Arzneien helfen kaum gegen Fettlebigkeit

Alfred Domke

Immer mehr Deutsche sind fettleibig

06.10.2013

In Deutschland leiden immer mehr Menschen daran, zu dick zu sein. Vermehrt kommt es bei Männern und jungen Erwachsenen sogar zu extremem Übergewicht. Bis Samstag fand in Hannover ein Kongress zum Thema statt.

Neue Wege der Prävention und Therapie
Immer mehr Erwachsene leiden an massiver Fettleibigkeit. „Insgesamt ist fast ein Viertel der deutschen Bevölkerung adipös“, so die Kongresspräsidentin der Jahrestagung der Deutschen Adipositas Gesellschaft, Prof. Martina de Zwaan. Das starke Übergewicht bringe nicht nur medizinische, sondern auch psychologische Probleme mit sich. Bis zum Samstag diskutierten mehr als 400 Experten über neue Wege der Prävention und Therapie.

Adipositas als Krankheit anerkennen
Ab einem Body Mass Index (BMI) von 30 spricht man von Adipositas. Das wären bei einer Körpergröße von 1,70 Meter 86,5 Kilogramm. Der BMI lässt sich berechnen, indem man das Körpergewicht in Kilogramm dividiert durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Bei einem BMI zwischen 25 und 30 gilt eine Person als übergewichtig und ab 30 als fettleibig (adipös). Experten fordern von den Krankenkassen, Adipositas endlich als Krankheit anzuerkennen, damit Betroffene bei der Kostenübernahme nicht auf Einzelfallentscheidungen angewiesen seien. Der Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft, Martin Wabitsch, betonte: „Adipositas ist eine Krankheit des Gehirns, nicht ein Lebensstil-Phänomen.“

Verbesserung der psychosozialen Situation
Wabitsch ist Professor am Universitätsklinikum Ulm und Koordinator des Kompetenznetzes Adipositas. In dem Projekt, das vom Bundesforschungsministerium mit zwei Millionen gefördert wird, bekommen Jugendliche mit schwerem Übergewicht Hilfsangebote. „Unser Ansatz ist nicht die Gewichtsreduktion, sondern die Verbesserung der psychosozialen Situation“, so Wabitsch. Jugendliche, die 150 Kilogramm und mehr wiegen, litten oft an einer schlechteren Lebensqualität als Krebskranke. „Sie finden keinen Ausbildungs- und Arbeitsplatz. Sie finden keinen Partner. Sie sind zunehmend isoliert.“

Umstellung der Ernährung und Verhaltenstherapie
In dem Projekt, das auf mindestens sechs Jahre angelegt ist, soll untersucht werden, welche Therapieansätze erfolgversprechend sind. Es können 14- bis 21-Jährige daran teilnehmen, von denen viele aufgrund ihres Übergewichts Gelenkprobleme, nächtliche Atemaussetzer oder Altersdiabetes haben. Mehr als 200.000 junge Menschen seien bundesweit betroffen. Bei krankhaft fettleibigen Jugendlichen komme ein chirurgischer Eingriff in Frage, wenn die Umstellung der Ernährung und Verhaltenstherapie nicht fruchten. „Wir wissen, dass die Komplikationen in der Adipositas-Chirurgie geringer geworden sind“, so Professor Alfred Wirth aus Bad Rothenfelde.

Keine Wunderpillen gegen die Pfunde
Professor Wirth betonte, dass ein schnelles Abnehmen mit Wunderpillen unrealistisch sei. Vielmehr brauche man einen langen Atem, um die Pfunde loszuwerden. Grundlage für den Ausweg bei extremem Übergewicht sollte immer eine Kombination aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie sein. Es empfiehlt sich zunächst eine umfassende Ernährungsberatung. Der Anteil von Fett und Kohlenhydraten in der Nahrung sollte gesenkt und insgesamt mindestens 500 Kalorien weniger pro Tag zu sich genommen werden. Darüber hinaus ist Bewegung von größter Bedeutung. Pro Woche sollten sich Betroffene mindestens 150 Minuten bewegen beziehungsweise 1.200 bis 1.800 Kalorien pro Woche durch Sport verbrauchen. Dabei sei Ausdauersport effektiver als Krafttraining.

Rückfälle vermeiden lernen
Beim dritten Teil der Maßnahmen, der Verhaltenstherapie, gehe es darum, sich selbst zu beobachten und zu lernen, Rückfälle zu vermeiden. Außerdem sollten Reaktionsmöglichkeiten entwickelt werden, wenn die Waage mal wieder zu viel anzeigt. Zusätzlich zu den genannten Methoden können auch ärztlich verordnete Medikamente zur Anwendung kommen. Allerdings empfehle sich nur der Wirkstoff Orlistat, der die Fettaufnahme bei der Verdauung hemmt. Und nur Menschen mit einem BMI zwischen 35 und 50, bei denen die konservative Therapie nach einem halben Jahr keine Veränderung gebracht hat, sollten chirurgisch behandelt werden.

Weniger übergewichtige Schulanfänger
Nach Angaben von Kongresspräsidentin Martina de Zwaan wurden im vergangenen Jahr bundesweit 6.000 Adipositas-Operationen, wie beispielsweise Magenverkleinerungen, registriert. Geschätzt werde jedoch, dass 2012 insgesamt 9.000 solcher chirurgischer Eingriffe in deutschen Kliniken vorgenommen wurden. De Zwaan meinte, die Tendenz sei stark steigend. Allerdings hatten die Experten auch eine gute Nachricht: In den vergangenen Jahren seien bei den Schuleingangsuntersuchungen weniger übergewichtige Kinder vorgestellt worden. Es hieß, dass die Aufklärungskampagnen seit Mitte der 1990er Jahre Erfolge zeigten. (ad)

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