mit erhöhtem HIV-Ansteckungsrisiko, beispielsweise Partner von Aids-Patienten, vor einer Infektion schützen. Dafür müssten sie allerdings jeden Tag Tabletten nehmen, wie Forscher um David Ho von der Rockefeller University in New York im Fachblatt „Science“ schreiben. Langfristig würden dies jedoch viele nicht durchhalten und bei unregelmäßiger Einnahme leide die Wirksamkeit der Prophylaxe erheblich. Der Schutz könnte daher durch eine Depotspritze für mehrere Monate deutlich verbessert werden, zumindest bis es eine wirksame HIV-Impfung gibt. Die Wissenschaftler testeten den Wirkstoff GSK744, welcher dem kürzlich zugelassenen HIV-Medikament Dolutegravir gleicht. Der Stoff hemmt ein Virusenzym und verhindert, dass sich der Erreger vermehrt.

Tests an Affen zeigten Wirkung
Das Mittel wurde acht Makaken zweimal im Abstand von vier Wochen verabreicht und dann erhielten sie jede Woche eine Dosis SHIV, einen Virustyp, der Teile des HI-Virus und des Affenerregers SIV enthält. Die Forscher stellten in den folgenden neuen Wochen bei keinem Tier eine Infektion fest. Von den Kontrolltieren, die das Mittel nicht bekommen hatten, infizierten sich hingegen alle. In einem zweiten Experiment wurde ermittelt, wie lange die Wirkung der Spritze anhält. Wie erwartet, sank der Schutz mit nachlassender Konzentration des Wirkstoffs im Plasma und so infizierten sich im Durchschnitt die Tiere nach etwa zehn Wochen. Weil das Mittel bei Affen besonders schnell abgebaut wird, gehen die Forscher davon aus, dass die Wirkung beim Menschen länger anhält. Sie schreiben, dass für einen wirksamen Schutz eine Spritze alle drei Monate ausreiche.

Derzeit das Aufregendste aus HIV-Präventionsstudien
Laut einem Bericht von „Science“-Korrespondent Jon Cohen, betonte der Virologe Robert Grant von der University of California in San Francisco, der an der Untersuchung nicht beteiligt war: „Das ist das Aufregendste, was ich derzeit von HIV-Präventionsstudien kenne.“ Doch auch ein Depotpräparat wie GSK744 müsse im Laufe eines Lebens unzählige Male verabreicht werden, gab Philip Johnson von Children’s Hospital in Philadelphia (US-Staat Pennsylvania) zu bedenken. Er selbst würde an einer Gentherapie arbeiten, bei der ein Virus genetisch so verändert wird, dass es ständig einen Antikörper gegen HIV bildet. „Unser Ziel ist: Eine Spritze, ein Zusammentreffen, und das war’s.“

Kombi-Pille senkt HIV-Übertragung um bis zu 73 Prozent
Auch eine weitere Untersuchung macht Hoffnung. So hätten Studien in Uganda, Kenia und Botswana gezeigt, dass sich das Risiko einer HIV-Übertragung bei Paaren um bis zu 73 Prozent verringere, wenn der gesunde Partner täglich eine Kombi-Pille mit den Wirkstoffen Tenofovir und Emtricitabin, nehme. Dies teilte das Programm der Vereinten Nationen für HIV/Aids (UNAIDS) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits vor Jahren mit. Die Ansteckungsgefahr nahm immerhin noch bis zu 62 Prozent ab, wenn die Tabletten ausschließlich Tenofovir beinhalteten. UNAIDS-Direktor Michel Sidibé sagte: „Dies ist ein großer wissenschaftlicher Durchbruch, der noch einmal bestätigt, welch wesentliche Rolle antiretrovirale Medikamente bei der Aids-Bekämpfung spielen.“ In der Forschungssprache heißt diese neue Art der HIV-Vorbeugung PrEP (Pre-Exposure-Prophylaxis). Es geht dabei darum, Menschen, die nicht mit HIV infiziert sind, bereits vor einer möglichen Ansteckung mit antiretroviralen Medikamenten zu behandeln. Diese Mittel erhalten auch HIV-Patienten. „Diese Studien könnten eine enorme Auswirkung auf die heterosexuelle Übertragung von HIV haben“, so WHO-Chefin Margaret Chan. „Die Weltgesundheitsorganisation wird mit den einzelnen Ländern zusammenarbeiten, um die neuen Forschungsergebnisse zum Schutz von Männern und Frauen anzuwenden.“

WHO warnt sich mit Tabletten in Sicherheit zu wiegen
Das „International Clinical Research Center“ der Universität Washington hatte seine Studie im Sommer 2008 bei 4.758 Paaren begonnen, von denen jeweils ein Partner mit HIV infiziert war. Alle Teilnehmenden wurden eingehend beraten und erhielten Kondome für Männer und Frauen. Von den gesunden Teilnehmern nahm ein Teil die antiretroviralen Medikamente ein und der andere Teil erhielt Placebos. 47 der Placebo-Einnehmer hatten sich bis Ende Mai 2011 infiziert, doch nur 18 von denen, die Tenofovir nahmen und 13, die Tenofovir und Emtricitabin in Kombination bekamen. UNAIDS und WHO warnten damals aber zugleich auch davor, sich mit Tabletten in Sicherheit zu wiegen: „Keine einzelne Methode schützt komplett vor HIV.“ Die Medikamente müssten mit anderen Methoden, wie beispielsweise Kondomen oder medizinischer männlicher Beschneidung kombiniert werden.

Zweites Baby von HIV befreit
Erfreulich ist auch die Meldung von vor wenigen Tagen, dass es Medizinern gelungen ist, nachgewiesenermaßen ein neugeborenes Baby von HIV befreit zu haben. Dies sei nach dem mittlerweile drei Jahre alten erstem geheilten HIV-infizierten Kind, das auch unter dem Namen Mississippi-Baby bekannt wurde, der zweite Fall. Für den Erfolg sei eine möglichst frühzeitig eingeleitete, relativ hochdosierte medikamentöse Behandlung entscheidend gewesen. Es handelt sich dabei um ein Mädchen, welches in der Miller-Kinderklinik in Long Beach in Kalifornien geboren wurde und dessen Mutter an AIDS im fortgeschrittenen Stadium leidet. (ad)

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Bild: Henrik Gerold Vogel / pixelio.de