Antidepressivum Reboxetin unwirksam?

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"Reboxetin" unwirksam – IQWiG fordert Publikationspflicht für Studien
Das Antidepressivum „Reboxetin“ des Pharmakonzerns Pfizer „ist insgesamt ein ineffektives und potentiell schädliches Antidepressivum". Zu dem Ergebnis kommen die Autoren um Dirk Eyding und Beate Wieseler vom deutschen Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in der aktuellen Ausgabe des „British Medical Journal“. Das beunruhigende: Pfizer liegen offenbar schon lange 16 verschiedene Studien vor, die zu dem genannten Ergebnis kommen. Der Pharmakonzern hat den Genehmigungsbehörden jedoch einen Großteil der Untersuchungen offenbar mutwillig vorenthalten.

„Reboxetin“ sollte bei Depressionen helfen
„Reboxetin“ wird als selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (NARI) bei Patienten mit Depressionen eingesetzt. Der Wirkungsmechanismus basiert im Gegensatz zu den meisten modernen Antidepressiva (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), auf dem Anstieg von Noradrenalin statt Serotonin. Laut dem Pharmakonzern Pfizer soll der Wirkstoff dem Verlust von Interesse, Energie und Lebensfreude sowie der begleitenden Hoffnungslosigkeit, den Konzentrationsstörungen und der Hilflosigkeit bei Depressionspatienten entgegenwirken. Mit Präparaten wie „Edronax“ und „Solvex“, die den Wirkstoff „Reboxetin“ enthalten, werden auch in Deutschland depressive Patienten behandelt.

Wirkstoff seit 1997 in Deutschland zugelassen
Die Zulassung hat „Reboxetin“ in Deutschland bereits 1997 erhalten , wobei der Beurteilung
durch die Zulassungsbehörden jedoch nur sechs Studien zur Verfügung gestellt wurden, die alle zu einem positiven Ergebnisse im Sinne des Pharmakonzern kamen. Während viele europäische Zulassungsbehörden den Wirkstoff auf Basis der bekannten Studien zuließen, verweigerte die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA dem Konzern Pfizer im Mai 2001 jedoch die Markteinführung mangels überzeugender Wirkungsbelege (“lack of compelling evidence of efficacy”). Der Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) hat Anfang 2002 das IQWiG mit einer entsprechenden Nutzenbewertung von Antidepressiva bei Patienten mit Depression beauftragt, in deren Rahmen auch der Wirkstoff „Reboxetin“ noch einmal genauer untersucht werden sollte.

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Nur sechs von 16 Studien lagen den Zulassungsbehörden vor
Beate Wieseler, stellvertretende Leiterin des Ressorts Arzneimittelbewertung im IQWiG und ihr Team stießen bei den Recherchen zu „Reboxetin“ auf eine Vielzahl bisher unveröffentlichter Studien, die auch den Zulassungsbehörden nicht vorlagen. So konnten die Autoren ermitteln, dass der Wirkstoff in mindestens 16 Studien mit rund 4.600 Teilnehmern untersucht worden war, den Behörden hingegen nur die Ergebnisse aus sechs Studien mit 1.600 Patienten zur Verfügung gestellt wurden. Bis 2009 sollte das IQWiG seine Bewertung der Antidepressiva beim G-BA vorlegen, doch trotz massivem Drängen erklärte sich Pfizer nur sehr zögerlich dazu bereit die übrigen Studien herauszugeben. So liegen dem jetzigen Artikel von Beate Wieseler und Kollegen immer noch nicht alle 16 Studien zu Grunde. „Erst unter massivem öffentlichem Druck“ konnten die Prüfer den Pharmakonzern zur Herausgabe von zumindest 13 Studien bewegen.

Datenbasis durch nachgereichte Studien um 74 Prozent erhöht
Die hinzugekommen Daten sind nun im Rahmen einer Meta-Analyse von den Wissenschaftlern eingehend untersucht worden, wobei mit den nachgereichten Studien die Patientenbasis von etwa 1.600 auf 3.033 (um 74 Prozent) angestiegen ist. "Irreführung durch Verschweigen ist kein Kavaliersdelikt", zeigte sich Peter Sawicki, damals noch Chef des Prüfinstituts, schon Ende 2009 sehr verärgert über das Vorgehen von Pfizer. Auf Basis der jetzigen Erkenntnisse ergibt sich, dass die ursprünglich zur Verfügung gestellten Studien, die Wirkung von Reboxetin gegenüber Placebo um 115 Prozent und gegenüber den selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmern um 23 Prozent überschätzt haben, erklären die Autoren im „British Medical Journal“.

Eindeutiges Ergebnis – „Reboxetin“ hilft nicht
Das eindeutige Ergebnis der Meta-Analyse durch die Experten vom IQWiG: „Reboxetin“ hilft nicht besser gegen Depressionen als Placebo-Präparate. Jedoch bringt die Einnahme des Wirkstoffs erheblich mehr Nebenwirkungen mit sich. So hat der G-BA sämtliche „Reboxetin“ enthaltenden Antidepressiva bereits im September 2010 von einer Kostenerstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen ausgeschlossen. Da sich die Autoren vom IQWiG durch das Vorgehen des Pharmakonzerns mutwillig getäuscht sehen, fordern sie in Zukunft striktere Regeln zur Publikationspflicht aller erstellten Studien. Denn Pfizer sei kein Einzelfall. Die selektive Veröffentlichung von Studien mit positivem Ergebnis, ist eine der häufigsten und tückischsten Fehlerquellen bei der Zulassung von Arzneimitteln und der späteren medizinischen Anwendung, erklärten die Fachleute. Demnach wird die Wirkung von Therapien mit bestimmten Präparaten oft überschätzt, wie im Fall von „Reboxetin“, was zu Defiziten in der Behandlung führe.

Publikationspflicht gefordert – etwa die Hälfte aller Studien bleibt unter Verschluss
Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass etwa die Hälfte aller begonnenen klinischen Studien, aufgrund für die Auftraggeber unpassender Ergebnisse, nicht die Öffentlichkeit erreicht. Nach Forderung der Autoren im „British Medical Journal“ sollten daher alle Studien auch in Europa einer Registrierungspflicht unterliegen, wie dies in den USA bereits 2007 gesetzlich festgeschrieben wurde. Dabei sollte die Publikationspflicht jedoch nicht nur Studien zu Arzneimitteln sondern auch zu Medizinprodukten und nicht medikamentöse Verfahren umfassen, so die Ansicht der Experten. Die im aktuellen Entwurf des Arzneimittelmarkt- Neuordnungsgesetzes (AMNOG) vorgesehene Publikationspflicht nur für ausgewählte Studien reicht ihrer Ansicht nach nicht aus. Darüber hinaus sind den IQWiG-Fachleuten zufolge, auch die Ergebnisse älterer Studien entsprechend zu veröffentlichen. „Wir brauchen die Ergebnisse aller Studien“, erklärte Beate Wieseler in einer aktuellen Pressemitteilung des IQWiG. Vertreter des Pharmakonzerns Pfizer gaben sich hingegen in aktuellen Stellungnahmen eher kleinlaut und erklärten die Bewertung von Edronax® zu prüfen. Allerdings halte Pfizer „Reboxetin“ jedoch weiterhin für einen geeigneten Wirkstoff zur Behandlung von depressiven Störungen und einer Major-Depression. (fp, 14.10.2010)