Auticon: Asperger-Autisten als IT-Tester

Alfred Domke

Ausschließlich Autisten als IT-Tester

10.11.2013

Am ersten November eröffnete der IT-Dienstleister in Frankfurt/Main seinen bundesweit vierten Standort. Die Besonderheit des Unternehmens liegt darin, dass dort ausschließlich Asperger-Autisten als IT-Tester arbeiten.

Ausschließlich Menschen mit Asperger-Syndrom
Nach Berlin, Düsseldorf und München ist nun in Frankfurt/Main der vierte Standort des Unternehmens Auticon eröffnet worden. Ab Februar 2014 soll die Arbeit beginnen, die Vorstellungsgespräche mit den potentiellen neuen IT-Testern sollen in den nächsten Wochen starten. Wie der Gründer des Unternehmens, Dirk Müller-Remus erklärte, sollen wie an den anderen Standorten auch in der Mainmetropole ausschließlich Menschen mit Asperger-Syndrom, einer abgeschwächten Form von Autismus, als Consultants beschäftigt werden.

Erhebliche Probleme auf dem Arbeitsmarkt
Da diese Form des Autismus oftmals nicht offensichtlich zu Tage tritt, sondern sich durch Schwächen in der sozialen Interaktion und Kommunikation äußert, heißt es oft: „Asperger wird nicht diagnostiziert, sondern entdeckt.“ Häufig seien Betroffene nicht in der Lage, verbale und nonverbale Signale intuitiv zu erkennen und werden daher oft von Mitmenschen für sonderbar befunden. Laut Müller-Remus führt das dazu, „dass diese Menschen auf dem Arbeitsmarkt erhebliche Probleme haben. Sie müssen sich verstellen, erzählen ihrem Chef meistens nichts von ihrer Behinderung und so wird natürlich auch der Umgang mit diesen Menschen schwierig.“

Einzigartige Fähigkeiten
Dieses Verstellen sei jedoch bei Auticon nicht nötig, denn der Firmengründer setzt ganz explizit auf die Stärken der Asperger-Autisten. So haben diese einzigartige Fähigkeiten in analytisch-logischem Denken, Genauigkeit, Konzentrationsvermögen und der Mustererkennung und sind daher in der Lage, auch kleinste Softwarefehler zu identifizieren. Die in der Krankheit begründeten Schwierigkeiten der sozialen Interaktion sollen durch Jobcoaches ausgeglichen werden, die den direkten Kontakt zu den Kunden hätten.

Möglichst vielen Autisten eine Chance geben
Bis zum Ende des nächsten Jahres sollen in Frankfurt 15 Consultants und zwei Jobcoaches tätig sein. Bislang arbeiten bereits 30 Asperger-Autisten für das Unternehmen. Die Zahl der Beschäftigten solle sich bis Ende 2014 verdoppeln und auch weitere Standorte sind geplant. Müller-Remus erklärt die Gründe für die Wachstumsstrategie: „Wir wollen möglichst vielen Autisten in ganz Deutschland eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt geben, ihnen aber einen Wohnortwechsel ersparen, der für viele Betroffene eine große Hürde darstellt. Und deshalb müssen wir als Unternehmen eben die Nähe zu unseren potentiellen Mitarbeitern suchen.“ Alle Bewerber sollten aber grundsätzlich über umfangreiche IT-Kompetenzen und logisch-analytisches Denkvermögen verfügen.

Soziales mit Unternehmerischem verbinden
Ein Grund für das Engagement für Autisten ist in der Familie des Unternehmers zu finden. So entstand die Idee zum Konzept des Social Enterprise Auticon, da er selbst Vater eines Jungen mit Asperger-Syndrom ist. Müller-Remus lernte in einer Selbsthilfegruppe für Betroffene und Angehörige weitere Menschen mit Asperger kennen und stellte fest: „Sie alle waren gut ausgebildet, waren aber alle arbeitslos und lebten von Hartz IV oder anderen Sozialleistungen. Und da kam mir die Idee, das Soziale mit dem Unternehmerischen zu verbinden und diesen Menschen mit ihren speziellen Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu bieten.“

Mehr Förderung angemahnt
Dass es Menschen mit autistischer Störung auf dem Arbeitsmarkt schwer haben, erklärte auch Matthias Dalfert, Professor für angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule Regensburg, vor wenigen Monaten der Nachrichtenagentur dpa gegenüber. So arbeiten nur rund fünf Prozent der Autisten auf dem Arbeitsmarkt, beim Asperger-Syndrom seien es 20 Prozent. „Mit entsprechender Förderung könnte die Zahl dreimal so hoch sein“, so Dalfert. Auticon ist jedoch nicht das einzige Unternehmen, das auf die besonderen Fähigkeiten der Autisten setzt. Auch der Softwarekonzern SAP plant bis 2020 ein Prozent seiner Stellen mit Autisten zu besetzen. Das entspricht etwa dem Anteil der Bevölkerung, der an Autismus leidet.

Autismus ist nicht heilbar
Autismus wird mehrheitlich als eine angeborene, unheilbare Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns beschrieben. Die Symptome und die individuellen Ausprägungen der Störung können von leichten Verhaltensproblemen, die kaum auffallen bis zu schweren geistigen Behinderungen reichen. Gemein ist allen autistischen Behinderungen eine Beeinträchtigung des Sozialverhaltens. So bestehen Schwierigkeiten mit anderen Menschen zu sprechen, Gesagtes richtig zu interpretieren, Mimik und Körpersprache einzusetzen und zu verstehen.

Milde Form von Autismus
Das Asperger-Syndrom ist eine milde Form von Autismus. Im „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“, einem Katalog der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben wird und der als das wichtigste, weltweit anerkannte Diagnoseklassifikationssystem der Medizin gilt, werden drei Über-Kriterien genannt: Eine qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktionen. Eine qualitative Beeinträchtigung der Kommunikation, sowie beschränkte repetitive und stereotype Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten. (ad)

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Bild: Tim Reckmann / pixelio.de