Sex im Alter: Keine Lust mehr auf körperliche Liebe?

Im Alter nimmt das sexuelle Verlangen zwar ab, verschwindet aber nicht ganz. Sex im Alter ist etwas ganz normales. (Bild: drubig-photo/fotolia.com)
Alfred Domke
Sex für Hochbetagte: Nur keine Hemmungen!
Das sexuelle Verlangen nimmt zwar im Alter ab, verschwinden tut es aber nicht. Geschlechtsverkehr ist heutzutage auch für viele Hochbetagte nichts Außergewöhnliches mehr. Experten meinen, Senioren sollten dabei keine Hemmungen haben. Was mit zunehmendem Alter aber immer wichtiger wird, ist Zärtlichkeit.

Sex im Alter ist etwas ganz normales
Auch im Alter spielt Sexualität eine große Rolle im Leben. Sex bis 90 ist etwas ganz normales, meinen Experten. Allerdings scheint körperliche Lust bei Senioren ein Tabu zu sein. „Unsere Kultur liebt das Äußerliche, Neue und Vergängliche“, sagte Volkmar Sigusch, Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft am Uniklinikum Frankfurt in einem Bericht der „Stuttgarter Nachrichten“. Sexualität werde deshalb in erster Linie mit jüngeren Leuten in Verbindung gedacht. Allerdings fanden Wissenschaftler der Universität Osnabrück in einer Befragung heraus, dass rund 80 Prozent der Männer und 60 Prozent der Frauen zwischen 50 und 70 Jahren regelmäßig und variantenreichen Geschlechtsverkehr haben. Und Forscher der Uni Rostock berichteten im Fachmagazin „PLOS ONE“ über eine Langzeitstudie, derzufolge die Befragten mit durchschnittlich 74 Jahren nicht weniger zufrieden mit ihrem Sexleben waren, als elf Jahre zuvor.

Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge nimmt das sexuelle Verlangen bei älteren Menschen zwar ab, verschwindet aber nicht komplett.

Bei Senioren nimmt das sexuelle Verlangen zwar ab, verschwindet aber nicht ganz. Sex im Alter ist etwas ganz normales. (Bild: drubig-photo/fotolia.com)
Bei Senioren nimmt das sexuelle Verlangen zwar ab, verschwindet aber nicht ganz. Sex im Alter ist etwas ganz normales. (Bild: drubig-photo/fotolia.com)

Für Senioren wird Zärtlichkeit immer wichtiger
Zahlreiche Ursachen können dazu beitragen, dass das Ausleben von Sexualität im Alter abnimmt. So erklärte Klaus M. Beier, Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin in Berlin-Mitte der landeseigenen Universitätsklinik, in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“, dass der „alternde Mann für die Erektion intensivere Stimulationen“ benötigt, „die Steifigkeit ist meist geringer, alles dauert länger“.

Er sagte weiter: „Das gilt auch für die alternde Frau: Die Scheide verliert an Dehnungsfähigkeit, die Durchblutung wird schwächer, es dauert länger, bis sie feucht wird. Dazu können Beschwerden durch Beckenbodenschwäche und Gebärmuttersenkung kommen. Außerdem kann es zum Urinverlust beim Sex kommen – was zu Schamgefühlen und erheblichen Belastungen führen kann.“ Für viele wird zudem im Alter Kuscheln wichtiger als Sex. So zeigte eine Studie deutscher und englischer Forscher, dass die meisten Hochbetagten Zärtlichkeit einen wichtigen Platz in ihren Partnerschaften einräumten.

Körperliche Beschwerden fördern Schamgefühle
Wie die Paartherapeutin Astrid Riehl-Emde in den „Stuttgarter Nachrichten“ sagte, gibt es zudem eine Studie, die zeigt, dass Paare ihre sexuell aktive Phase manchmal genau dann beenden, wenn das erste Enkelkind geboren wird. Die Professorin für Klinische Psychologie an der Uni Heidelberg, die in einer Sprechstunde Paartherapie speziell für Menschen über 60 Jahren anbietet, erläuterte, dass es für viele nicht leicht ist, nach zahlreichen Jahren des Zusammenlebens das Thema Sex noch einmal anzugehen – insbesondere dann, wenn sich nur ein Partner Veränderungen wünscht.

