Angst vor Atomkatastrophe: NRW deckt sich mit Millionen Jodtabletten ein

In Nordrhein-Westfalen werden massenhaft Jodtabletten eingelagert, um die Bevölkerung vor möglichen Atomunfällen zu schützen. Die Bevölkerung des Bundeslandes ist besonders besorgt. (Bild: anoli/fotolia.com)
Alfred Domke
Katastrophenschutz: NRW lagert massenhaft Jodtabletten ein
Nordrhein-Westfalen lagert massenhaft Jodtabletten ein, um die Bevölkerung vor möglichen Atomunfällen zu schützen. In dem westdeutschen Bundesland ist die Sorge vor Verstrahlung besonders groß. Gesundheitsexperten warnen vor der „vorsorglichen“ Einnahme solcher Medikamente.

Schutz bei einem Reaktorunfall
In Nordrhein-Westfalen lagern zum vorbeugenden Schutz bei einem Reaktorunfall massenhaft Jodtabletten. Im Herbst rüsten sich die Katastrophenschutzämter landesweit mit Millionen zusätzlicher solcher Medikamente aus. Eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums sagte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, NRW sei das einzige Bundesland, das flächendeckend für alle besonders schutzbedürftigen Personen Jodtabletten dezentral vorhalte.

In Nordrhein-Westfalen werden massenhaft Jodtabletten eingelagert, um die Bevölkerung vor möglichen Atomunfällen zu schützen. Die Bevölkerung des Bundeslandes ist besonders besorgt. (Bild: anoli/fotolia.com)
In Nordrhein-Westfalen werden massenhaft Jodtabletten eingelagert, um die Bevölkerung vor möglichen Atomunfällen zu schützen. Die Bevölkerung des Bundeslandes ist besonders besorgt. (Bild: anoli/fotolia.com)

Kaliumjodid schwächt Aufnahme radioaktiven Jods ab
Den Angaben zufolge wird Kaliumjodid bei nuklearen Zwischenfällen eingesetzt, da es die Aufnahme radioaktiven Jods im Körper stark abschwächt. Den 2015 aktualisierten Empfehlungen der Strahlenschutzkommission beim Bundesministerium für Reaktorsicherheit zufolge sollen nun Jodtabletten für einen erweiterten Personenkreis vorgehalten werden. „Iodtabletten sättigen die Schilddrüse mit nicht-radioaktivem Iod und verhindern damit bei rechtzeitiger Einnahme die Anreicherung von radioaktivem Iod in der Schilddrüse“, heißt es in den Rahmenempfehlungen der Kommission.

Vor einer „vorsorglichen“ Medikation wird gewarnt
Und weiter: „Eine Einnahme ist nur dann erforderlich, wenn nach der Lagebeurteilung tatsächlich eine erhebliche Freisetzung radioaktiven Iods befürchtet werden muss und die Eingreifrichtwerte möglicherweise überschritten werden.“ Gesundheitsexperten wie etwa die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) raten dringend von einer „vorsorglichen“ Eigenmedikation ab. Eine unzweckmäßige Einnahme von Jodtabletten kann dem Körper gesundheitlichen Schaden zufügen. Es droht zum Beispiel eine Schilddrüsenüberfunktion.

Keine Atomkraftwerke in NRW
In NRW gibt es zwar keine Atomkraftwerke, doch die Sorge ist hier besonders groß. Schuld daran sei die Pannenserie in Atommeilern im benachbarten Belgien. Nach mehreren Störfällen sind die Reaktoren Doel in der Nähe von Antwerpen und Tihange, das etwa 70 Kilometer von Aachen entfernt liegt, heftig umstritten. Sie waren bereits mehrfach aus Sicherheitsgründen abgeschaltet worden.

Jodtabletten für alle Schwangeren, Stillenden und Minderjährigen
Den neuen Empfehlungen zufolge sollen Jodtabletten jetzt für alle Schwangeren, Stillenden und Minderjährigen bundesweit vorrätig gehalten werden. Zuvor galt die Empfehlung nur für jene in einem 100-Kilometer-Radius um Atomkraftwerke. Darüber hinaus werden in diesem Nahbereich alle bis zu 45-Jährigen in die Prophylaxe einbezogen.

Mehrbedarf von 21 Millionen Tabletten
Nach Ministeriumsangaben hatte NRW 2014 als bislang immer noch einziges Bundesland sein Kontingent an Jodtabletten aus den Zentrallagern des Bundes abgeholt und auf die Gemeinden verteilt. Allerdings hätten die neuen Empfehlungen einen Mehrbedarf von rund 21 Millionen Tabletten geschaffen.

Kosten von rund 800.000 Euro
Wie die Sprecherin erklärte, sei eigentlich der Bund für die Anschaffung der sogenannten Jod-Blockade zuständig. Da dieser jedoch nicht konkret aktiv geworden sei, habe sich das westdeutsche Bundesland entschieden, das Medikament selbst zu beschaffen. Den Angaben zufolge lägen die Kosten bei rund 800.000 Euro. Das Land behält sich vor, eine Kostenerstattung einzufordern. (ad)

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