Arzneimittelausgaben im Jahr 2011 erneut gesunken

Fabian Peters

Trotz sinkender Arzneimittelausgaben Versorgung weiter verbessert

28.08.2012

Verbesserte Arzneimittelversorgung bei gleichzeitig gesunkenen Kosten. Wie der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) berichtet, sind die Arzneimittelausgaben im vergangenen Jahr deutlich gesunken, die Versorgung der Patienten mit Arzneimitteln habe sich hingegen erneut verbessert. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verwies jedoch angesichts der Zahlen aus dem Arzneimittel-Atlas 2012 des "vfa" auf den drastischen Anstieg der Arzneimittelausgaben im ersten Halbjahr dieses Jahres um 3,5 Prozent.

Mehr zum Thema:

Vor allem bei „besonders verbreiteten Krankheiten wie rheumatoider Arthritis, Multipler Sklerose, Virusinfektionen und Krebserkrankungen“ habe sich die Arzneimittelversorgung der Patienten deutlich verbessert, berichtet der vfa in einer aktuellen Pressemitteilung. Moderne Therapieformen gelangen hier in immer stärkerem Maße zu den betroffenen Patienten, so die Aussage in dem Arzneimittel-Atlas 2012. Der im Auftrag des vfa von dem Berliner IGES Institut erarbeitete Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass die Arzneimittelausgaben der GKV im Jahr 2011 um rund 1,12 Milliarden Euro (knapp vier Prozent) gesunken sind. 29 Milliarden Euro gaben die gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr für die Arzneimittelversorgung ihrer Versicherten aus.

Arzneimittelrabatte ermöglichen massive Einsparungen
Wesentliche Ursachen für den Rückgang der Arzneimittelausgaben seien Preissenkungen der Hersteller, Rabattverträge mit den Krankenkassen und Patentabläufe gewesen, berichtet der vfa. „Etwa zwei Drittel dieser Absenkung ist auf die Steigerung der gesetzlich verordneten Rabatte zurückzuführen“, so die aktuelle Mitteilung des Verbandes. Bei Präsentation der Studienergebnisse in Berlin erläuterte der Geschäftsführer des IGES-Instituts, Professor Bertram Häussler, dass „Arzneimittel der einzige der großen Leistungsbereiche der GKV“ seien, „dessen Ausgaben in den letzten Jahren nicht permanent gestiegen“ sind. Zwar hätte die Verordnung neuer patentgeschützter Medikamente im vergangenen Jahr Mehraufwendungen von rund 430 Millionen Euro verursacht, doch demgegenüber stehen Kosteneinsparungen von 640 Millionen Euro allein durch Patentabläufe und den stärkeren Wettbewerb unter den Herstellern. Hinzu kommen die gesetzliche vorgeschriebenen Zwangsrabatte, welche noch unter Philipp Rösler (FDP) als Bundesgesundheitsminister von sechs auf sechzehn Prozent angehoben wurden. Auch die Rabattverträge zwischen den Pharmaherstellern und den Krankenkassen brachten weitere Millionen-Einsparungen.

Arzneimittelausgaben um knapp vier Prozent gesunken
Die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der forschenden Pharma-Unternehmen, Birgit Fischer, erklärte, dass die „massiven Sparbeiträge der Unternehmen einen entscheidenden Anteil an der Senkung der Arzneimittelausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung“ haben. Dank ihres Beitrags konnten „die Arzneimittel-Ausgaben pro GKV-Versichertem im Jahr 2011 um 3,7 Prozent auf 388 Euro sinken“, betonte Fischer. Während in anderen Leistungsbereichen, wie beispielsweise bei den Kliniken, weiterhin steigende Kosten in Kauf genommen wurden, habe „der Gesetzgeber bei den Arzneimittelpreisen durch einen Zwangsrabatt in Kombination mit einem Preismoratorium massiv eingegriffen.“ Zudem leisteten die Pharmahersteller von sich aus über Preissenkungen einen Beitrag zur Kosteneinsparung, welcher rund ein Drittel der Ausgabenreduzierung bewirkt hat, so das Ergebnis des Arzneimittel-Atlas 2012.

Versorgung der Patienten bei sinkenden Kosten verbessert
Trotz der sinkenden Arzneimittelausgaben haben im Jahr 2011 deutlich „mehr Patienten mit schwerwiegenden, häufig chronischen der sogar lebensbedrohlichen Krankheiten wirksame Arzneimitteln erhalten“, als im Jahr zuvor, berichtet der vfa. So wurde laut Mitteilung des Verbandes beispielsweise das therapeutische Arsenal zur medikamentösen Behandlung von Multiples Sklerose „sowohl im Hinblick auf die Kontrolle des Entzündungsprozesses als auch der symptomatischen Therapie erweitert.“ Insgesamt sei die Anzahl der verordneten Tagesdosen bei Erkrankungen des Immunsystems wie rheumatoider Arthritis, multipler Sklerose, Virusinfektionen oder Krebserkrankungen signifikant gestiegen. Außerdem sei bei Diabetes aufgrund der Zunahme der Patientenzahl und der erhöhten Verschreibungsdosen je Patient ein gestiegener Verbrauch der Antidiabetika zu beobachten.

Einseitige Belastung der Pharmahersteller?
Der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen bemängelte bei Vorstellung des Arzneimittel-Atlas 2012 auch, dass die Einsparungen im Gesundheitswesen großteils zu Lasten der Pharmahersteller gehen. „Einseitige Preissenkungen und ein wachsender Verteilungskampf zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen führen weder zu einer besseren Versorgung noch zu einem höheren Nutzen für Patientinnen und Patienten“, erklärte die vfa-Hauptgeschäftsführerin, Birgit Fischer. Daher seien neue, konstruktive Lösungen gefragt, „die nicht allein auf den Preis pro Produkt abzielen, sondern alle Aspekte einer Behandlung einbeziehen.“ Hier sollte nach Auffassung des vfa ein Preis pro Versorgung definiert werden, „um effizient, nachhaltig und berechenbar mit den Finanzen des gesamten Systems kalkulieren zu können.“ Ziel müsse sein, nicht „an Medikamenten zu sparen, sondern durch Medikamente, betonte Fischer.

Reduzierung der Arzneimittelausgaben nur von kurzer Dauer
Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung in Berlin sieht die Entwicklung der Arzneimittelausgaben im ersten Halbjahr 2012 indes mit Sorge. „Wer heute über die Kosten spricht, sollte nicht das vergangene Jahr betonen, sondern die Gegenwart“, erklärte der Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, Florian Lanz, gegenüber der Nachrichtenagentur „dapd“. Die Arzneimittelkosten seien im ersten Halbjahr 2012 um 3,5 Prozent gestiegen und „wenn das so weiter geht, werden sich die Mehrausgaben in diesem Jahr auf eine Milliarde Euro summieren“, bemängelte Lanz. In der Vergangenheit wurden die erfolgreichen Einsparungen bei den Arzneimittelkosten oftmals in den Folgejahren durch massive Kostensteigerungen wieder aufgezehrt. Dies könnte auch im Jahr 2012 der Fall sein, so dass die Erfolge der vergangenen zwei Jahre nur von kurzer Dauer wären. (fp)