„Manchmal streichelt ein Mann seine Frau seit 30 Jahren auf eine Art, die sie eigentlich nicht mag“, so Riehl-Emde. „Dann mit 70 Jahren darüber zu sprechen – vor allem, wenn man das vorher nie getan hast – ist enorm schwer.“

Das Gehirn ist das wichtigste Sexualorgan
Laut Stephanie Kossow, Ärztin für Sexualmedizin der Charité in Berlin sei das wichtigste Sexorgan nicht der Penis oder die Vagina – sondern das Gehirn. „Studien zeigen, dass „great sex“ – also Sex, der sich gut anfühlt – nicht von der sexuellen Funktion abhängt und auch eine gute sexuelle Funktion keine Garantie für guten Sex ist“, erläuterte die Expertin in der Zeitung. Ihrer Meinung nach machen das Medikamente wie Viagra deutlich, die die Erektion steigern sollen und nur dann volle Wirkung entfalten, wenn die Situation für den Patienten auch erotisch ist.

Keine Alternativen zu „langweiligem Hausfrauensex“ kennengelernt
Wichtig ist, über Sexualität und Gefühle zu reden. Die Autorin Andrea Micus sieht hier vor allem bei Frauen ein Umdenken: „Diejenigen, die heute 60 oder 70 Jahre alt sind, haben jahrzehntelang kaum über Sexualität gesprochen.“ Sie hätten keine Alternativen zu „langweiligem Hausfrauensex“ kennengelernt. Heute sei dies anders: „Was ältere Frauen jetzt zu Sexualität in den Medien lesen, kitzelt sie wach. Viele fordern jetzt die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse ein.“

Auch jüngere Frauen sind heute beim Sex experimentierfreudiger und selbstbewusster, wie Untersuchungen zeigen. Paartherapeutin Riehl-Emde nimmt an, dass sich der Trend zu mehr Offenheit verstärken wird: „Denn die Generation, die jetzt alt wird, hat mehr Erfahrung mit Psychotherapie und ist es eher gewohnt, über ihre Probleme zu sprechen.“

Kein Geschlechtsverkehr im ersten Monat nach einem Infarkt
Auch häufig gestellte Fragen zu Sex im Alter werden in den „Stuttgarter Nachrichten“ beantwortet. Zu der Frage, ob Sex das Herz im Alter überfordert, heißt es da, dass es nach einem Herzinfarkt die Empfehlung gibt, im ersten Monat nach dem Infarkt keinen Sex zu haben. Laut der Ärztin Kossow sollte anschließend ein Belastungs-EKG gemacht werden. Wenn dabei eine Leistung von 100 Watt erreicht wird, ohne dass Herzbeschwerden auftreten, könne man bedenkenlos Sex haben. 100 Watt entsprechen zum Beispiel Treppensteigen oder langsamen Fahrradfahren. Allerdings sollten Senioren besser nicht fremdgehen. Wie deutsche Forscher in einer Langzeitstudie herausgefunden haben, gibt es ein gesteigertes Herzinfarkt-Risiko beim Sex nur beim Seitensprung.

Medikamente können zu Erektionsproblemen führen
Haben Männer Erektionsprobleme, ist laut der Zeitung eine ausführliche Erhebung der Krankengeschichte notwendig, damit Ärzte einschätzen können, ob ein Medikament helfen kann. Arzneimittel entfalten nur in Situationen ihre volle Wirkung, die für den Mann auch erregend sind. In manchen Fällen können auch Hausmittel bei Potenzstörungen helfen. Bei einer trockenen Scheide ist Geduld gefragt: „Es kann den Paaren so vorkommen, dass die Frau weniger feucht ist als früher, was häufig daran liegt, dass sie noch nicht sehr erregt ist. Da raten wir dazu, sich mehr Zeit zu nehmen, bis die Frau erregt und feucht ist“, so Sexualmedizinerin Stephanie Kossow. Da auch manche Medikamente Nebenwirkungen im Bereich der sexuellen Funktion haben können, sollte Betroffene gegebenenfalls mit ihrem Arzt darüber sprechen. Es kann sich dabei um Arzneien gegen Bluthochdruck, zur Behandlung von Parkinson, Prostatakrebs oder Antidepressiva handeln. Meist gibt es Alternativen, die diese Nebenwirkungen seltener haben. (ad)

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