Aktuelle Studien: Dank ADHS zum erfolgreichen Unternehmer?

Fabian Peters
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung fördert unternehmerische Eigenschaften
In der Regel wird die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) mit erheblichen Nachteilen für die Betroffenen assoziiert. Doch kann das Beschwerdebild offenbar auch Vorteile mit sich bringen. So kommt das Forscherteam um Professor Holger Patzelt vom Lehrstuhl für Entrepreneurship der Technischen Universität München (TUM) in aktuellen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass die ADHS-Symptome wichtige unternehmerische Eigenschaften fördern.

ADHS ist geprägt durch Symptome wie Konzentrationsschwäche, Hyperaktivität, Impulsivität und fehlende Selbstregulation, welche vielfach in Zusammenhang mit Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit gebracht werden und nicht selten mit Medikamenten therapiert werden. Das internationale Forscherteam um Professor Patzelt hat sich in seiner aktuellen Studie nun möglichen Vorteilen der ADHS-Symptome gewidmet und dabei in Bezug auf die unternehmerischen Eigenschaften Überraschendes festgestellt. Die Ergebnisse wurden in dem „Journal of Business Venturing Insights“ veröffentlicht.

ADHS bietet durchaus einige Vorteile in Bezug auf die unternehmerischen Eigenschaften. (Bild: undrey/fotolia.com)

Vorteile der ADHS-Symptome?
Immer wieder wurden in der Vergangenheit erfolgreiche Unternehmer mit ADHS in Verbindung gebracht und „irgendwann fiel uns auf: Einige Symptome der Störung ähneln den Verhaltensweisen, die man gemeinhin als unternehmerisch bezeichnet – und zwar im positiven Sinn“, erläutert Prof. Patzelt. Anhand von 14 Selbstständigen ADHS-Patienten untersuchten die Wissenschaftler daher, welchen Einfluss die ADHS-Symptome auf das unternehmerische Handeln haben. „Unternehmerinnen und Unternehmer mit ADHS zeichnen sich demnach durch die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, Leidenschaft und Beharrlichkeit aus“, so die Mitteilung der TUM. Die intuitiven Entscheidungen in unsicheren Situationen seien ein Grund, bisherige Modelle der Wirtschaftswissenschaft infrage zu stellen, betonen die Forscher.

Impulsivität als unternehmerische Eigenschaft
Die Impulsivität lässt Menschen mit ADHS schnell ungeduldig werden, hat jedoch den Vorteil, dass Betroffene auch unter unvorhergesehenen Umständen agieren können, „ohne in Angst und Paralyse zu verfallen“, erläutert Prof. Patzelt. In schwierigen Situationen blühen diese Menschen regelrecht auf, so Patzelt weiter. Oft würden die Betroffenen ohne nachzudenken handeln, selbst bei weitreichenden Entscheidungen. So habe ein Studienteilnehmer berichtet, wie er bei einem Mittagessen spontan die Firma eines Freundes kaufte, nachdem dieser ihm beim Essen erzählt hatte, dass er sich zur Ruhe setzen wolle. Auch andere Probanden hätten ohne Strategie große Summen in äußerst unsichere Projekte investiert.

Wichtig ist der Fokus auf die Firmenentwicklung
Die Langeweile in ihrem früheren Job veranlasste mehrere Befragte dazu, sich selbstständig zu machen, auch weil sie so jederzeit in der Lage sind, neuen eigenen Ideen nachzugehen. „Eine ausgeprägte Bereitschaft, Neues auszuprobieren und Risiken einzugehen, ist eine wichtige unternehmerische Eigenschaft“, betont Professor Patzelt. Das impulsive Handeln der Befragten habe allerdings nur dann zum Erfolg geführt, wenn die Probanden es auf Tätigkeiten fokussieren konnten, die wesentlich für die Firmenentwicklung waren. Wesentlicher Nachteil der Impulsivität seien Probleme mit Routinearbeiten wie beispielsweise der Buchführung.

Aufgaben im Hyperfokus
Als weiteren unternehmerischen Vorteil bei ADHS nennen die Forscher den sogenannten Hyperfokus, einen Zustand, bei dem sich Menschen mit ADHS auf eine Aufgabe, die sie besonders interessiert, außergewöhnlich intensiv konzentrieren. So habe ein Unternehmer zum Beispiel berichtet, dass er bei der Suche nach neuen Lösungen für seine Kunden oft völlig von der Arbeit absorbiert werde. „Unternehmerinnen und Unternehmer können sich mit Leidenschaft, Beharrlichkeit und dem Fachwissen, das sie aufgrund dessen aufbauen, einen großen Wettbewerbsvorteil verschaffen“, erläutert Professor Patzelt.

Erhöhtes Aktivitätslevel ein Vorteil
Das hohe Aktivitätslevel der Befragten bietet ihnen ebenfalls einen unternehmerischen Vorteil. So arbeiteten viele Befragte Tag und Nacht, ohne sich Freizeit zu nehmen, berichten die Forscher. Dies liege an dem Rausch, in den sie durch den Hyperfokus geraten, aber auch an der körperlichen Unruhe. Unternehmerinnen und Unternehmer nutzen dies als Kraft für ihren großen Arbeitsaufwand. Insgesamt wurde deutlich, dass ADHS bei den Probanden ein wesentlicher Faktor bei der Entscheidung war, sich selbstständig zu machen.. Auch habe ADHS Einfluss auf wichtige unternehmerische Eigenschaften wie Risikofreude, Leidenschaft, Beharrlichkeit und die Bereitschaft, viel Zeit zu investieren, so Professor Patzelt. Eine besondere Rolle spiele zudem die Impulsivität, denn für Menschen mit ADHS fühle sich intuitives Handeln richtig an, selbst wenn das Ergebnis schlecht sein sollte.

Impulsives Handeln als neuer Ansatz der Wirtschaftswissenschaften
Patzelt sieht in den Forschungsergebnis auch einen wichtigen Anstoß, bisherige Annahmen der Wirtschaftswissenschaften zu überdenken: „Wie wir unternehmerische Entscheidungen beurteilen, richtet sich stark an Rationalität und positiven Ergebnissen aus“, doch stelle sich die Frage, ob diese Entscheidungen im Angesicht einer unüberschaubaren Vielzahl an Unwägbarkeiten überhaupt immer rational sein können. „Menschen mit ADHS zeigen uns eine andere Logik, die vielleicht besser zu unternehmerischem Handeln passt“, so das Fazit von Patzelt. (fp)