Antidepressiva in der Schwangerschaft erhöhen Autismus-Risiko bei Kindern

Fabian Peters
Wahrscheinlichkeit einer Autismus-Erkrankung durch Antidepressiva in der Schwangerschaft deutlich erhöht
Die Einnahme von Arzneimitteln während der Schwangerschaft ist oftmals mit erheblichen Risiken für die ungeborenen Kinder verbunden. So hat eine aktuelle Studie gezeigt, dass der Einsatz von Antidepressiva in der Schwangerschaft zu einem erhöhten Autismus-Risiko bei den Kindern führt. Das Forscherteam um Prof. Anick Bérard von der Universität Montreal kommt zu dem Schluss, dass die Einnahme von Antidepressiva während des zweiten oder dritten Trimester der Schwangerschaft das Risiko einer Autismus-Erkrankung verdoppelt. Insbesondere, wenn Mütter sogenannte selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) einnehmen, unterliegen die Kinder laut Aussage der Forscher einem drastisch erhöhten Autismus-Risiko.

Zwar sind die Ursachen von Autismus-Erkrankungen bis heute nicht abschließend geklärt, doch wurden bei verschiedenen Umweltfaktoren und genetischen Veranlagungen eindeutige Zusammenhänge nachgewiesen. Angesichts des Anstiegs der Verschreibung von Antidepressiva an schwangere Frauen in den USA, gingen die Forscher in ihrer aktuellen Studie nun der Frage nach, ob die Antidepressiva möglicherweise einen Einfluss auf das Autismus-Risiko haben. Ihre Ergebnisse wurden in dem Fachmagazin „JAMA Pediatrics“ veröffentlicht.

Die Einnahme von Antidepressiva in der Schwangerschaft führt zu einem erhöhten Autismus-Risiko bei den Kindern. (Bild: dubova/fotolia.com)
Die Einnahme von Antidepressiva in der Schwangerschaft führt zu einem erhöhten Autismus-Risiko bei den Kindern. (Bild: dubova/fotolia.com)

Knapp 150.000 Schwangerschaften ausgewertet
Die Wissenschaftler um Prof. Bérard untersuchten die Wirkung von Antidepressiva auf das Autismus-Risiko bei Kindern anhand der Daten aus der „Québec Pregnancy/Children Cohort“-Studie zu knapp 150.000 Schwangerschaften. Neben Informationen über die Verwendung von Antidepressiva wurden in dieser auch eine Fülle weiterer Daten erfasst, die möglicherweise einen Einfluss auf das Autismus-Risiko haben, wie beispielsweise eine genetische Veranlagung, das Alter der Mütter und sozioökonomische Faktoren. Auch unter Berücksichtigung dieser Einflussgrößen zeigte sich laut Aussage der Forscher ein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Autismus-Risiko und der Einnahme von Antidepressiva während des zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittels. Der Fokus lag in der Untersuchungen auf diesem Zeitraum, da die Gehirnentwicklung des Kindes während dieser Zeit besonders anfällig für äußere Einflüsse ist, erläutert Prof. Bérard. Bis zum Alter von sieben Jahren wurde die Gesundheit der Kinder weiter beobachtet und das Auftreten autistischer Störungen erfasst.

Autismus-Risiko verdoppelt
Die Forscher ermittelten nach eigenen Angaben einen eindeutigen statistischen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Antidepressiva während der Schwangerschaft und den diagnostizierten Autismus-Erkrankungen bei den Kindern. Die Einnahme von Antidepressiva während des zweiten oder dritten Schwangerschaftsdrittels habe das Risiko, dass das Kind bis zum Alter von sieben Jahren an Autismus erkrankt, fast verdoppelt, schreiben Bérard und Kollegen. Die Ergebnisse seien von besonderer Relevanz, da sechs bis zehn Prozent der schwangeren Frauen in den USA aufgrund von Depressionen mit Antidepressiva behandelt werden. Von den Kinder in der Studie entwickelten 1.054 eine autistische Störung (0,72% der Studienteilnehmer), wobei die Betroffenen zum Zeitpunkt der Diagnose durchschnittlich 4,5 Jahren alt waren. Fast bei einem Drittel der Kinder mit Autismus hatten die Mütter während der Schwangerschaft Antidepressiva eingenommen.

Anstieg der Autismus-Erkrankungen
Allgemein hat sich die Prävalenz von Autismus bei Kindern laut Aussage der Forscher seit dem Jahr 1996 bis heute von vier auf 100 von 10.000 Kindern erhöht. Diese Zunahme sei zum Teil auf eine bessere Erkennung beziehungsweise eindeutigere Kriterien für die Diagnose zurückzuführen, doch haben sich nach Einschätzung der Experten auch bestimmte Umweltfaktoren verändert, die im Zusammenhang mit den Erkrankungen stehen. Die vermehrte Verschreibung von Antidepressiva bei schwangeren Frauen sei offensichtlich einer dieser Faktoren. Dass insbesondere SSRI eine drastische Erhöhung des Autismus-Risikos bedingen, erscheine plausibel, „da Serotonin an zahlreichen prä- und postnatalen Entwicklungsprozessen beteiligt ist, einschließlich der Schaffung von Verbindungen zwischen den Gehirnzellen“, so Prof. Bérard.

Antidepressiva trotz Risiko sinnvoll?
Trotz des nachgewiesenen Zusammenhangs zwischen der Einnahme von Antidepressiva in der Schwangerschaft und dem Autismus-Risiko bei den Kindern ist die Verschreibung nach Ansicht der Forscher unter Umständen sinnvoll, da Depressionen schwere Risiken für das Leben der Mutter und des ungeborenen Kindes mit sich bringen können. So werden Antidepressiva voraussichtlich auch in Zukunft während der Schwangerschaft verschrieben. Doch ein besseres Verständnis der langfristigen Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder sei hier dringend erforderlich, betonen Prof. Bérard und Kollegen. (fp)