Babys per Intuition besser in Mathe als 3-Jährige

Fabian Peters

Intuition verleiht Babys ein mathematisches und physikalisches Verständnis

16.04.2014

Babys verfügen bereits „über ein intuitives Verständnis von Zahlen, Mengen und einfachen Rechenoperationen“, mit dem sie mathematische und physikalische Aufgaben besser lösen können, als Kleinkindern, berichtet die Universität Greifswald unter Berufung auf die Erkenntnisse der „Greifswalder Studien zur kognitiven Entwicklung“. Trotzdem seien die Babys keine „Forscher in Windeln“, betonte Horst Krist, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Greifswald, gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“.

Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Studien umfassen zahlreiche Tests, mit denen die Entwicklungspsychologen das Denken der Kleinkindern entschlüsseln wollen. Heute wurde laut Mitteilung der „dpa“ im Institut für Psychologie der Universität Greifswald das 1000. Kind untersucht. Die bisherigen Ergebnisse würde zeigen, dass die vielfach angenommene Kontinuität in der Entwicklung des Denkens bei Babys und Kleinkindern, nicht existiert.„Säuglinge denken rein intuitiv und ganz anders als Kinder im Vorschulalter, deren Denken an die Sprache gekoppelt ist“, berichtet Professor Krist. Dies sei auch der Grund dafür, dass die Babys bei den Tests durchschnittlich besser abschnitten, als die Kleinkinder im Alter über drei Jahren.

Mit der Sprachentwicklung setze ein Umbruch des Denkens ein
Dem Entwicklungspsychologen zufolge setzt ungefähr im Alter von drei Jahren bei den Kindern eine Umbruchphase ein, die zu einem schlechteren Abschneiden in den kognitiven Tests führt. „In diesem Alter wird das intuitive Wissen von expliziteren, bewussteren Formen des Wissens überlagert“, erläuterte Prof. Krist. Vermutlich stehe ihnen die Sprachentwicklung bei der intuitiven Lösung der Aufgaben im Weg. Ab dem Alter von drei Jahren würden die Kinder „auf das Pferd Sprache setzen“ und „wollen ihr Wissen in Sprache artikulieren“, berichtet der Entwicklungspsychologe. Allerdings seien die Kleinen darin zunächst „noch sehr schlecht“, was sie bei der Lösung der Aufgaben behindere. Die sei zum Beispiel vergleichbar mit einem „Kind, das super krabbeln kann, aber trotzdem auf das Laufen umstellt, obwohl es damit zunächst einmal weniger Erfolg haben wird.“

Intuitives Verständnis von Zahlenreihen
Die Wissenschaftler der Universität Greifswald interessieren sich laut eigenen Angaben in ihrer Forschung besonders dafür, „wie Kinder einen Begriff von der natürlichen Zahlenreihe erwerben.“ Hier sei „es spannend zu beobachten, wie jüngere Kinder, aufbauend auf schon sehr früh nachweisbaren Intuitionen über Anzahl, Menge und Dauer, Schritt für Schritt ein Verständnis von eins, zwei, drei und vier erwerben.“ Bislang bleibe weitgehend unklar, „wie das frühkindliche Wissen über die Anzahl und das Hinzufügen (Addieren) beziehungsweise Entfernen (Subtrahieren) von Objekten im Laufe der Kindheit mit den kulturell vermittelten Zahlensymbolen und Rechenoperationen verknüpft wird.“ Insbesondere die Frage, „warum jüngere Kindergartenkinder bei direkter Befragung Schwierigkeiten damit haben, das Ergebnis einfacher Rechenoperationen als richtig oder falsch einzuschätzen, obwohl dies bereits wenige Monate alten Säuglingen zu gelingen scheint“, bleibe ein spannendes Rätsel.

Babys schneiden in Tests besser ab als Kleinkinder
Die Tests der Entwicklungspsychologen basierten auf einfachen Rechenaufgaben, die zu einem ungewöhnlichen Ergebnis führten und somit eine Reaktion der Kinder erwarten ließen. Zum Beispiel wurde eine Gummiente auf dem Tisch platziert, anschließend durch einen Vorhang verdeckt und eine zweite Ente mit dem Kommentar „Schau eine zweite Ente!“ hinter den Vorhang gestellt. Als sich der Vorhang öffnet, stehen jedoch drei – anstatt der zu erwartenden zwei – Enten dahinter. Die Babys zeigten daraufhin eine Verwunderung beziehungsweise Überraschung beispielsweise in Form eines längeren Blickkontakts. Die älteren Kinder schienen dieses „unmögliche“ Ereignis jedoch nicht zu registrieren. Hier siegte offenbar die mathematische Intuition über den kleinkindlichen Verstand.

Kaum Kontinuität in der frühkindlichen kognitive Entwicklung?
Die Greifswalder Forscher kommen zu dem Schluss, dass die kognitive Entwicklung in den ersten Lebensjahren durch stärker Brüche geprägt wird und weniger Kontinuität aufweist, als bisher angenommen. Das Denken der Kinder wandele sich in dieser Zeit enorm. Die Brüche würden zum Beispiel auch in der sogenannten „infantilen Amnesie“ deutlich, die das Nicht-Erinnern-Können der ersten Lebensjahre beschreibt, erläuterte Prof. Krist gegenüber der „dpa“. Die Ereignisse in den ersten Jahren seien nicht sprachlich abgespeichert und deshalb später auch nicht mehr Teil der Erinnerung. „Wenn die Sprache dazu kommt, macht das intuitive Denken aus dem Säuglingsalter dem bewussten, expliziten Denken Platz“, so der Greifswalder Entwicklungspsychologe weiter.

Neue Ansätze zur Frühförderung ableiten
Die bisherigen Ansätze der Frühförderung könnten angesichts der feststellbaren Brüche in der kognitiven Entwicklung möglicherweise ihr Ziel verfehlen. Allerdings seien voreilige Rückschlüsse unangebracht, warnte Prof. Krist. Weitere Untersuchungen müssten klären, wie die frühe Entwicklung des Denkens bestimmt wird. Durch die Studien zur kognitiven Entwicklung erhoffen sich die Forscher der Universität Greifswald nicht nur ein besseres Verständnis der menschlichen Entwicklung, sondern auch die indirekte Ableitung neuer und besserer Möglichkeiten zur Förderung der individuellen Entwicklung von Kindern und der Therapie von Entwicklungsproblemen bei Heranwachsenden. (fp)

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