Auswertung: Ärzte verschreiben deutlich zu oft hochriskante Antibiotika

Nina Reese
Fluorchinolone werden oft bei Bagatellerkrankungen verordnet
In Deutschland verschreiben Ärzte offenbar wichtige Antibiotika-Medikamente aus der Gruppe der Fluorchinolone häufig auch dann, wenn sie gar nicht unbedingt nötig sind. Dies hat eine aktuelle Analyse des Wissenschaftliche Instituts der AOK (WIdO) ergeben. Die betroffenen Arzneien können massive Nebenwirkungen haben und sind eigentlich zur Behandlung schwerwiegender und lebensbedrohlicher Infektionen vorgesehen. Doch dem WidO zufolge kommen, sie oft auch bei Bagatellerkrankungen zum Einsatz.

Wirkstoffe sollen bei lebensbedrohlichen Infektionen helfen
Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone kommen hierzulande häufiger zum Einsatz, als es sein sollte. Das geht aus einer Mitteilung des Instituts der AOK (WidO) hervor. Denn die betroffenen Wirkstoffe sind eigentlich für die Heilung schwerster, lebensbedrohlicher Erkrankungen gedacht und können ernste gesundheitliche Folgen haben.

Einer aktuellen Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK zufolge, verschreiben Ärzte zu oft wichtige Reserveantibiotika. (Bild: Henrik Dolle/fotolia.com)

Aufgrund schwerwiegender Nebenwirkungen durchlaufen Antibiotikamedikamente aus dieser Gruppe seit Anfang 2017 eine neue Risikobewertung durch die Europäische Zulassungsbehörde für Arzneimittel (EMA). Nur fünf verschiedene Arzneimittel bzw. Arzneimittelgruppen würden dem WidO zufolge derzeit durch die EMA überprüft – eine vergleichsweise geringe Zahl in Hinblick auf die rund 2.500 Wirkstoffe und Wirkstoffkombinationen, die gegenwärtig eingesetzt werden, so die Mitteilung weiter.

Gründliche Nutzen-Risiko-Abwägung notwendig
„Angesichts der möglichen schwerwiegenden und langandauernden Nebenwirkungen wie Sehnenrissen, psychischen Störungen wie Depressionen und Angstzuständen, sollten diese Reserveantibiotika nur nach gründlicher Nutzen-Risiko-Abwägung durch den Arzt eingesetzt werden“, so Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Doch das scheint in der täglichen Praxis eher selten zu erfolgen. Denn die Anaylse des Instituts ergab, dass die betroffenen Wirkstoffe im Jahr 2015 mit 5,9 Millionen verordneten Arzneimittelpackungen sogar die am vierthäufigsten verordnete Antibiotika-Gruppe darstellte. Damit handelte es sich bei 16,4 Prozent der insgesamt rund 38 Millionen Antibiotikaverordnungen um Fluorchinolone.

Eine Hochrechnung des WIdO auf der Grundlage der AOK-Versicherten habe ergeben, dass mehr als vier Millionen gesetzlich Versicherte diese Antibiotika bekommen haben. In den meisten Fällen (knapp 63%) sei dabei der Wirkstoff Ciprofloxacin verschrieben worden, 70 Prozent der Rezepte wurden von Hausärzten ausgestellt.

Aufklärungsbedarf auf beiden Seiten
Dies lasse darauf schließen, dass die Medikamente nicht nur bei lebensbedrohlichen Krankheiten eingesetzt werden, sondern auch bei Bagatellerkrankungen wie einem unkomplizierten Harnwegsinfekt (z.B. Blasenentzündung), einer Bronchitis oder Nasennebenhöhlenentzündung. Um Resistenzen gegenüber Fluorchinolonen und Nebenwirkungen zu vermeiden, sei es jedoch sinnvoll, die Wirkstoffe nur zurückhaltend einzusetzen, so das WidO.

In vielen Fällen sollten stattdessen ältere, über viele Jahre hinweg erprobte Mittel zum Einsatz kommen. Doch hier bestehe noch Aufklärungsbedarf – sowohl seitens der Patienten als auch bei den Ärzten. Patienten sollten wissen, dass Antibiotika, die auf „floxacin“ enden, entsprechende Nebenwirkungen haben können und das es gut wirksame Alternativen gibt.

Antibiotikum so selten wie möglich einsetzen
„So selten wie nötig und so gezielt wie möglich“ – diese „goldene Regel“ sollte folglich immer gelten, wenn es um die Gabe von Antibiotika geht. Denn „nur so kann sichergestellt werden, dass die zukünftigen Therapiechancen eines Antibiotikums nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt und gleichzeitig die Patienten nicht unnötigen Gefahren ausgesetzt werden“, erklärte Schröder. (nr)