Arme Menschen entwickeln ein höheres Diabetes-Risiko

Sebastian
Experten fordern Zuckersteuer gegen Diabetes
Immer mehr Menschen sind in Deutschland von Armut betroffen und haben damit ein höheres Risiko für die Verschlechterung ihrer Gesundheit als die reichere Bevölkerung. „Das Diabetes-Risiko steigt, und Menschen in der niedrigsten Einkommensgruppe leben zwischen acht bis zehn Jahre kürzer als Menschen der höchsten Einkommensgruppe“, informiert die Deutsche Diabetes-Hilfe auf ihrem Internetportal „diabetesde.org“. Ärzte fordern nun einen nationalen Rettungsplan, der unter anderem eine gesündere Ernährung und mehr Bewegung für Schulkinder sowie eine Fett- und Zuckersteuer beinhalten soll.

Diabetische-Neuropathie
(Bild: Henrik Gerold Vogel/pixelio.de)

Diabetes-Risiko ist in benachteiligten Regionen besonders hoch
Angesichts des bevorstehenden G-7-Gipfels auf Schloss Elmau machen Politiker und Hilfsorganisationen auf den dramatischen Anstieg der Typ-2-Diabetes-Fälle hierzulande aufmerksam. Vor allem sozial benachteiligte Menschen hätten ein erhöhtes Risiko für die „Zuckerkrankheit“. „Armut und Gesundheit stehen im Zusammenhang, hier muss angesetzt und gehandelt werden“, fordert die SPD-Bundestagsabgeordnete Helga Kühn-Mengel.

Dem aktuellen OECD-Sozialbericht zufolge verfügen die reichsten zehn Prozent der Deutschen über 60 Prozent der Nettohaushaltsvermögen. Zugleich hat die Armut hierzulande Rekordniveau erreicht. 2012 waren demnach 12,5 Millionen Menschen in Deutschland von Armut betroffen. „Zu dieser Gruppe zählt nahezu jedes fünfte Kind, über 40 Prozent der Alleinerziehenden und fast 60 Prozent der Erwerbslosen“, berichtet Prof. Thomas Danne, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Diabetes-Hilfe. Zudem sei eine Verschärfung der regionalen Unterschiede hinsichtlich sozialer Benachteiligung zu beobachten. „Damit verteilt sich auch das Krankheitsrisiko in Deutschland auf ungleiche Weise“, erläutert der Mediziner. Denn es bestehe ein Zusammenhang zwischen sozialer und gesundheitlicher Lage: Menschen aus ärmeren Regionen seien kränker und hätten eine kürzere Lebenserwartung, teilt die Deutsche Diabetes-Hilfe mit. „Unter anderem steigt ihr Risiko für Diabetes Typ 2 um zwanzig, für Fettleibigkeit um dreißig Prozent“, so Danne.

Sechs Millionen Menschen sind in Deutschland von Typ-2-Diabetes betroffen
Auch Kinder aus benachteiligten Regionen hätten ein erhöhtes Erkrankungsrisiko, was unter anderem auf ein ungünstiges Ernährungsverhalten zurückzuführen sei. „Während sich Kinder von Eltern mit hoher Schulbildung und hohem Haushaltseinkommen häufiger nach einem gesunden Ernährungsmuster ernähren, essen Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen eher nach einem ‚süßen Schema‘, das viel verarbeitete und hochkalorische Lebensmittel einschließt“, berichtet der Mediziner weiter. Zudem haben arme Kinder und Jugendliche häufig nicht die Möglichkeit Sport zu treiben; sie sind etwa doppelt so oft übergewichtig wie finanziell besser gestellte Gleichaltrige.

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„Schon heute gibt es in Deutschland sechs Millionen Menschen, die an Diabetes Typ 2 leiden. 400 Millionen sind es weltweit. Wenn die Nationen auf diesen Diabetes-Tsunami nicht mit wirkungsvollen Präventionsstrategien reagieren, werden nach Schätzungen der Internationalen Diabetes-Föderation (IDF) bis zum Jahr 2035 600 Millionen Menschen von Diabetes betroffen sein“, mahnt Danne, der die Politik in der Pflicht sieht. Eine Fett- und Zuckersteuer, Qualitätskriterien für die Schulernährung und mindestens eine Stunde Bewegung pro Tag für jedes Schulkind seien notwendige Maßnahmen.

„Die unteren sozialen Schichten erreichen wir nicht mit Broschüren, Flyern und Vorträgen, sondern nur da – das gilt für die Erwachsenen und für die Kinder gleichermaßen – wo sie leben, arbeiten, gemeinsam lernen und spielen: im Setting, in der Lebenswelt“, erläutert Kühn-Mengel. „Wer heute gesundheitliche Chancengleichheit herstellen will, muss nicht nur den Zugang zu Bildung, sondern auch zu Gesundheit verbessern“, betont Danne.

Der Zusammenhang von Gesundheit und Lebensweise sei zwar seit vielen Jahrzehnte bekannt, aber in der Politik noch nicht angekommen, erklärte der Vorstand des Dachverbandes der betrieblichen Krankenkassen BKK, Franz Knieps, gegenüber der Online-Ausgabe von „Die Welt“. Statistiken der Krankenkassen belegten, dass das Diabetes-Risiko für Arbeitslose am höchsten sei. Ein nationaler Diabetesplan sei deshalb unerlässlich.

Der ehemalige Berliner Ärztekammerpräsidenten Ellis Huber betonte gegenüber der Zeitung, dass „Diabetes ein eindeutiger Indikator für die gesellschaftliche Gesundheit“ sei. Bereits Kinder müssten in Kitas und Schulen auf die Auslöserfaktoren aufmerksam gemacht werden, so dass sie früh ein Bewusstsein dafür entwickelten. „Wenn wir so weitermachen wie gehabt, werden unsere Kinder eine kürzere Lebensdauer haben als wir“, mahnt Huber.

Typ-2-Diabetes wird durch ungesunden Lebensstil stark begünstigt
Typ-2-Diabetes bleibt häufig lange unbemerkt. Erste Symptome sind unter anderem ein verstärktes Durstgefühl, trockene Haut und Juckreiz, erhöhte Infektanfälligkeit für unter anderem Hautinfektionen und Harnwegsinfekte, Schwindel, Müdigkeit, nächtliches Wasserlassen, Kopfschmerzen und Muskelkrämpfe. Schreitet die Erkrankung ungehindert fort, schädigt sie Nerven und Blutgefäße. Häufig sind die Augen und die Nieren, aber auch in die Arterien des Herzens und in das Gehirn betroffen. So leiden Diabetiker oft an Netzhautablösungen, Nierenschwäche, Herzinfarkten und Schlaganfällen.

Zu den Hauptrisikofaktoren von Typ-2-Diabetes gehören Übergewicht, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel. (ag)