Aktuelle Studie: Kaiserschnitt-Risiko von Frauen vererbbar?

Alfred Domke

Mütter vererben Kaiserschnitt-Risiko an ihre Töchter

Mädchen, die per Kaiserschnitt geboren wurden, werden später ihr Kind mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit auf diese Weise zur Welt bringen, als diejenigen, die natürlich geboren wurden. Das haben Forscher aus Österreich nun berechnet.

Wie die werdende Mutter geboren wurde

Zwar wurde vor wenigen Jahren noch berichtet, dass es immer mehr Kaiserschnittgeburten gibt und fast jede dritte Geburt in Deutschland auf diese Weise stattfindet, doch mittlerweile sind die Zahlen hierzulande leicht rückläufig. Laut Experten sollte die Rate aber noch weiter gesenkt werden, denn „jeder Kaiserschnitt ist eine Operation und sollte nur dann durchgeführt werden, wenn er medizinisch notwendig ist“, so der Deutsche Hebammenverband (DHV) in einer Mitteilung. Ob ein Kaiserschnitt nötig ist, hängt offenbar auch davon ab, wie die werdende Mutter selbst zur Welt gebracht wurde.

Forschern zufolge entwickeln Frauen, die wegen einem Schädel-Becken-Missverhältnis ihrer Mutter durch Kaiserschnitt auf die Welt kamen, mehr als doppelt so häufig ein Missverhältnis bei der Geburt ihrer Kinder als jene Frauen, die natürlich geboren wurden. (Bild: nerudol/fotolia.com)

Evolutionäre anatomische Veränderung

Frauen, die wegen einem Schädel-Becken-Missverhältnis ihrer Mutter durch Kaiserschnitt auf die Welt kamen, entwickeln mehr als doppelt so häufig ein Missverhältnis bei der Geburt ihrer Kinder als jene Frauen, die natürlich geboren wurden.

Zu diesem Schluss kommen EvolutionsbiologInnen der Universität Wien um Philipp Mitteröcker, die in einem mathematischen Modell das scheinbar paradoxe Phänomen erklären, dass die Rate an Geburtsproblemen durch natürliche Selektion nicht verringert werden konnte, heißt es in einer Mitteilung.

Die Daten unterstützen auch die These, dass die regelmäßige Anwendung von Kaiserschnitten bereits zu einer evolutionären anatomischen Veränderung geführt hat. Ihre Berechnungen erscheinen aktuell im Fachmagazin „PNAS“.

Anzahl der Kaiserschnitte vervielfacht

In den meisten Ländern hat sich die Anzahl der Kaiserschnitte in den letzten Jahrzehnten vervielfacht, sodass heute die Sectio caesarea (Lateinisch für Kaiserschnitt) eine der am häufigsten durchgeführten Operationen ist.

Experten meinen, dies sein ein soziales Phänomen, ist doch die Rate tatsächlicher Geburtsprobleme – allen voran das sogenannte „Becken-Kopf-Missverhältnis“ (Anm.: der Kopf des Kindes passt nicht durch den Geburtskanal) – um ein Vielfaches geringer.

Philipp Mitteröcker vom Department für Theoretische Biologie an der Universität Wien hat sich die Frage gestellt, warum die Evolution nicht zu einem größeren Geburtskanal und damit zu sichereren Geburten geführt hat.

Überlebenschancen eines Babys

In einer Studie aus 2016 erklärte der Evolutionsbiologe diese scheinbar paradoxe Situation mit einem populationsgenetisch-mathematischem Modell als eine Art „Fitness-Dilemma“.

„Aus evolutionärer Sicht ist ein schmales Becken von Vorteil: Einerseits für unsere Fortbewegung, aber auch, weil es bei sehr breiten Becken bei der Geburt zum Gebärmuttervorfall und anderen Beckenbodenproblemen kommen kann“, so Mitteröcker.

Auf der anderen Seite erhöhen sich die Überlebenschancen eines Babys, je größer es bei der Geburt ist. Hier kommen sich also der Selektionsdruck hin zu schmaleren Becken und jener hin zu größeren Babys sozusagen in die Quere.

„Für unsere Fitnesskurve heißt das: Je schmäler das Becken und größer das Kind, umso besser – aber eben nur bis zu dem Punkt, an dem das Kind nicht mehr durchpasst: Dann wird es abrupt fatal“, erläuterte der Experte.

Geburtsprobleme durch ein Schädel-Becken-Missverhältnis

Aufgrund dieses ungewöhnlichen Selektionsprozesses kann die Rate an Geburtsproblemen durch natürliche Selektion nicht verringert werden. Des Weiteren konnten die Forscher durch ihr Modell zeigen, dass die regelmäßige Anwendung von lebensrettenden Kaiserschnitten in den letzten 50 bis 60 Jahren bereits eine evolutionäre Veränderung anatomischer Dimensionen bewirkt hat.

Diese wiederum hat die Häufigkeit von Geburtsproblemen durch ein Schädel-Becken-Missverhältnis um zehn bis 20 Prozent erhöht.

Diese vorhergesagte Zunahme an Schädel-Becken-Missverhältnissen ist jedoch kaum empirisch belegbar, da ein solches Missverhältnis sehr schwer zu diagnostizieren ist.

Die Kaiserschnittrate als indirektes Maß hat wiederum durch viele andere, auch nicht-medizinische Gründe wesentlich stärker zugenommen.

„Die Zunahme der Kaiserschnitte ist zwar ein soziales Phänomen, aber nicht nur: Auch die Geburtsproblematik hat zugenommen, wenngleich in einem viel geringeren Ausmaß als die Kaiserschnitte“, erklärte Mitteröcker.

Geburtsprobleme und Kaiserschnitt über zwei Generationen untersucht

In der aktuellen PNAS Studie zeigen die Wissenschaftler nun, dass das „cliff edge-Modell“ auch voraussagt, dass Frauen, die selbst wegen einem Schädel-Becken-Missverhältnis durch Kaiserschnitt auf die Welt kamen, mehr als doppelt so häufig ein Missverhältnis bei der Geburt ihrer Kinder entwickeln als Frauen, die natürlich geboren wurden.

Dieser beträchtliche Effekt sollte einfacher in epidemiologischen Daten zu erkennen sein als die evolutionäre Zunahme.

„Tatsächlich fanden wir empirische Studien, die Geburtsprobleme und Kaiserschnitt über zwei Generationen untersuchten. Die vorhergesagte ‚Vererbbarkeit‘ von Schädel-Becken-Missverhältnis und Kaiserschnitt wird durch diese Studien erstaunlich genau bestätigt“, so Mitteröcker.

Diese theoretische Vorhersage eines komplexen epidemiologischen Musters liefert damit auch eine unabhängige Bestätigung des „cliff edge-Modells“ und seiner evolutionären Implikation. (ad)