Aufschieberitis im Studium kostet Karriere

Fabian Peters

Prokrastination: Krankhaftes Aufschiebeverhalten gefährdet das Lebensglück

26.03.2012

Das Aufschieben unangenehmer Tätigkeiten ist ein weit verbreitetes Phänomen, welches unter Umständen krankhafte Züge annehmen und die eigene Karriere kosten kann. Die Betroffenen leiden unter einer regelrechten "Aufschieberitis", bei der wichtige Aufgaben regelmäßig unerledigt bleiben.

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Nach dem Motto „Was du heute kannst besorgen, verschiebe lieber auf Morgen“ werden bei der Aufschieberitis unangenehme Tätigkeiten immer wieder hinausgezögert und bleiben am Ende oftmals unerledigt. Das Phänomen ist bereits seit Jahrzehnten vor allem aus dem Bereich der Studierenden bekannt, wobei früher eher verharmlosend von sogenannten Bummelstudenten oder dem Studentensyndrom die Rede war. Mittlerweile wird in der Fachwelt von krankhaftem Aufschiebeverhalten gesprochen, dass zu erheblichen Problemen führen kann. Schlimmstenfalls kostet das unter dem psychologischen Fachbegriff „Prokrastination“ umschriebene Verhalten das Lebensglück und die Karriere, warnen die Experten.

Prokrastination-Patienten dem Aufschieben hilflos ausgeliefert
Nicht nur Studenten schieben unangenehmen Tätigkeiten wie Hausarbeiten, Referate oder Abschlussarbeiten oftmals lange Zeit vor sich her. Auch in anderen Gesellschaftskreisen ist das Aufschiebeverhalten durchaus verbreitet. Dies muss jedoch nicht zwangsweise auf eine krankhafte Prokrastination hinweisen, sondern ist bis zu einem gewissen Grad durchaus normal. So neigen einige Menschen von sich aus zu späterer Handlungsinitiierung beziehungsweise können sich nur müßig zu unangenehmen Tätigkeiten überwinden, obwohl ihnen die Nachteile einer Verzögerung durchaus bewusst sind. Im Falle der Prokrastination wird die Unlust oder gar Angst vor den Aufgaben durch deren Notwendigkeit jedoch noch verstärkt. Der zeitliche Druck und das regelmäßige Überschreiten bestimmter Fristen (äußerer oder selbst gesetzter), lässt bei den Betroffenen häufig ein Schamgefühl aufkommen, dass sie in ihren Handlungen zusätzlich blockiert. Am Ende fühlen sich die „Betroffene dem Aufschieben hilflos ausgeliefert und bleiben hinter ihrem Leistungsniveau zurück“, betonte die Psychologin Eva Frings von der Universität Münster gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“.

Studenten erhalten Hilfe in der Prokrastinationsambulanz
Die Psychologin an der „Prokrastinationsambulanz“ der Universität Münster hat gemeinsam mit ihren Kollegen über einen Zeitraum von sechs Jahren circa 500 Studenten, die klare Anzeichen einer Prokrastination aufwiesen, therapeutisch versorgt. Mit ihrem ambulanten Angebot für die betroffene Studenten gilt die Universität Münster als bundesweit einzigartiges Vorzeigebeispiel. Hier soll den Studierenden geholfen werden, ihr chronisches Aufschiebeverhalten zu überwinden, nicht zuletzt um ihnen einen erfolgreichen Abschluss des Studiums zu ermöglichen. Eine typische Aussage von Studenten, die in der „Prokrastinationsambulanz“ versorgt wurden, war laut Eva Frings zum Beispiel: „Ich bin absolut bereit, loszuarbeiten und mein Körper bewegt sich nicht.“ Statt die erforderlichen Arbeiten am PC zu erledigen, würde der „Zeigefinger einfach auf die linke Maustaste“ klicken und die Betroffenen „zur nächsten WWW-Seite“ schieben. Schnell nochmal bei Facebook reinschauen, bevor die ernsthaften Aufgaben angegangen werden, denken sich viele Prokrastination-Patienten und verbringen anschließend den restlichen Tag im Internet, anstatt sich um ihre Arbeiten zu bemühen. Auch fällt ihnen oft just in dem Augenblick, als sie eigentliche beginnen wollen, ein, dass ja die Wäsche noch gewaschen oder der Einkauf erledigt werden muss.

