Auf den Patienten abgestimmte Diabetes Therapie

Heilpraxisnet

EADS-Kongress: Die Diabetes-Behandlung soll auf den Patienten besser abgestimmt sein

02.10.2012

Auf der heute in Berlin eröffneten 48. Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft zur Erforschung von Diabetes (engl. European Association for the Study of Diabetes; EADS) hat Professor Andreas Pfeiffer, Chefarzt der Endokrinologie an der Berliner Uniklinik Charité, unter anderem auf die neuen Therapierichtlinien für die Behandlung von Diabetes hingewiesen. Die Versorgung der Patienten soll mit Hilfe der neuen Behandlungsrichtlinien künftig deutlich verbessert werden.

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Zwar würden Beratung und Betreuung der Diabetes-Patienten in Zukunft für die Ärzte zeitaufwendiger, doch für die Patienten bestehe „die Chance, dass sie nicht mehr übertherapiert werden und dadurch gefährliche Nebenwirkungen ausbleiben“, erläuterte der Diabetologe Professor Andreas Pfeiffer, Präsident des Europäischen Diabetes-Kongresses. Die Veränderungen in der Patientenbetreuung durch die neuen Therapierichtlinien der europäischen und amerikanische Fachgesellschaften (American Diabetes Association, ADA) bilden einen Themenschwerpunkt auf dem diesjährigen EADS-Kongress. Darüber hinaus werden neueste Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung im Bereich der Diabetes thematisiert.

Neue Richtlinien und individualisierte Behandlungen
Die im April beschlossenen Diabetes Leitlinien zur Behandlung von Diabetes fordern zum Beispiel, dass sämtliche Diabetiker vom Arzt in einem Aufklärungsgespräch auf die Möglichkeiten diätetischer Interventionen, die Bedeutung der körperlichen Aktivität und eine angemessenes Gewichts-Management hingewiesen werden. Die Ärzte sind außerdem angehalten, für die Patienten individualisierte Behandlungspläne unter Berücksichtigung der Symptome und Begleiterkrankungen zu erstellen. Prof. Pfeiffer betonte, dass die Patienten fortan noch individueller betrachtet werden sollen. Bislang ging die Behandlung mitunter an den individuellen Erfordernissen der Patienten vorbei, berichtete der Experte unter Berufung auf die Ergebnisse eine dreijährigen Studie mit rund 30.000 Diabetes-Patienten. Auf Basis der neuen Therapieleitlinien bestehe nun die Chance, die Behandlung der Stoffwechselkrankheit insgesamt deutlich zu verbessern und mögliche Beeinträchtigungen durch fehlerhafte Therapien zu vermeiden.

Überdosierung von Medikamenten
Als Beispiel für typische Behandlungsfehler bei der Diabetes nannte Professor Pfeiffer die Übertherapie beziehungsweise Überdosierung der Medikamente. Laut Aussage des Diabetologen können „ältere Patienten oft nicht sicher mit Insulin umgehen und riskieren deshalb bei zu hohen Insulingaben eine gefährliche Unterzuckerung.“ Diese hat für den Organismus deutlich schwerwiegendere Auswirkungen als eine kurzfristige Überzuckerung. Denn hoher Blutzucker ist zwar auf Dauer für den Körper ein Problem, doch akute Symptome sind hier vorerst nicht zu erwarten. Bei der Hypoglykämie (Unterzuckerung) treten hingegen unter Umständen akute Beschwerden wie Bluthochdruck, Herzrasen, kognitive Ausfälle, Bewusstseinsstörungen bis hin zur Ohnmacht, Lähmungen und Krampfanfälle auf. Schlimmstenfalls kann die Unterzuckerung auch den Tod der Patienten bedingen.

Daher sollte das Risiko einer Unterzuckerung beziehungsweise eine Überdosierung des Insulins dringend vermieden werden. So kann gemäß den neuen Therapieleitlinien der EADS und ADA beispielsweise bei Patienten, die bereits über 70Jahre alt sind und bisher keine schweren Diabetes-Folgeschäden zeigen, die Insulindosis reduziert werden, um das Risiko einer Unterzuckerung zu minimieren. Laut Prof. Pfeiffer ist es unwahrscheinlich, dass mögliche Phasen mit zu hohem Blutzuckerspiegel hier Schaden anrichten. Nicht jeder Patient müsse mit 75 Jahren noch perfekt eingestellt sein. Mögliche Vor- und Nachteile der Behandlung sollten gründlich abgewogen werden, erläuterte der Experte.

