Arztpraxen weiter ungerecht verteilt

Heilpraxisnet

Nach wie vor unzureichende medizinische Versorgung in ländlichen Regionen

10.07.2014

Ist die medizinische Versorgung in Deutschland ausreichend? In Hinblick auf die reine Anzahl praktizierender Ärzte möglicherweise schon, denn diese ist im Vergleich zu vielen anderen Ländern recht hoch, zudem strömen hierzulande jedes Jahr mehr junge Nachwuchsmediziner nach dem Studium auf den Arbeitsmarkt. Doch es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: Nach wie vor gibt es in vielen ländlichen Gebieten nicht genug Hausärzte, zudem müssen vor allem gesetzlich Versicherte häufig weiterhin ewig auf einen Termin beim Facharzt warten.

Versorgungsstrukturgesetz bislang nicht flächendeckend umgesetzt
Monatelanges Warten auf einen Termin beim Hautarzt und kein erreichbarer Hausarzt in der Nähe – nach wie vor herrscht in vielen Bereichen und Regionen offenbar Optimierungsbedarf in Hinblick auf die medizinischen Versorgung. Anfang 2012 war das sogenannte „Versorgungsstrukturgesetz“ („Landärztegesetz“) in Kraft getreten, durch welches eigentlich eine bedarfsgerechte Versorgung für jeden Bundesbürger gewährleistet werden sollte. Doch bei der Umsetzung scheint es an einigen Stellen weiterhin zu haken. Zu diesem Ergebnis kommt aktuell der "Faktencheck Gesundheit", für den das Iges Institut im Auftrag der Bertelsmann Stiftung untersucht hat, wie Arztpraxen im Sinne der alten und neuen Bedarfsplanung verteilt sein müssten und was diese Verteilungen für die Versorgung in den einzelnen Regionen bedeuten würde.

"Faktencheck Gesundheit" vergleicht Verteilung von Arztpraxen
Im Fokus der Untersuchung standen vier Fachrichtungen: Hausärzte, Pädiater, Gynäkologen und Augenärzte. Hier bestehe dem Bericht nach in allen Bereichen ein generelles Stadt-Land-Gefälle, da in Ballungszentren überdurchschnittlich viele Ärzte praktizieren würden. Für viele Pendler vermutlich kein Problem, denn ein Routine-Besuch beim Arzt könnte theoretisch auch vor oder nach der Arbeit erledigt werden. „Die Planung verlangt weiterhin von den Bewohnern des Umlandes, sich in der Stadt behandeln zu lassen", so Stefan Etgeton von der Bertelsmann Stiftung. Doch während dieser Ansatz für Pendler realistisch klingt, vermag er gerade bei der Behandlung von Kindern kaum umzusetzen sein – ein wichtiger Aspekt, denn schon heute gibt es in vielen Regionen nicht mehr genug Pädiater.

Anzahl der Kreise mit angemessener Kinderarztdichte soll sinken
Diese Situation würde sich dem "Faktencheck" nach im Zuge der neuen Bedarfsplanung sogar noch verschärfen: So würde nach der Umsetzung der neuen Pläne die Anzahl der Kreise mit angemessener Ärztedichte von aktuell 106 auf 89 sinken. Damit wären statt derzeit 14 zukünftig 38 Kreise deutlich unterdurchschnittlich mit Kinderärzten versorgt – wohingegen die Anzahl der deutlich überdurchschnittlich versorgten Kreise von 15 auf 23 steigen würde. Zudem würden sich durch die neue Planung die Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern manifestieren: So seien nach Information der Bertelsmann Stiftung beispielsweise in Baden-Württemberg überdurchschnittlich viele Gynäkologen vorgesehen, sodass in 17 von 44 Kreisen das medizinische Angebot den Bedarf deutlich übersteigen würde. Ganz anders die Situation im Osten: Hier seien viele Regionen deutlich unterdurchschnittlich versorgt, allein in Thüringen beträfe dies 16 von 23 Kreisen.

Job des Landarztes muss für Nachwuchsmediziner attraktiver werden
„Im Wesentlichen verfehlt das Landärztegesetz sein Ziel", so Dr. Stefan Etgeton weiter, denn die neue Bedarfsplanung zur Verteilung der Ärzte löse vor allem bei der Versorgung mit Fachärzten ihr Versprechen nicht ein. Und auch die Hausärzteverteilung bestehe weiterhin Optimierungsbedarf, denn die neue Planung würde zwar zu einer Verbesserung führen, nichts desto trotz würde dies auch weiterhin in mehr als der Hälfte der Landkreise keine ausreichende Versorgung bedeuten. Problematisch sei nach Ansicht der Stiftung, dass die Bedarfsplanung viele Aspekte vernachlässige, die sich auf den Versorgungsbedarf einer Region auswirken, wie beispielsweise die Alterungsentwicklung oder die Arbeitslosenquote. Darüber hinaus seien alle Vorhaben ohnehin hinfällig, wenn der Nachwuchs ausbleibt: „Die besten Pläne nützen nichts, wenn es keine Strategien für die Umsetzung gibt. Die Verbesserung etwa bei den Landärzten steht vorerst nur auf dem Papier. Wenn sie Realität werden soll, muss der Job des Landarztes für Nachwuchsmediziner attraktiver werden. Dabei geht es sowohl um finanzielle Anreize als auch um die Lebens- und Arbeitsbedingungen auf dem Land", sagte Etgeton.

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