Studenten, Selbstständige und Freiberufler besonders häufig von Aufschieberitis betroffen
Studenten seien besonders häufig von dem Phänomen der Prokrastination betroffen, da sie ihren Uni-Alltag in hohem Maße selbst strukturieren müssen. In der Schule wurde ihnen oft nur unzureichend vermittelt, wie sie strukturiert Arbeiten und lernen, erklärte Eva Frings. Die Organisation der Betroffenen sei deswegen entsprechend schlecht. Jedoch leiden laut Aussage der Expertin nicht nur Studierende unter dem Problem, sondern auch Selbstständige und Freiberufler, die ihren Alltag ebenfalls in hohem Maße selbst strukturieren müssen, sind verstärkt von Prokrastination betroffen. Innerhalb der Studierenden lässt sich laut Aussage von Eva Frings keine typische Risikogruppe identifizieren, wobei die Betroffenen jedoch tendenziell häufiger aus Studiengängen wie Geschichte oder Philosophie kämen, in denen der Uni-Alltag besonders stark selbst strukturiert werden muss. Allerdings habe auch die Einführung der strafferen Bachelor- und Masterstudiengänge keine Reduzierung der Betroffenen bewirkt.

Betroffene sollten therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen
Zu den Ursachen des chronischen Aufschiebeverhaltens erklärte die Expertin, dass „oft auch Versagensängste und hohe Ansprüche an die eigene Person eine große Rolle“ spielen, wobei das Aufschieben der unangenehmen Tätigkeiten aus verhaltenspsychologischer Sicht durchaus nachvollziehbar sei. Denn kurzfristig würden die unangenehmen Gefühle verdrängt, Stress und Widerwille umgangen. „Langfristig jedoch gibt es viele nachteilige Folgen wie die längere Studiendauer, schlechtere Noten oder den Abbruch des Studiums“, erläuterte die Münsteraner Psychologin Lena Beck gegenüber der „dpa“. Für die Studierenden hat der Zwiespalt zwischen Erkenntnis des Handlungsbedarf und der eigenen Handlungsunfähigkeit zur Folge, dass sie verstärkt und Stress stehen, vermehrt Schlafstörungen entwickeln, unter allgemeiner Unzufriedenheit leiden und einem erhöhten Risiko von Depressionen unterliegen. Spätestens wenn sich das Aufschiebeverhalten in ersten Anzeichen auf derart gravierende Symptome manifestiert, ist den Betroffenen dringend therapeutische Hilfe zu empfehlen, die sie an der Universität-Münster in der Prokrastinationsambulanz erhalten, so die Aussage der Expertinnen.

Realistische Zielsetzung als Ziel der Behandlung
Die Psychologin Eva Frings und ihre Kollegen helfen den Betroffenen mit Gruppen- und Einzelbehandlungen, ihre Aufgaben besser zu organisieren beziehungsweise zu strukturieren, um das Aufschiebeverhalten künftig zu vermeiden. Auch lernen die Prokrastination-Patienten sich realistische Teilziele zu setzen, erklärte Frings. Dabei könne „als Daumenregel helfen, von dem, was man sich intuitiv vornehmen würde, 50 Prozent abzuziehen“, betonte die Psychologin. Zudem sei es sinnvoll, sich die bereits erledigten Aufgaben vor Augen zu führen, zum Beispiel indem „pro erfolgreicher Einheit eine Murmel in ein Glas“ gelegt wird. „Der Anblick motiviert“ und nach 20 Murmeln können sich die Betroffenen ohne weiteres auch mal eine Auszeit gönnen, um sich mit Freunden zu treffen oder ins Kino zu gehen, so die Aussage der Expertin. (fp)