Alkohol schädigt jährlich 10.000 Kinder

Heilpraxisnet

Alkoholkonsum während der Schwangerschaft schädigt jedes Jahr rund 10.000 Kinder. Damit ist das fetalen Alkoholsyndrom das am häufigsten nicht-genetische Krankheitsbild in Deutschland. Die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dychmanns fordert aus diesem Grund ein einheitliches Vorsorgeuntersuchungsprogramm sowie neue gesetzliche Rahmenbedingungen.

Das fetale Alkoholsyndrom (FASD) ist die am häufigsten nicht-genetische diagnostizierte Krankheitsbild von Kindern in Deutschland. Neuere Auswertungen weisen darauf hin, dass rund 10.000 Kinder jedes Jahr hiervon betroffen sind, wobei die Dunkelziffer deutlich höher liegt. Das sind rein statistisch gesehen doppelt so viele festgestellte Schädigungen bei Kindern, als beim Down-Syndrom. Zahlreiche Frauen konsumieren trotz einer Schwangerschaft Alkohol in zum Teil in erheblichen Mengen Dadurch wird die Entwicklung des Ungeborenen massiv geschädigt. Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ist keinesweigs selten. Zwölf bis fünfzehn Prozent der werdenden Mütter konsumieren mindestens einmal pro Monat Alkohol. Der Giftstoff setzt sich über die Plazenta direkt in den Blutkreislauf des ungeborenen Kindes fest. Schon geringe Mengen reichen aus, um das Kind nachhaltig und auf Dauer zu schädigen.

Mechthild Dyckmans, Drogenbeauftragte der schwarz-gelben Bundesregierung, fordert daher grundlegend neue Standardisierung bei den medizinischen Vorsorgeuntersuchungen. Hierdurch soll erreicht werden, das fetale Alkoholsyndrom frühzeitig und effektiver zu erkennen. Zudem wolle sich die Drogenbeauftragte dafür stark machen, neue verbindliche Leitlinien für Ärzte zu schaffen. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin fordert eine „eindeutige Agenda“ hierzu.

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Früherkennung von FASD muss in die Vorsorge aufgenommen werden
Die Vorsorge für Schwangere müsse um die Früherkennung von FASD erweitert werden. Eigens dazu sei aber eine Gesetzesänderung notwendig, so Dyckmans. Darüber hinaus soll den werdenden Müttern eine konsequente und effektive Hilfe angeboten werden, bevor die Säuglinge geschädigt werden. So mahnte die Drogenbeauftragte: "Alkohol muss während der Schwangerschaft tabu sein!" Denn die Schädigungen und späteren Beeinträchtigungen, die die Kinder davon tragen, sind massiv. So leiden Kinder mit einer festgestellten FASD z.B. unter Schädigungen des Wachstums, der kognitiven Fähigkeiten oder Hörminderungen. Oftmals liegen auch organische Leiden wie ein Herzfehler oder Gehirnschäden vor. Die Kinder leiden im späteren Alter vor allem unter einer geminderten Leistungsfähigkeit, einer verminderten Intelligenz, Verhaltensauffälligkeiten, Lern- und Schlafstörungen. Viele der beschriebenen Behinderungen zeigen sich erst viel später im Jugendlichen- oder Erwachsenenalter und können nach der Geburt des Kindes nicht festgestellt werden. Hierzu gehören beispielsweise Konzentrationsschwächen sowie ein auffälliges Sozialverhalten. In der Schule fallen die Kinder vor allem als „hyperaktiv“ und einem schlechten Lernverhalten auf. Oftmals kann aber zum Alkoholkonsum während der Schwangerschaft kein Bezug hergestellt werden.

Standardisierungen der FASD-Diagnostik
Neue Standardisierungen der Diagnostik sollen dabei helfen, frühzeitig eine Diagnose zu stellen. Zudem sollen Ärzte durch Diagnose-Standards geschult werden, damit Symptome und Auffälligkeiten besser erfasst werden können. Derzeit ist das Fachwissen in der Ärzteschaft noch nicht weit verbreitet, so Dyckmans. Durch die Standards soll Kindern frühzeitig geholfen werden. Die Beauftragte habe aus diesem Grund die medizinischen Fachgesellschaften gebeten, wissenschaftlich fundierte Leitlinien für Deutschland zu erarbeiten, die auf der Grundlage des neuesten Forschungsstands sind.

Der Präsident der Gesellschaft für Neuropädiatrie, Prof. Dr. Florian Heinen sieht derzeit keinen Mangel an Möglichkeiten eine differenzierte Diagnostik durchzuführen. Eine Neuordnung der Abläufe und Mittel können jedoch dabei helfen, um Standards in Praxen und Kliniken einzuführen. Heinen machte darauf aufmerksam, dass die Betroffenen im späterem Lebensalter unter dem Syndrom leiden. Die Betroffenen leiden gesellschaftlich unter den Behinderungen. Bei neuen Standards könne gezielte Therapien eingeleitet werden. Schon geringe Mengen von Alkohol während der Schwangerschaft gelten als gesundheitlich schädlich, da der Alkohol nicht wie bei einem erwachsene Körper relativ schnell abgebaut werden kann. Die eindeutige Formel während der Schwangerschaft sollte lauten: Schon das erste Glas ist eindeutig zu viel! (sb, 14.12.2010)