Atommülllager Asse: AG überprüft erhöhte Krebsrate

Fabian Peters

Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen und Atommülllager Asse? Arbeitsgruppe überprüft erhöhte Krebsrate.

02.03.2011

Bei der Aufklärung der erhöhten Anzahl von Krebsfällen im Umfeld des Atommülllagers Asse, hat die vom Landkreis Wolfenbüttel, dem Land Niedersachsen und dem Bund einberufene Arbeitsgruppe offenbar erste Fortschritte erzielt.

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Letztes Jahr meldete das Epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen (EKN) 39 Krebserkrankungen in der Samtgemeinde Asse. Bei Männer sei überproportional häufig Leukämie bei Frauen Schilddrüsenkrebs zu verzeichnen gewesen, berichtete das EKN. Eine umgehend einberufene Arbeitsgruppe mit Beteiligung von Vertretern des Sozial- und Umweltministeriums, des Epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen (EKN), des Landesgesundheitsamtes und des Bundesamtes für Strahlenschutz ist seither damit beschäftigt einen möglichen Zusammenhang zwischen der erhöhten Krebsrate und dem maroden Atommülllager Asse zu überprüfen.

Arbeitsgruppe zur Aufklärung der Krebserkrankungen
Die Arbeitsgruppe hatte zur Aufklärung der erhöhten Anzahl von Krebserkrankungen in der Samtgemeinde Asse über das Gesundheitsamt 164 Fragebögen verschickt und davon 143 ausgefüllt zurückerhalten. Diese sollen nun bei der nächsten Sitzung der Arbeitsgruppe am 09. März ausgewertet werden. In den Fragebögen machten die Betroffenen unter anderem Angaben zu ihrer Arbeitsstellen und ihrem Wohnorte aber auch zu persönlichen Krebsrisikofaktoren (beispielsweise Krebsfälle in der Familie). Im Rahmen der nächsten Arbeitsgruppensitzung stehe außerdem die Beratung über mögliche weitere Schritte zur Aufklärung der erhöhten Krebsrate im Umfeld der Asse an, erklärte der Landrat des Kreises Wolfenbüttel, Jörg Röhmann (SPD). An einen statistischen Zufall, wie ihn die Bundesregierung nach dem Bekanntwerden der erhöhten Krebsrate letztes Jahr verkündete, glaubt jedoch in der Arbeitsgruppe derzeit offenbar kaum einer der Beteiligten.

Ungewöhnlich viele Krebserkrankungen im Umfeld der Asse
Mit 39 Krebserkrankungen in der Samtgemeinde Asse seien ungewöhnlich viele Krebsfälle in der Nähe des maroden Atommülllagers aufgetreten, bestätigte auch das niedersächsische Umweltministerium. Die Experten der Ärzteorganisation IPPNW („Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/ Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.“) bezeichneten die Zahlen direkt nach Bekanntwerden im vergangenen Jahr schon als „Beleg für den ursächlichen Zusammenhang von ionisierender Strahlung und einem erhöhten Krebs- und Leukämierisiko“. Vor über 20 Jahren wurden bereits die gehäuften Leukämiefälle (Blutkrebs) bei Kindern in der Nähe des AKW´s Krümmel diskutiert, doch Konsequenzen ergaben sich daraus keine. Auch als 2007 Wissenschaftler des Deutschen Krebsregisters in Mainz belegten, dass Kinder im Alter bis zu vier Jahren einem umso höheren Leukämie-Risiko unterliegen, je näher ihr Wohnort an einem Atomkraftwerk liegt, zog die Politik ebenfalls keine Konsequenzen. Die Mainzer Forscher des Deutschen Krebsregister erklärten damals, dass im Zeitraum von 1980 bis 2003 im Umkreis von fünf Kilometern um die deutschen Reaktoren insgesamt 37 Kinder an Leukämie erkrankt seien, wohingegen „im statistischen Durchschnitt (…) 17 Fälle zu erwarten gewesen“ wären. Demnach seien „etwa 20 Neuerkrankungen (…) allein auf das Wohnen in diesem Umkreis zurückzuführen“, erklärten die Experten des Deutschen Krebsregisters vor drei Jahren.

