AOK-Krankenhausreport: Aus Geldgier Operationen

Sebastian

AOK Krankenhausreport 2013: Wirbelsäulen-Operationen häufig unnötig

08.12.2012

Die Zahl der kostspieligen Operationen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Das belegt der Krankenhausreport 2013 der AOK. Während die Krankenhäuser die Ursache in der Zunahme der älteren Bevölkerung sowie dem medizinischen Fortschritt sehen, werfen die Krankenkassen den Kliniken vor, häufig ihre wirtschaftlichen Interessen in den Vordergrund zu stellen. Vielfach unnötig sollen vor allem teure Wirbelsäulen-, Knie-, Hüft- und Herzoperationen sein. Noch vor der offiziellen Veröffentlichung des Krankenhausreports 2013 der AOK, legten die Kliniken ein Gegengutachten vor, das zu einem ganz anderen Urteil kommt.

Viele Operationen aus wirtschaftlichen Gründen?
Dem am Freitag vorgestellten Krankenhausreport 2013 der AOK zufolge sollen vor allem kostspielige Wirbelsäulen-Operationen sowie Eingriffe am Herzen bei hunderttausenden von Patienten unnötig gewesen sein. Der AOK-Bundesverband wertete mehr als 45 Millionen Patienten-Daten aus den Jahren 2005 bis 2011 aus und kam zu dem Ergebnis, dass die Kliniken häufig ihre ökonomischen Interessen in den Vordergrundstellen. Doch nicht immer ist eine Behandlung mit den neuesten Operationsverfahren sinnvoll.

Laut AOK-Report ist die Zahl der Krankenhausaufenthalte seit 2005 um 11,8 Prozent je Einwohner gestiegen. Innerhalb von 20 Jahren (1991-2011) habe die Zahl der stationären Behandlungen um knapp ein Viertel zugenommen. 18,3 Millionen Klinikbehandlungen wurden allein im Jahr 2010 durchgeführt. Demnach wird statistisch gesehen fast jeder vierte Deutsche in einer Klinik operiert. Auffällig ist dem Krankenhausreport zufolge vor allem die steigende Zahl der kostspieligen Eingriffe. „Lediglich ein Drittel der Zunahme sei auf die demografische Entwicklung und den medizinischen Fortschritt zurückzuführen“, erklärte Uwe Deh, Vorstand des AOK-Bundesverbands.

Chefarzt-Verträge mit OP-Boni kritisiert
Auch der Spitzenverband der Krankenkassen hatte zuletzt Kritik an deutschen Kliniken geübt, da viele Operationen ohne zwingenden medizinischen Grund erfolgen würden. Besonders problematisch werden die in vielen Chefarztverträgen enthalten Vereinbarungen über Boni für Operationen gesehen, die einen zusätzlichen finanziellen Anreiz darstellen. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie rät dazu, diese Vereinbarungen aus den Verträgen zurückzudrängen. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Kienbaum wird mittlerweile fast die Hälfte der neuen Chefarzt-Verträge mit Vereinbarungen über Bonuszahlungen erweitert. Das bedeutet, dass ein Chefarzt von seinem Krankenhaus einen großzügigen Zuschlag zu seinem Gehalt bekommt, wenn er bestimmtes Ziel wie beispielsweise 30 Prozent mehr künstliche Kniegelenke erreicht.

Einer Studie zufolge, die im Auftrag der Krankenkassen vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung durchgeführt wurde, ist die Zahl „der orthopädischen Behandlungen in den letzten vier Jahren um 14 Prozent gestiegen“. Kardiologische Eingriffe nahmen sogar um 17 Prozent zu. Knapp zwei Drittel des Anstiegs sei nicht auf die zunehmende Zahl der Älteren zurückzuführen, heißt es in der Studie.

Gegengutachten soll Zunahme der Operationen rechtfertigen
Unmittelbar vor Veröffentlichung des Krankenhausreports 2013 der AOK legte die Deutsche Krankenhausgesellschaft einen Gegengutachten vor, um Vorwürfe über unnötige, aus rein ökonomischen Interesse durchgeführte Operationen bereits im Vorfeld zu entkräften. Der Studie zufolge habe es zwar einen deutlichen Anstieg der medizinischen Eingriffe gegeben, dieser sei jedoch darauf zurückzuführen, dass die Zahl der Älteren stetig zunehme und die Medizin große Fortschritte gemacht habe. „Eine generelle Diffamierung der Krankenhausmitarbeiter und eine haltlose Verunsicherung vieler Patienten sind folglich zurückzuweisen", heißt es in der Erhebung des Deutschen Krankenhausinstituts laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Demnach gebe es nicht zu verleugnende ökonomische Fehlanreize. Insbesondere für die zahlreichen Operationen mit künstlichen Hüft- und Kniegelenken sowie den Herzschrittmachern und Herzkathedern würde aber es eine „solide Indikationsstellung“ geben. Diese Eingriffe würden deshalb nicht willkürlich von Ärzten angeordnet und durchgeführt werden.

Der Untersuchung zufolge ist „der größten Anstieg im Zeitraum von 2007 bis 2011 bei Therapien des Kreislaufsystems und des Muskel-Skelett-Systems zu verzeichnen“. 532.000 zusätzliche Fälle seien registriert worden, die „nach dem Standardverfahren abgerechnet worden sind“. Insgesamt sei eine Zunahme der Behandlungsfälle „von 6,7 Prozent auf 17,7 Millionen pro Jahr errechnet“. Die meisten Patienten (zwei von drei) würden von niedergelassenen Ärzten in die Kliniken überwiesen. Der Rest komme als Notfall in die Kliniken, so das Krankenhausinstitut. Dort treffe nicht ein Arzt alleine die Entscheidung über Therapien und Eingriffe, sondern es greife das Mehraugenprinzip. Ob damit der Vorwurf der Kassen entkräftet werden kann, bleibt fraglich.

Starke Zunahme bei Herz- und Rücken-Operationen
Der Krankenhausreport 2013 der AOK belegt, dass Operationen bei Herzschrittmachern zwischen 2008 und 2010 um ein Viertel zugenommen haben. Bei Eingriffen im Rücken-Bereich hat sich die Zahl zwischen 2005 und 2010 bei AOK-Versicherten sogar mehr als verdoppelt.

Auffällig sind die regionalen Unterschiede. So werden in Bayern und Schleswig-Holstein „mehr als 50 Prozent häufiger Rücken-Operationen durchgeführt als in Berlin“. Karl-Walter Jauch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, erklärte gegenüber der „Rheinischen Post“, dass es vor allem in Ballungszentren wie Großstädten einen regelrechten Konkurrenzkampf zwischen den Kliniken gebe. Das würde dazu führen, dass Patienten nicht nur aus medizinischen Gründen stationär behandelt würden.

Der AOK-Report analysiert auch die Qualität der Behandlung in den Kliniken. Dafür wurden Komplikationen und unerwünschte Ereignisse in den 614 untersuchten Kliniken verglichen. In 74 Kliniken traten bei Patienten mit Katheter keine Probleme auf, in 34 Krankenhäusern lag die Quote der Komplikationen bei Katheterpatienten jedoch bei 15 Prozent. Deshalb sollte es zukünftig die Möglichkeit für die Kassen geben, „nachweislich schlechte Qualität nicht zu bezahlen", um so „die Spreu vom Weizen" zu trennen, erklärte Uwe Dreh. Etwa 1.600 Kliniken, in denen AOK-Versicherte behandelt wurden, von insgesamt rund 2.000 deutschen Krankenhäuser wurden in die Auswertung einbezogen. (sb)