Amerikanisches Trinkwasser mit Chrom verseucht

Fabian Peters

Wie im Spielfilm: Amerikanisches Trinkwasser mit Chrom verseucht: 17 Millionen Amerikaner trinken täglich verseuchtes Wasser

21.12.2010

US-Umweltschützer der Organisation Environmental Working Group (EWG) haben Wasserproben in 35 amerikanischen Städten genommen und auf Schadstoffe untersucht. Die Forscher der Non-Profit-Organisation kamen dabei zu dem erschreckenden Ergebnis, dass in 31 Städten das krebserregende Metall Chrom VI im Trinkwasser enthalten ist. Was an den auf Tatsachen basierten Film „Erin Brockovich“ aus dem Jahr 2000 erinnert, übertrifft sämtliche bisher bekannten Trinkwasserbelastungen um ein Vielfaches.

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Erin Brockovich deckte Umweltskandal auf
In der wahren Geschichte, die dem Film „Erin Brockovich“ zugrunde liegt, deckte eine Rechtsanwaltsgehilfin Mitte der 1990er Jahre einen Umweltskandal in der kleinen kalifornischen Ortschaft Hickley auf und erstritt vor Gericht eine erhebliche Entschädigung für die Betroffenen. Das Trinkwasser von etwa 600 Anwohnern war über Jahre hinweg mit gefährlichen Chrom VI verseucht, wodurch die Betroffenen teilweise erhebliche gesundheitliche Problem in Kauf nehmen mussten. Die im Film von Julia Roberts gespielte Erin Brockovich hatte von dem Energieriesen Pacific Gas and Electric, der die Substanz über Jahre ins Grundwasser der Ortschaft leitete, 1996 einen Schadenersatz von 333 Millionen US-Dollar für die Einwohner Hickleys vor Gericht erstritten. Nachdem PG & E den rund 600 Betroffenen mit den Worten, dies sei „mehr, als sie sich jemals erträumen konnten“, ursprünglich lediglich 20 Millionen Dollar zugestehen wollte, konterte die Rechtsanwaltsgehilfin vor Gericht: „Nehmen Sie Ihren Rechner heraus und multiplizieren Sie die vorgeschlagene Summe mal 100“.

Aktuelle Situation weit schlimmer als im Film
Die jetzt von der EWG analysierten Wasserproben zeigen jedoch, dass sich die aktuelle Situation weit katastrophaler darstellt als die Film gewordene Geschichte der Erin Brockovich. In 31 von 35 Städten waren die Wasserproben mit giftigem, krebserregenden Chrom IV belastet. Die Lebensmittelexpertin der EWG, Jane Houlihan, die die Testreihe betreut hat, betonte gegenüber dem Fernsehsender „CNN“: „Wir gehen davon aus, dass mindestens 17 Millionen Amerikaner dieses verseuchte Wasser trinken“. Auch in große Städte wie beispielsweise Chicago oder Washington sei der empfohlene Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für sechswertiges Chrom um mehr als das Dreifache überschritten worden, berichten die Forscher der EWG. Am stärksten sei die Giftstoffbelastung des Trinkwassers in der Kleinstadt Norman (Oklahoma) gewesen, wo fast 13 Milligramm Chrom VI in einem Kubikmeter Trinkwasser nachgewiesen wurden, was zweihundert Mal mehr ist, als der WHO-Grenzwert vorgibt. Dicht hinter Norman lag die Trinkwasserbelastung in Honolulu (Hawaii) und Riverside (Kalifornien), so die Aussage der EWG.

Giftiges, krebserregendes Chrom VI im Trinkwasser
„Bei einem so hohen Level sollten besonders gefährdete Menschen wie Schwangere und Kinder auf Flaschenwasser umsteigen“, betonte Jane Houlihan. Zwar sei Chrom nicht grundsätzlich gefährlich sondern komme regelmäßig im Wasser oder in Lebensmitteln vor und sei sogar eine wichtige Substanz für den Körper, doch sechswertiges Chrom stelle ein ernsthaftes gesundheitliches Risiko dar, erklärte die Lebensmittelexpertin. Chrom VI könne beispielsweise zu Leber- und Nierenschäden, Geschwüren, Erblindungen, Lähmungen sowie Leukämie und anderen Krebsformen führen, erläuterte Houlihan. In den USA bestehen bisher keine Grenzwerte für Chrom VI (Ausnahme Kalifornien), so dass die Bevölkerung nur unzureichend vor den jetzt nachgewiesenen Belastungen geschützt ist. Das gefährliche Material wird weiterhin massenweise in der Kunststoff- und Färbemittelproduktion, in Stahl- und Zellstofffabriken sowie beim Gerben von Leder und in der Verchromung eingesetzt, erklärte Houlihan im Namen der EWG. Auch Erin Brockovich meldete sich angesichts der aktuellen Studienergebnisse zu Wort: „Diese Chemikalie wurde weithin von so vielen Firmen in den USA eingesetzt, dass mich das Ergebnis nicht überrascht. Das ist eine Chemikalie, deren Gebrauch reguliert werden muss.“

EPA will zeitnahe Grenzwerte für Chrom VI erlassen
Die amerikanische Umweltschutzbehörde „Environmental Protection Agency“ (EPA) scheint den Handlungsbedarf mittlerweile erkannt zu haben und zeigte sich – aufgeschreckt durch die Veröffentlichung der EWG-Testergebnisse – bereit, zeitnah eine Höchstgrenze für sechswertiges Chrom im Leitungswasser einzuführen. Warum dies bisher noch nicht geschehen ist, wo doch das US-Gesundheitsministerium bereits im vergangenen Oktober zu dem Ergebnis kam, dass mit Chrom VI verseuchtes Trinkwasser an Labortieren „deutliche Anzeichen krebserregender Wirkung“ zeigte, ist jedoch nicht nachzuvollziehen. In Europa bestehen bereits seit langem entsprechende Richtlinien und Grenzwerte, die den Chrom-VI-Gehalt des Trinkwassers regeln, so dass den Aussagen des Greenpeace-Chemikers Herwig Schuster zufolge keine Probleme mit Chrom (VI) bekannt sind. In den USA wären die betroffenen Wasserwerke bei der Einführung eines Grenzwertes dazu gezwungen in ihre Anlagen bessere Filter einzubauen, um den Chrom-Gehalt des Trinkwassers zu reduzieren müssen, so die Einschätzung der EWG. (fp)