Alte Patienten nicht automatisch teurer

Fabian Peters

Überschätzte Zusatzkosten des demografischen Wandels

31.08.2012

Generell wird ein Großteil der steigenden Kosten im Gesundheitssystem dem demografischen Wandel beziehungsweise der Alterung der Bevölkerung zugeschrieben. Doch die Zusatzkosten alter Patienten werden laut Berechnungen der Krankenkasse Barmer GEK systematisch überschätzt. Nur ein Bruchteil der Kostensteigerungen gehe auf das höhere Durchschnittsalter zurück.

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„Routinemäßig begründen Ärzte und Kliniken“, laut Aussage des Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, „ihre Forderungen nach Honoraraufschlägen mit der altersbedingten Zunahme von Krankheitslasten.“ Doch „mehr ältere Patienten bedeuten nicht zwangsläufig mehr Behandlungsbedarf“, betonte der Barmer GEK-Chef Dr. Christoph Straub. Die tatsächlichen Kostensteigerungen in den Jahren 2007 bis 2010 sind laut Berechnungen der Barmer GEK nur zu 18 Prozent durch „reine Altersstruktureffekte“ bedingt. Das Argument des demografischen Wandels „werde zu sehr in den Vordergrund geschoben“, so die Mitteilung der größten deutschen Krankenkasse.

Alterung der Bevölkerung bedingt nur einen Bruchteil der Kostensteigerung
In den vergangenen Jahren wurden Kostensteigerungen im Gesundheitswesen häufig mit der Alterung der Bevölkerung begründet. Doch diese ist laut Berechnungen der Barmer GEK tatsächlich für weniger als ein Fünftel des Ausgabenzuwachses verantwortlich. Von dem jährlichen Anstieg der Kosten um durchschnittlich rund 88 Euro pro Kopf in den Jahren 2007 bis 2010 waren jeweils nur 16 Euro (18 Prozent) durch den demografischen Wandel bedingt, berichtet die Krankenkasse. Demnach verursachen ältere Patienten deutlich weniger Kosten, als allgemein angenommen. Tatsächliche Kostentreiber seien viel mehr der medizinisch-technische Fortschritt, die veränderten Angebotsstrukturen, Preiserhöhungen sowie die zunehmende Vermarktung medizinischer Leistungen, erläuterten die Experten der Barmer GEK am Donnerstag in Berlin. Die Aussage hat eine gewisse Brisanz, da Dr. Straub gleichzeitig darauf verwies, dass Forderungen nach Honoraraufschlägen der Ärzteschaft „routinemäßig mit der altersbedingten Zunahme von Krankheitslasten“ begründet würden.

Verhandlungen zwischen Ärzteschaft und Krankenkassen
Die Veröffentlichung der Barmer GEK-Ergebnisse erfolgte parallel zu der entscheidenden Verhandlungsrunde zwischen Ärzteschaft und Krankenkassen über die zukünftige Vergütung. Hier drängt sich der Verdacht eines gewissen Kalküls auf, da die Berechnungen tendenziell die Argumentation der Krankenkassen stärken. Diese hatten sich in den Verhandlungen massiv gegen die Forderung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung nach zusätzlichen 3,5 Milliarden Euro gewehrt und stattdessen eine Absenkung des Orientierungswertes für die Vergütung ins Gespräch gebracht. Der nun gefällte Schlichterspruch sieht eine Anhebung der Vergütung um 0,9 Prozent beziehungsweise rund 300 Millionen Euro vor. Ein Ergebnis mit dem die Krankenkassen zufrieden seien können. Die Ärzte denken hingegen über weitere Wege nach, um ihre Forderung nach einer deutlichen Anhebung der Vergütung doch noch zu erreichen.

Altersbedingte Kostensteigerungen erreichen 2013 ihren Höhepunkt
Die von der Barmer GEK präsentierten Zahlen zeigen zwar, dass die Demografie-bedingte Kostensteigerung im Gesundheitssystem geringer ausfällt, als bislang angenommen. Doch die Berechnungen machen auch deutlich, dass hier in den vergangenen Jahren ein kontinuierlich steigender Mehraufwand zu verzeichnen war. Als Argument gegen einen deutlichen Gehaltsanstieg der Ärzte dienen die Zahlen daher nur begrenzt. Laut Aussage des Autors der aktuellen Studie, Uwe Repschläger, Leiter des Bereichs Unternehmenssteuerung bei der Barmer GEK, werden die Kostensteigerungen durch den Einfluss des demografischen Wandels allerdings bereits im Jahr 2013 ihren Höhepunkt erreichen. Anschließen seien bis zum Jahr 2040 nur noch jährliche Zunahmen zwischen 11 und 13 Euro pro Kopf zu erwarten. (fp)