Auch Sport kann zur gefährlichen Sucht werden

Fabian Peters
Sportsucht: Wenn Menschen nachts extra zum Laufen aufstehen
Es ist gesund, regelmäßig Sport zu treiben. Man mindert dadurch unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen. Doch wie bei so vielem im Leben gilt auch hier: Zu viel kann schaden. Bei manchen Menschen ist der Drang, sich zu bewegen, zur Sucht geworden. Sportsüchtige nehmen sogar Verletzungen in Kauf.
Sport kann zur Sucht werden
Die meisten Experten sind sich darüber einig, dass Sport gesund ist. So kann regelmäßige Bewegung unter anderem dazu beitragen, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Herzinfarkt zu mindern. Zudem leiden Sportler in der Regel seltener an Übergewicht oder Adipositas. Doch wie in vielen Lebensbereichen kommt es auf das richtige Maß an. Zu viel Sport kann der Gesundheit schaden. Und in manchen Fällen kann er sogar süchtig machen. Wenn Sport zur Sucht wird, stellt sich bei Betroffenen meist schnell ein Gefühl von innerer Unruhe ein, wenn sie auf ihre gewohnte Dosis Sport verzichten müssen. Mitunter entwickeln sich sogar körperliche Symptome wie Magenschmerzen, funktionelle Herzbeschwerden oder Rückenschmerzen. In einer Mitteilung der Nachrichtenagentur dpa haben Experten wichtige Informationen zum Thema.

Sport kann leicht zur Sucht werden. (Bild: lassedesignen/fotolia.com)
Sport kann leicht zur Sucht werden. (Bild: lassedesignen/fotolia.com)

Süchtige nehmen gesundheitliche Schäden in Kauf
Heiko Ziemainz, Sportpsychologe von der Universität Erlangen-Nürnberg, berichtete über einen Patienten, der sogar nachts aufstand, um zu laufen. Er wunderte sich, dass der 40-Jährige überhaupt noch gehen konnte, denn der hintere Teil seiner Füße war bereits komplett offen und blutig. Der Psychologe erkannte rasch, dass der Mann nicht nur ein körperliches, sondern vor allem ein seelisches Problem hatte. „Sportsüchtige sind bereit, massive gesundheitliche Schädigungen in Kauf zu nehmen, weil sie ja ihre Dosis, sprich ihren Sport haben wollen“, erklärte Ziemainz, der Akademischer Direktor vom Institut für Sportwissenschaft und Sport ist. Im Unterschied zu gesunden Menschen trainieren sie weit über ein vertretbares Maß hinaus und ignorieren dabei sogar Verletzungen.

Vor allem Laufsportler und Triathleten betroffen
„Es ist eine schlimme Erkrankung, auch wenn sie sehr selten ist“, sagte Professor Jens Kleinert vom Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln. Experten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) berichteten im vergangenen Jahr, dass Sportsucht bei zu viel Sport droht. Besonders bei Laufsportlern und im Triathlon tritt die Sucht auf, aber auch in Fitnessstudios. „Sie machen Sport nicht aus Leidenschaft, sie genießen es nicht, sondern kommen einem Zwang nach. Sie denken: Wenn ich es nicht mache, geht es mir schlecht“, erläuterte Kleinert. Der Kontrollverlust ist das Hauptmerkmal der Sucht. Wie Ziemainz betonte, drehen sich die Gedanken der Süchtigen „den ganzen Tag nur darum, wie sie sozusagen an ihren „Stoff“ kommen“.

Ähnliche Auswirkungen wie bei einer Drogensucht
Im Unterschied zu stoffgebundenen Süchten wie Alkoholismus gehört exzessives Sporttreiben zu den Verhaltenssüchten. Dazu werden auch Einkaufs- oder Internetsucht gezählt. Die seelischen Auswirkungen sind ähnlich wie bei Alkohol oder illegalen Drogen. So verlieren Betroffene oft ihr soziales Umfeld oder den Beruf, da sie nur noch den Sport im Blick haben. Der Entzug kann sich in Reizbarkeit, Schlafstörungen oder depressiven Verstimmungen äußern. Ziemainz erklärte, wie es dazu kommen kann: „Es ist häufig so, dass die Leute durch sehr kritische Lebensereignisse von einer positiven Bindung an Sport abgleiten in die Sucht.“ Besonders Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl, die dazu noch perfektionistisch veranlagt sind, kann es treffen. Diese Alltagsflucht, bei der Sport eine Auszeit von Sorgen und Ängsten verschafft, gilt als häufige Ursache der Sucht.

Sportabhängigkeit wird nicht als eigenständiges Krankheitsbild geführt
In der gängigen Klassifikation für psychische Störungen ist Sportabhängigkeit nicht als eigenständiges Krankheitsbild geführt. Die behandelnden Experten unterscheiden aber zwischen der primären und der sekundären Form. Bei der sekundären Form ist die Abhängigkeit Folge einer anderen Grunderkrankung. Dazu zählen Zwangsstörungen, eine krankhafte Körperbildwahrnehmung und besonders die Essstörungen Magersucht und Bulimie. Hier haben Sport und Bewegung hauptsächlich die Funktion, zwanghaft Kalorien zu verbrennen und abzunehmen. Um solchen Patienten aus ihren Beschwerden wie extremem Untergewicht heraus zu helfen, wurde ihnen früher die völlige Sport-Abstinenz empfohlen. Mittlerweile hat ein Umdenken eingesetzt. Die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg startete Anfang des Jahres eine Studie zur ambulanten Sporttherapie mit Essgestörten, die ihnen die Rückkehr zum gesunden Umgang mit Bewegung ermöglichen soll.

Betroffenen wird eine Psychotherapie empfohlen
„Es geht darum, dass die Patienten ihren Körper und ihre Grenzen besser wahrnehmen und Sport zunehmend mit Spaß und Wohlfühlen verbinden“, sagte Professorin Almut Zeeck. „Sie sollen lernen, dass es bei Sport nicht nur um Leistung oder das Verbrennen von Kalorien geht, sondern um andere Dinge.“ Eigentlich sei Sport ja etwas Gesundes, so die Oberärztin: „Er hat auch auf viele Aspekte, die bei Essstörungen beeinträchtigt sind, einen positiven Einfluss.“ Unter anderem könne er das Erleben des Körpers oder den Selbstwert verbessern. Experten zufolge sollten Sportsüchtige in jedem Fall eine Psychotherapie machen. Oft seien das laut Kleinert Mischformen aus Verhaltenstherapie und psychodynamischen Ansätzen bis hin zur Psychoanalyse. Der Rat von Ziemanz an seinen Klienten, sich an eine therapeutische Einrichtung zu wenden, führte zum Erfolg: „Der Sport ist nicht mehr der zentrale Inhalt in seinem Leben.“ (ad)