Antibiotika macht Babys dick

Fabian Peters

Antibiotika-Einnahme im frühen Kindesalter mögliche Ursache für späteres Übergewicht

23.08.2012

Erhalten Kinder im Babyalter Antibiotika, erhöht dies das Risiko von Übergewicht im späteren Lebensverlauf. Zu diesem Ergebnis kommen zwei Studien die in dem Fachmagazin „Nature“ und dem „International Journal of Obesity“ veröffentlicht wurden. Laut Aussage der Forscher wird durch die Einnahme der Antibiotika in den ersten sechs Lebensmonaten die Darmflora, die Aktivität bestimmter Gene und der Stoffwechsel beeinflusst.

Mehr zum Thema:

Wie die Forscher um den Mikrobiologen Martin Blaser von der New York University School of Medicine im „International Journal of Obesity“ berichten, war „die Exposition gegenüber Antibiotika während der ersten sechs Monate des Lebens mit einem konsistenten Anstieg der Körpermasse“ in den späteren Lebensmonaten verbunden. Die zweite ebenfalls von Martin Blaser und Kollegen durchgeführte und im Fachmagazin „Nature“ veröffentlichte Studie zeigt anhand von Tierversuchen mit Mäusen, dass der Zusammenhang zwischen dem Antibiotika-Einsatz und der Gewichtszunahme auf eine veränderte Zusammensetzung und Funktionsfähigkeit der Darmflora, die Aktivität bestimmter Gene und die Umstellung des Stoffwechsels zurückzuführen ist.

Antibiotika-Einsatz bei über 11.000 Kindern ausgewertet
Die beiden aktuellen Studien des Forscherteams um Martin Blaser verdeutlichen, dass die Einnahme von Antibiotika im Babyalter einen Einfluss auf die spätere Entwicklung von Übergewicht hat. Die Wissenschaftler stützten ihre statistischen Untersuchungen auf die „Avon Longitudinal Study of Parents and Children“ (ALSPAC), welche die Daten von 11.532 Kindern umfasst, die in den Jahren 1991-1992 in Großbritannien geboren wurden. In der ALSPAC wurde unter anderem die Antibiotika-Einnahme „während drei verschiedenen frühen Zeitfenster“ im Leben der Kinder überprüft, berichten Blaser und Kollegen. Die Studie gibt die Antibiotika-Exposition der Kinder während der ersten sechs Lebensmonate, zwischen dem sechsten und dem vierzehnten Lebensmonat und zwischen dem 15 und 23 Lebensmonat wieder. Zudem wurde die Körpermasse der Kinder (der Body-Mass-Index) zu fünf Zeitpunkten (nach 6 Wochen, 10 Monaten, 20 Monaten, 38 Monaten und 7 Jahren) erfasst.

Zusammenhang zwischen der Antibiotika-Einnahme und dem Übergewichtsrisiko
Anhand der Daten konnten die Wissenschaftler einen eindeutigen statistischen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Antibiotika in den ersten sechs Lebensmonaten und der Entwicklung von Übergewicht bis zum Alter von drei Jahren feststellen. Durch die Antibiotika-Exposition wurde das Übergewichtsrisiko im Alter zwischen zehn und 38 Monaten um bis zu 22 Prozent erhöht, berichten Blaser und Kollegen. Die Einnahme von antimikrobiellen Medikamenten im späteren Lebensverlauf habe indes keinen vergleichbaren Zusammenhang mit der Entwickelung des Body-Mass-Index ergeben. Zwar sei der beobachtete Effekt auch bei der Antibiotika-Exposition in den ersten sechs Lebensmonaten nicht besonders gravierend gewesen, doch der Zusammenhang war statistisch eindeutig, schreiben die US-Wissenschaftler. Aus dieser rein statistischen Untersuchung ergibt sich allerdings noch nicht, ob und wie die Antibiotika für die Entstehung des Übergewicht verantwortlich sind.

Veränderte Darmflora, Aktivität der Gene und Umstellung des Stoffwechsels durch Antibiotika
Die zweite Studie von Martin Blaser und Kollegen liefert indes Hinweise darauf, wie die frühe Antibiotika-Exposition zu einer gesteigerten Gewichtszunahme in den kommenden Lebensmonaten führen kann. Die in Versuchen an Mäusen festgestellte Auswirkung der Einnahme gängiger Antibiotika auf das Gewicht der Tiere, bietet außerdem eine mögliche Erklärung dafür, warum die Medikamente in der Mast von Nutztieren einen wachstumsfördernden Effekt erzielen. Die Forscher verabreichten den Tieren unterschiedliche antimikrobielle Medikamente, darunter Antibiotika wie Penicillin, Tetracyclin und Vancomycin, in Dosen, wie sie illegaler Weise auch in Deutschland noch zur Wachstumsförderung in der Tiermast eingesetzt werden. Bei der Behandlung von Krankheiten kommen üblicherweise deutlich höhere Wirkstoffkonzentrationen zum Einsatz. Anschließend beobachteten die Wissenschaftler die Entwicklung des Körpergewichts der Tiere. Dabei stellten sie fest, dass die Mäuse mit Antibiotika-Exposition im Vergleich zu einer Kontrollgruppe nach sieben Wochen einen höheren Körperfettanteil aufwiesen, auch wenn ihr Gewicht sich zu diesem Zeitpunkt noch im Rahmen bewegte. Nach einem halben Jahr (26 Wochen) zeigten die Antibiotika-Mäuse nicht nur eine andere Körperfettverteilung, sondern auch ein deutlich höheres Körpergewicht als ihre Artgenossen, schreiben Blaser und Kollegen.

Antibiotika-Einnahme hat vermehrte Fetteinlagerungen zur Folge
Laut Aussage der Wissenschaftler, hat die Antibiotika-Exposition die Darmflora der Mäuse nachhaltig verändert und zudem einen erhöhten Spiegel der Hormone, die im Zusammenhang mit dem Stoffwechsel stehen, bedingt. Die Anzahl der Bakterien in der Darmflora sei zwar annähernd gleich geblieben, doch deren Zusammensetzung habe sich grundlegend verschoben, berichtet das Forscherteam um Martin Blaser. Außerdem beobachteten die Mikrobiologen Veränderungen bei der Aktivität bestimmter Schlüsselgene, die im Zusammenhang mit der Verwertung von Kohlenhydraten und kurzkettigen Fettsäuren stehen. Das Zusammenspiel der unterschiedlichen Folgen des Antibiotika-Einsatzes hat offenbar zur Folge, dass mehr Nährstoffe aus der Nahrung gewonnen, mehr Kalorien pro Mahlzeit aufgenommen und zusätzliche Fetteinlagerungen gebildet werden können. Die frühe Antibiotika-Exposition beeinflusse auf diesem Wege die körperliche Entwicklung und führe letztendlich zu einem höheren Übergewichtsrisiko, so das Fazit von Blaser und Kollegen. Der zu beobachtende parallele Anstieg des Antibiotika-Einsatzes und des Übergewichts weltweit könnte demnach möglicherweise im kausalen Zusammenhang stehen. Generell sollte der übermäßige Antibiotika-Einsatz in der Medizin aber auch in der Nutztierhaltung auch aus diesem Grund dringend überdacht, erklärten die Experten. (fp)