Andauernd Müde: Immer mehr Menschen leiden unter chronischem Schlafmangel

Sebastian
Gähnende Menschen sind heute im Alltag normal
Mehr als sieben Stunden schlafen die Menschen hierzulande im Durchschnitt pro Nacht. Das ist nicht wenig und reicht eigentlich aus, um am nächsten Tag fit und ausgeruht zu sein. Doch ein Großteil der Bevölkerung scheint dennoch ständig müde zu sein und schon morgens begegnen wir überall gähnende und unausgeschlafene Menschen. Wie kann das sein? Schlafen wir heute „anders“ als früher? Experten gehen davon aus, dass der Druck der ständigen Verfügbarkeit eine zentrale Rolle spielt. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur „dpa“ erklären sie das Phänomen der „gähnenden Gesellschaft“.
Schlaf sollte eine hohe Priorität haben
„Unsere durchschnittliche tägliche Schlafdauer liegt bei 7 Stunden und 15 Minuten“, erklärt Alfred Wiater, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Wie viel Schlaf ein Mensch braucht, ist ganz unterschiedlich und hänge laut dem Schlafmediziner Peter Young von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster von den individuellen sozialen Umständen sowie von der genetischen Disposition ab. Unabhängig davon, ob jemand sechs oder neun Stunden Ruhe braucht, um sich erholt zu fühlen, müsse Schlaf eine hohe Priorität im Leben haben, so Young weiter.

Eine gähnende Gesellschaft: Immer mehr Menschen leiden unter chronischem Schlafmangel. Bild: Jeanette Dietl - fotolia
Eine gähnende Gesellschaft: Immer mehr Menschen leiden unter chronischem Schlafmangel. Bild: Jeanette Dietl – fotolia

Sechs Prozent der Bevölkerung befinden sich in Behandlung
Doch wer unter Anspannung und Stress steht, hat oft Probleme mit dem Schlafen. Entweder kommen Betroffene gar nicht zur Ruhe und wälzen sich ständig hin und her. Oder sie wachen nachts ständig auf und fühlen sich dementsprechend am nächsten Morgen wie gerädert. 41 Prozent der Deutschen haben laut einer repräsentativen Umfrage der Max Grundig Klinik in Bühl Angst vor Schlaflosigkeit und rund sechs Prozent der Bevölkerung sind bereits derart stark betroffen, dass sie eine Behandlung benötigen.
Die Schlafstörungen führen bei ihnen zu einer verminderten Leistungsfähigkeit und belasten das persönliche Wohlbefinden oft stark. Eine Entwicklung, die viele Experten als sehr riskant einstufen. Vom 3. bis 5. Dezember diskutieren sie auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin in Mainz zum einen die Ursachen für schlechten Schlaf, aber auch die Auswirkungen auf das Privat- und Berufsleben.

Erhöhtes Schlaganfall-Risiko durch Schlafmangel
Gründe für die Schlafprobleme können organische Erkrankungen, psychische Störungen, Schichtarbeit und auch die Nebenwirkung bestimmter Medikamente sein. Auch das Handy könne eine Rolle spielen, denn „wir wissen von Jugendlichen, wenn sie vor dem Einschlafen und später im Bett noch viel mit dem Handy daddeln, dass sie schlechter schlafen“, erklärt der Psychologe und Leiter eines pfälzischen Schlafzentrums, Hans-Günter Weeß. Neben dem gebe es aber noch einen weiteren Aspekt, der jedoch bisher zu wenig Beachtung erhält, so Weeß. „Das ist die innere Einstellung des Patienten zur Nacht und zum Schlaf.“ Betroffenen würde es in diesem Fall oft nicht gelingen, mit dem Tag „abzuschließen“ und zur Ruhe zu kommen.

„Wir leben in einer 24-Stunden-Gesellschaft, sind ständig erreichbar, ständig mit dem Arbeitsplatz und anderen Menschen verbunden. Das Abschalten fällt uns einfach immer schwerer“, erklärt Weeß im Gespräch mit der Nachrichtenagentur. Stattdessen würde auch im Bett noch gegrübelt und über Probleme nachgedacht. Mit fatalen Folgen, denn dies erhöhe die Anspannung, „und die Anspannung ist der größte Feind des Schlafes“, ergänzt der Experte. In der Folge kann es zu erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen kommen. Denn neben typischen Symptomen von Schlafmangel wie erhöhter Reizbarkeit, nachlassender Konzentrations- und Leistungsfähigkeit steigt auch das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie z.B. Bluthochdruck oder Arteriosklerose, Übergewicht und einige Krebsarten.

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Frauen schlafen objektiv schlechter als Männer
Folgt man objektiven Messungen, würden Frauen laut Weeß im gemeinsamen Schlafzimmer schlechter schlafen, während es sich bei Männer genau gegenteilig verhält. Aus subjektiver Sicht würden es allerdings beide Geschlechter vorziehen, zu zweit zu schlafen. „Das gemeinsame Schlafen bietet für beide Geschlechter ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit“, erklärt der Psychologe weiter. Dass die Frau trotzdem objektiv schlechter schlafe, ließe sich evolutionsbiologisch erklären, denn sie sei genetisch so „programmiert“ dass sie theoretisch rund um die Uhr für die Familie verantwortlich ist. „Sie schlafen sozusagen an ihrem Arbeitsplatz.“

Zu wenig Schlaf kann zu realitätsfernem Optimismus führen
Viele Menschen fragen sich, wie es viel beschäftigte Politiker oder Top-Manager über längere Zeit durchhalten, nur sehr wenige Stunden pro Nacht zu schlafen und trotzdem ihre Arbeit auszuführen. „Vielleicht zählt die eine oder andere Politikerin oder der eine oder andere Politiker zu den Kurzschläfern und ist daher trotz wenig Schlaf voll leistungsfähig“, so Alfred Wiater. Hier sei allerdings zu berücksichtigen, dass zu wenig Schlaf „realitätsfernen Optimismus und erhöhte Risikobereitschaft“ begünstigen könne. Daher sollten sich Politiker „über den Stellenwert erholsamen Schlafes für verantwortungsvolles Handeln im Klaren sein“, betont der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin.

Natürliche Hausmittel gegen Schlafstörungen
Wer sich bei Schlafstörungen Hilfe durch Gesundheits-Apps und so genannte „Schlaftracker-Armbänder“ erhofft, sollte den Experten nach unbedingt darauf achten, dass diese Angebote wissenschaftlich überprüft wurden. Ansonsten könnten die gewonnenen Informationen schnell zu Fehlinterpretationen und damit zu noch mehr Verunsicherung führen. Wer länger als drei bis vier Wochen schlecht schläft und dadurch z.B. unter erhöhter Reizbarkeit oder Konzentrationsstörungen leidet, sollte daher besser den Hausarzt zu Rate ziehen, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Denn liegt z.B. eine Schilddrüsenüberfunktion als Ursache vor, kann diese durch spezielle Tests schnell nachgewiesen werden.

Die Ursachenforschung ist sehr wichtig, denn auch psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angsterkrankungen können Schlafprobleme auslösen – ebenso wie ein schlechter Schlaf andersherum auch zur Entstehung und Verstärkung seelischer Krankheiten beitragen kann. Ergänzend können bei der Behandlung auch wirksame Hausmittel bei Schlafstörungen eine gute Unterstützung bieten. Hilfreich sind oft zum Beispiel Entspannungstechniken wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung. Ebenso kann ein Tee aus Passionsblume oder Kamille als natürliches „Beruhigungsmittel“ dienen und einen entspannten, gesunden Schlaf fördern. (nr)