Nur zehn Prozent des Diabetes-Risikos erklärbar
Neben den neuen Therapierichtlinien für die Behandlung von Diabetes werden auf dem diesjährigen Diabetes-Kongress in Berlin auch die genetischen Grundlagen der Erkrankung intensiv diskutiert. Hier werden im Rahmen der 48. EADS-Jahrestagung einige neue Erkenntnisse präsentiert, doch zugleich bestehen weiterhin zahlreiche offene Fragen, erläuterte Prof. Pfeiffer. Beispielsweise sei von „rund 60 Genen belegt, dass sie die Neigung zu Diabetes beeinflussen – trotzdem können sie nur etwa zehn Prozent des Diabetesrisikos tatsächlich erklären“, erläuterte der Experte. An dieser Stelle müssen andere Faktoren eine wichtige Rolle spielen, wobei Pfeiffer davon ausgeht, dass sogenannte „epigenetische Faktoren entscheidend sind.“ Die Epigenetik beschreibt mögliche Veränderungen in der Aktivität bestimmter Gene unter Einfluss von äußeren Bedingungen, wie zum Beispiel der Ernährung, des Lebensstils oder anderen Umweltfaktoren. Die ursprünglichen Erbanlagen werden so im Laufe des Lebensverlaufs modifiziert.

Bei der Entstehung von Diabetes könnten die epigenetischen Prozesse nach Einschätzung der Experten von besonderer Bedeutung sein.Wann sie ihre Wirkung entfalten ist bislang jedoch weitgehend unklar. Dies könne im späteren Lebensverlauf, unter Umständen aber auch schon beim Säugling und sogar beim Fötus im Mutterleib geschehen, erläuterte der Prof. Pfeiffer. Daher sei das Verhalten der Schwangeren und Mütter an dieser Stelle so entscheidend, betonte der Berliner Diabetologe. „Ist die werdende Mutter Raucherin, Diabetikerin oder übergewichtig, beeinflusst sie damit in negativer Weise die Gesundheit des Kindes“, so Pfeiffer. Darüber hinaus spiele die Ernährung und das Gedeihen im ersten Lebensjahr eine wesentliche Rolle. Der Präsident des EADS-Kongresses erklärte: „Wird das Kind überfüttert und ist zu dick, steigt sein späteres Diabetesrisiko deutlich an.“ Dies gelte „auch für den Fall, dass das Baby – wie häufig bei Raucherinnen – kleiner als normal geboren wird und dann zu schnell an Gewicht zulegt“, so Pfeiffer weiter. Allerdings bleibe bislang unklar, auf welche Weise die epigenetischen Faktoren genau wirken und welche Möglichkeiten zum Ausgleich ungünstiger Faktoren wie beispielsweise einer Schwangerschaftsdiabetes bestehen.

Schichtarbeit erhöht das Diabetes-Risiko
Schon länger rückt Schichtarbeit in Fokus der Diabetes Forschung. Neben dem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen und Depressionen könnte das Arbeiten in der Nacht und zu unterschiedlichen Zeiten das Risiko für Diabetes Typ II erhöhen, wie die Forschung seit einiger Zeit vermutet. Auch dieser Punkt soll auf dem internationalen Kongress in den kommenden Tagen erörtert werden.

Fakt ist und das zeigten eine Reihe von Forschungsarbeiten, dass ständig wechselnde Arbeitszeiten und Nachtarbeit das Risiko von Adipositas und Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes fördert. Allerdings spielen auch hier genetische Faktoren eine Rolle, wie Professor Pfeiffer gegenüber der „dpa“ erklärte: „Fünf zentrale Gene der inneren Uhr, die „clock-Gene“, und ein paar Dutzend weitere Gene steuern zwischen fünf und 15 Prozent des gesamten Genoms, unter anderem Stoffwechselvorgänge. Wer dauerhaft Wechselschichten fährt, beeinflusst die Funktion dieser Gene und erhöht auf diese Weise sein Diabetes-Risiko.“

Demnach ist Schichtarbeit ein Problem für die Gesundheit und so auch ein gesellschaftliches, wie Pfeiffer betont. So müsse diskutiert werden, welche Gesundheitsrisiken sich die Menschen bei derartigen Tätigkeiten aufbürden und wie diese eventuell abgemildert werden könnten. Zwei Möglichkeiten, der Erkrankungsgefahr entgegen zu treten, benennt der Experte. Wer darauf achtet, sich gesund zu ernähren und ein Normalgewicht zu halten sowie regelmäßig für Bewegung sorgt, kann das Diabetes-Risiko deutlich mindern. Dieser Tipp gilt nicht nur für Schichtarbeiter sondern für alle Menschen. Der europäische Diabetes-Kongress findet noch bis zum Freitag in Berlin statt. Insgesamt 18.000 Wissenschaftler, Experten und Ärzte diskutieren neue Erkenntnisse und mögliche Behandlungsmethoden. (sb, fp)