Zusammenhang zwischen Asse und Krebserkrankungen weiter unklar
Das von den Atommülllager Asse eventuell ähnliche Risiken ausgehen könnten, wird von den Kritikern bereits seit längerem bemängelt. Dementsprechend groß war der Aufschrei, als das EKN im letzten Jahr seine Zahlen bekannt gab. Demnach lag die Anzahl der Leukämie-Erkrankungen bei Männer mehr als doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt und bei den Frauen hatten die Schilddrüsenkrebs-Erkrankungen drastisch zugenommen. Ob tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der erhöhten Krebsrate und dem Atommülllager besteht, sollte die eigens eingerichtete Arbeitsgruppe ermitteln. Diese kann nun auf Basis der 143 zurück erhaltenen Fragebögen eventuell weitere Rückschlüsse ziehen und die nächsten Schritte zur Aufklärung eines möglichen Zusammenhangs zwischen dem Atommülllager Asse und den Krebserkrankungen einleiten. Für die Bevölkerung im Umfeld der Asse jedoch ein unbefriedigender Zustand, denn ihnen ist bisher nicht klar, ob sie sich eventuell täglich einem erhöhten Krebsrisiko aussetzen. Außerdem haben die Verantwortlichen aufgrund der untragbaren Zustände der Atommülllagerung in der Asse zwar bereits eine Rückholung des Mülls beschlossen, doch wann diese stattfinden wird, ist bislang nicht geklärt.

Bundesamt für Strahlenschutz sieht keinen Zusammenhang
Das Geschachere um das marode Atommülllager setzt sich demnach fort. Die Verantwortlichen des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) verweisen ähnlich wie die Bundesregierung immer wieder darauf, dass bislang keine Beweise für einen Zusammenhang zwischen der Asse und den gehäuften Krebsfällen vorlägen. Ähnlich war auch drei Jahre zuvor die Antwort auf die Studie des Deutschen Krebsregisters ausgefallen, bei der ein erhöhtes Leukämie-Risiko in Nähe der AKW´s festgestellt wurde. Sowohl BfS als auch die schwarz-gelbe Regierungskoalition scheinen hier äußerst bemüht, jeglichen Verdacht von Anfang an zu zerstreuen. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe zur Aufklärung des Zusammenhangs zwischen erhöhter Krebsrate und dem Atommülllager dürfen also mit Spannung erwartet werden. Obwohl auch bei Bestätigung eines Zusammenhanges bisher nicht klar ist, mit welchen Maßnahmen die Verantwortlichen reagieren werden.

Salzbergwerk Asse für Atommülllagerung ungeeignet
Das ehemaligen Salzbergwerk in Asse wurden zwischen 1967 und 1978 offiziell für die Einlagerung von rund 126 000 Fässern mit schwach und mittelaktivem Atommüll genutzt. Allerdings steht mittlerweile fest, dass deutlich mehr Atommüll eingelagert wurde, als in den Papieren verzeichnet ist. Aufgrund von Wassereintritten und der ungenügenden Lagerungsumstände warnen Umweltschutzverbände bereits seit längerem vor möglichen Kontaminationen des Grundwassers und der drohenden Einsturzgefahr. Auch das niedersächsischen Umweltministeriums will das marode Atommülllager nach eigenen Angaben so schnell wie möglich schließen. Doch passiert ist bisher nur wenig.

Überarbeitung des Krebsregisters geplant
Um ungewöhnlichen Häufungen von Krebsfällen wie im Umfeld der Asse künftig schneller auf die Spur zu kommen, arbeitet die Regierungskoalition in Niedersachsen derzeit an der Neugestaltung des landesweiten Krebsregisters. Sozialministerin Aygül Özkan (CDU) hatte nach dem Bekanntwerden der erhöhten Anzahl von Krebserkrankungen in der Samtgemeinde Asse die Einführung einer generellen Meldepflicht für Krebserkrankungen angekündigt. Demnach soll bis zum Juni ein Gesetzentwurf vorliegen, wobei FDP und CDU sich bisher jedoch nicht ganz einig sind, ob die Patienten einer Speicherung persönlicher Daten aus Datenschutzgründen auch widersprechen dürfen. Den Betroffenen hilft ein solches Krebsregister jedoch nur, wenn auch Konsequenzen daraus gezogen werden. Wer einen Zusammenhang zwischen erhöhten Krebsraten und Risikofaktoren wie AKW´s oder Atommülllagern kategorisch ausschließt, kann auch anhand eines verbesserten Krebsregisters nicht zum Schutz der Bevölkerung beitragen. (fp)