Arznei-Prüfungen schaffen keine Einsparungen

Fabian Peters

Sparziel der Arznei-Prüfungen wird voraussichtlich verfehlt

13.11.2011

Die Ausgaben für Arzneimittel sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, was nicht nur eine erhebliche Herausforderung für das Gesundheitssystem insgesamt darstellt, sondern auch Anlass zur Kritik an der Preispolitik der Pharmahersteller bot. Die Prüfung neuer Arzneimittel durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), besetzt mit Vertretern der Ärzteschaft, der Krankenkasse und der Krankenhäuser, soll hier Abhilfe schaffen.

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Sämtliche neuen Arzneimittel werden fortan durch den G-BA – als hierzulande höchstes Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen – auf ihren Zusatznutzen hin überprüft, um zu bestimmen, ob die entsprechenden Medikamente tatsächlich einen erhöhten Preis rechtfertigen oder nicht. Auf diese Weise soll der von vielen Seiten kritisch beurteilten Preispolitik der Pharmahersteller Einhalt geboten und nur bei wirklichen Fortschritten ein erhöhter Preis ermöglicht werden. Die Bundesregierung aus CDU, CSU und FDP erhoffte sich nach der Entscheidung für die zusätzliche Prüfung Milliarden-Einsparungen bei den Arzneimittelausgaben, doch das Spitzengremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen setzt diesen Erwartungen nun einen Dämpfer: Das Sparziel der Koalition werde in naher Zukunft vermutlich nicht erreicht.

Erhoffte Einsparungen im Gesundheitssystem lassen auf sich warten
Fast ein Jahr ist vergangenen seit die Bundesregierung mit ihren Beschlüssen zur Gesundheitsreform eine neue Grundlage für die Zukunft des Gesundheitssystems geschaffen hat. Wichtigstes Ziel war es, die Kostenexplosion einigermaßen aufzufangen und den seit Jahren steigenden Arzneimittelausgaben einen Riegel vorzuschieben. Hierfür wurde von den Pharmafirmen eine Zwangsrabatt in Höhe von 16 Prozent gefordert, der sich allerdings ab Ende 2013 wieder auf sechs Prozent reduzieren wird, und die Prüfung des Zusatznutzens neuer Arzneimittel als Grundlage für die Preisfestsetzung beschlossen. Fortan sollen höhere Preise neuer Medikamente nur bei erkennbarem Zusatznutzen gegenüber vergleichbaren Therapien von den Krankenkassen erstattet werden, so der Beschluss vor knapp einem Jahr. Eine erste Bewertung der neuen Vorgehensweise wird voraussichtlich noch dieses Jahr vom Gemeinsame Bundesausschuss vorgelegt, erklärte nun der Vorsitzende des Spitzengremiums, Rainer Hess, gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Die erhofften Einsparungen werden in absehbarer Zeit jedoch wahrscheinlich nicht erreicht, so der Vorsitzende des G-BA weiter.

Bewertung der Arzneimittel als Basis für Preisverhandlungen
Das Selbstverwaltungsgremium der Kliniken, Ärzte und Krankenversicherungen ermittelt bei der Prüfung neuer Arzneimittel anhand der Berichte der Hersteller, ob die neuen Medikamente tatsächlich einen Zusatznutzen gegenüber bisherigen Behandlungsmethoden mit sich bringen und damit einen höheren Preis rechtfertigen. Ab Anfang des kommenden Jahres sollen die Krankenkassen dann auf Basis der G-BA-Bewertung den Preis der Arzneimittel mit den Pharmaherstellern selbst verhandeln. Ausschließlich Medikamente, die im Sinne der Patienten eine Verbesserung gegenüber herkömmlichen Therapien bewirken, werden demnach von den Kassen höher vergütet. So hofft die Bundesregierung Milliardenkosten im Bereich der Arzneimittel einzusparen. Doch die von der Politik angekündigten Kostenersparnisse in Höhe von circa zwei Milliarden Euro jährlich, sind nach Ansicht von Rainer Hess nur möglich, wenn auch die schon länger auf dem Markt befindlichen Arzneimittel in die Überprüfung eingeschlossen werden. Allerdings lasse sich „derzeit nicht sicher einschätzen, wann ein nennenswerter Anteil an Wirkstoffen einer neuen Bewertung unterzogen sein wird“, erklärte der G-BA-Vorsitzende gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Ob die seit Jahren explodierenden Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen für Arzneimittel sich mit der neuen Regelung bremsen lassen, hänge in Zukunft wesentlich von den Preisverhandlungen auf Basis des Zusatznutzens ab. Allerdings scheinen die Zahlen für das Jahr 2011 wie ein leichtes Schimmern am Ende des Tunnel, denn erstmals werden die Arzneimittelausgaben dieses Jahr voraussichtlich sinken. Im ersten Halbjahr ging das Ausgabevolumen um 6,3 Prozent auf rund 15 Milliarden Euro zurück und auch für das Gesamtjahr rechnet die Bundesregierung mit einer deutlichen Reduzierung der Arzneimittelausgaben. Die Einsparungen sind dabei zum Großteil auf den bereits erwähnten Zwangsrabatt der Pharmahersteller in Höhe von 16 Prozent zurückzuführen.

Pharmafirmen wehren sich gegen die Neuregelung
Die Pharmaindustrie wehrt sich derzeit noch massiv gegen die Beschlüsse der Politik und der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) warnte ausdrücklich davor, dass vielversprechende, innovative Arzneimittel hierzulande in Zukunft den Patienten nicht mehr unmittelbar nach deren Zulassung zur Verfügung stünden, da vorerst die Preisverhandlungen zu Ende zu führen seien. Wie die vfa-Geschäftsführerin Birgit Fischer gegenüber der „dpa“ erläuterte, geben „die ersten Erfahrungen Anlass zur Sorge.“ Die Pharmafirmen sehen hier die Patientenversorgung in Gefahr und mahnen, die Forschung ausreichend zu berücksichtigen, betonen jedoch gleichzeitig, dass prinzipiell nichts gegen die Bewertung der Arzneimittel einzuwenden sei. Für den Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen ist die Argumentation der Pharmahersteller nicht nachzuvollziehen und der Verbandssprecher Florian Lanz erklärte gegenüber der dpa: „Niemand sollte sich von der Pharmaindustrie verunsichern lassen und den vereinzelten Unkenrufen glauben, dass echte Innovationen nun nicht mehr auf den deutschen Markt kommen.“ Die genannten Bedenken der Pharmafirmen seien reine Stimmungsmache.

Ganz so weit geht der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, nicht, aber auch Ludwig betonte den Überschuss der derzeit hierzulande an Wirkstoffen und Arzneimitteln herrscht. So seien „in Deutschland rund 20.000 verschreibungspflichtige Arzneimittel mit rund 2.000 Wirkstoffen zugelassen“, ausreichen würden jedoch 300 bis 500 Wirkstoffe, erläuterte Ludwig gegenüber der „dpa“. Diese Vielzahl an Medikamenten bringe keinen Fortschritt und sei Bestandteil einer kostentreibenden Preispolitik, so die Kritik der Experten des G-BA. Daher würden die neuen Bewertungsverfahren auf Dauer zu sinkenden Preisen führen, allerdings werden nach Ansicht von Wolf-Dieter Ludwig noch einige Jahre vergehen, „bevor ein Umdenken der Industrie einsetzt und besser-wirksame Arzneimittel auf den Markt kommen.“ (fp)