Ärzte: Aus Behandlungsfehlern lernen

Astrid Goldmayer

Broschüre ermutigt Ärzte und Pfleger, Behandlungsfehlern an Patienten zu zugeben

17.01.2014

In Deutschland sterben etwa 18.000 Patienten aufgrund von Behandlungsfehlern im Krankenhaus. Experten schätzen die Dunkelziffer jedoch weitaus höher ein, da Fehler im Gesundheitswesen häufig unter den Teppich gekehrt werden. Ärzte und Pflegekräfte fürchten die Konsequenzen. Eine neue Broschüre der AOK soll dazu ermutigen, Behandlungsfehler offen zuzugeben. Nur so könne aus Fehlern gelernt und die Patientensicherheit erhöht werden, heißt es in der Broschüre.

Behandlungsfehler werden häufig vertuscht
Fehler passieren in allen Bereichen und bleiben meist ohne schwerwiegende Konsequenzen. Wenn ein Arzt eine zu hohe Dosis eines starken Medikaments verabreicht oder eine falsche Diagnose stellt, kann das für den Patienten jedoch fatale Folgen haben. Von etwa 18 Millionen Patienten, die jedes Jahr in deutsche Krankenhauser eingeliefert werden, sterben rund 18.000 aufgrund von Behandlungsfehlern. Das ergab eine wissenschaftliche Untersuchung. Die Zahl ist eine sogenannte Niedrigschätzung. Experten gehen von einer viel höheren Dunkelziffer aus. Denn häufig verschweigt das Klinikpersonal seine Fehler. Das bestätigt auch eine Untersuchung der Hochschule Bremen, die eine Befragung von Pflegern in Kliniken durchführte. Demnach gaben 85 Prozent an, dass deutlich weniger als die Hälfte aller Fehler in ihrer Einrichtung gemeldet würden. Wer gibt schon gerne zu, dass er einen Patienten in Gefahr gebracht hat oder gar für dessen Tod verantwortlich ist? Hinzu kommt, dass viele Klinikchefs möglicherweise eine Schädigung des guten Rufs ihrers Krankenhauses fürchten und somit gar nicht über Fehler informiert werden wollen, die sie zum Handeln zwingen würden. Unter den Ärzten und Pfleger herrscht zudem häufig Einigkeit darüber, niemanden an den Pranger zu stellen. Schließlich sind alle überlastet angesichts des Pflegenotstands, von Überstunden und Schichtdienst. Hinzu kommt die Angst vor den Konsequenzen, wenn ein Behandlungsfehler bekannt wird.

Broschüre rät zur Offenheit bei Behandlungsfehlern
Um die Patientensicherheit zu erhöhen, hat die AOK eine neue Broschüre mit dem Titel „Jeder Fehler ist eine Chance" herausgegeben, in der ehemalige Pfleger, die mittlerweile in in höheren Positionen tätig sind, von ihren Fehlern erzählen. Auf diese Weise sollen Ärzte und Pflegepersonal ermutigt werden, Behandlungsfehler einzuräumen. Zukünftig kann so der Fehler vermieden werden. Ein Beispiel dafür sind die Desinfektionsbehälter, die inzwischen überall im Krankenhäusern installiert wurden. Dadurch konnte die Zahl der Krankenhausinfektionen deutlich gesenkt werden. Zuvor mussten jedoch die Fehler erkannt werden.

Ein vertuschter Behandlungsfehler „belastet die Persönlichkeit und verwirkt die einmalige Chance, andere Patienten vor der Wiederholung des Fehlers zu schützen", schreibt die Krankenkasse in ihrer Broschüre. „Fehler kann man nicht hundertprozentig vermeiden oder gar verbieten, man kann nur aus ihnen lernen."

„Es ist mutig, offen über Fehler zu reden, denn nur so kann man daraus lernen. Und es ist auch ein elementarer Beitrag zur Patientensicherheit“, erklärt Jürgen Graalmann, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. „Wer Fehler zugibt, zeigt Verantwortung und verdient Respekt.“ Es gehe nicht darum, zu fragen „Wer war schuld“ sondern vielmehr „Was war schuld“, heißt es in einer Mitteilung der Krankenkasse. „Offen mit Fehlern umzugehen, bedeutet vor allem einen kulturellen Wandel“, berichtet Kai Kolpatzik, Leiter der Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband. Dieser Perspektivenwechsel sei die eigentliche Herausforderung.

Patienten vor Behandlungsfehlern schützen
Im Gespräch mit der Zeitung „Die Welt“ berichtet Hardy Müller, ehrenamtlicher Geschäftsführer des Aktionsbündnisses Patientensicherheit in Hamburg, von seinen Erfahrungen. Über die AOK-Broschüre, die in Kooperation mit dem Verein erstellt wurde, sagt Müller: „Das ist ein Eingeständnis, dass Fehler immer passieren und dass man darüber reden und nicht an den Pranger gestellt werden soll." Es gehe nicht darum, einen Schuldigen auszumachen, sondern zukünftig die Ursache des Fehlers abzustellen, um die Patienten zu schützen. Durch intensive Fehleranalyse ließen sich die meisten Behandlungsfehler vermeiden. Statt viel Zeit und Geld in Innovationen zu investieren, plädiert Müller dafür, bestehende Behandlungsmethoden sicherer einzusetzen.

Im Februar 2013 wurde der Gesetzgeber tätig und schuf mit der Einführung des Patientenrechtegesetzes die Bedingungen für eine offenere Fehlerkultur. Danach dürfen die Fehlermeldesysteme in Krankenhäusern nicht für polizeiliche oder staatsanwaltliche Ermittlungsverfahren eingesetzt werden. Eine Ausnahme stellen jedoch grob fahrlässige oder kriminelle Taten dar. Auf diese Weise bleibt ein betrunkner Arzt, dem ein Behandlungsfehler unterläuft, strafbar. Das Klinikpersonal wird aber grundsätzlich entlastet und zu mehr Offenheit im Umgang mit Fehlern ermutigt. „Das Gesetz entlastet die Mitarbeiter, weil klargemacht wurde, dass eine Fehlermeldung eigentlich nicht gegen einen verwendet werden darf", erläutert Müller. Und dennoch: „Ein offener Umgang mit Fehlern muss erst noch geübt werden." In vielen Kliniken herrsche noch immer das große Schweigen bei Behandlungsfehlern.

Müller sieht auch den Staat in der Pflicht, mehr zu tun. So gibt es in Deutschland nur ein einziges Institut für Patientensicherheit, dessen Mitarbeiter Behandlungsfehler und ihre Vermeidung wissenschaftlich analysieren. „Irren ist menschlich, aber nicht in Patientensicherheit zu investieren ist tödlich", warnt Müller. (ag)

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