Barmer: Deutlich mehr Sprachstörungen bei Schulkindern registriert

Alfred Domke
Rund jedes achte Kind in Deutschland hat Sprachprobleme
Ärzte stellen bei immer mehr Vorschul- und Schulkindern Sprachentwicklungsstörungen fest. Solche Störungen können die Entwicklung des Kindes stark beeinträchtigen. Betroffene sollten daher möglichst früh Hilfe bekommen.

Jedes achte Kind in Deutschland hat Sprachdefizite
Laut einer Hochrechnung der Krankenkasse Barmer GEK hat in Deutschland rund jedes achte Kind Sprachprobleme. Wie die Kasse in einer Mitteilung schreibt, wurde im Jahr 2015 bei etwa 715.000 gesetzlich versicherten Kindern zwischen fünf und 14 Jahren eine Störung der Sprachentwicklung diagnostiziert. Im Jahr 2011 waren es 648.000 Kinder.

Immer mehr Kinder in Deutschland haben Sprachstörungen. Dafür gibt es sowohl medizinische als auch soziale Ursachen. Experten empfehlen Eltern, ihren kleinen Kindern mehr vorzulesen. (Bild: contrastwerkstatt/fotolia.com)
Immer mehr Kinder in Deutschland haben Sprachstörungen. Dafür gibt es sowohl medizinische als auch soziale Ursachen. Experten empfehlen Eltern, ihren kleinen Kindern mehr vorzulesen. (Bild: contrastwerkstatt/fotolia.com)

Entwicklung wird beeinträchtigt
Der Anteil ist damit binnen vier Jahren von 9,8 auf zwölf Prozent gestiegen. Laut der Krankenkasse litten im Jahr 2015 mit 441.000 deutlich mehr Jungen als Mädchen (274.000) an Sprachdefiziten.

„Sprachstörungen können die Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen und verzögern. Je später die Hilfe kommt, desto wahrscheinlicher ist es, dass es nicht einwandfrei sprechen lernt“, sagte Barmer GEK-Vorstandschef, Prof. Dr. Christoph Straub.

Laut Schweizer Experten kann eine eingeschränkte Sprachentwicklung bei Kindern auch starke Aggressionen auslösen.

Häufig normalisiert sich die Sprachentwicklung in den Folgejahren
Zwar benötigen viele Kinder eine Sprachtherapie, doch Straub warnte davor, jedes vermeintlich betroffene Kind automatisch zu therapieren. Bei vielen von ihnen normalisiert sich die Sprachentwicklung in den folgenden Jahren.

„Ob und wie ein Kind therapiert wird, sollten Eltern gemeinsam mit fachkundigen Ärzten entscheiden“, so der Kassenchef.

Sprachtherapien stark angestiegen
Einer Analyse der AOK zufolge hat die Verordnung von Sprachtherapien für Kinder in den vergangenen zehn Jahren um ein Viertel zugenommen.

„Vor allem Jungen werden therapeutisch bei ihrer altersgerechten Sprech- und Sprachentwicklung unterstützt. Bei den sechsjährigen Jungen ist es damit jeder Vierte“, schreibt das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) anlässlich der Veröffentlichung des aktuellen Heilmittelberichts 2016.

Doch „auch wenn Sprachtherapien helfen können, Defizite der kindlichen Umwelt zu bewältigen, sollten Verhaltens- und verhältnispräventive Maßnahmen in Kindergärten und Schulen sowie im Elternhaus in ihrer Wirkung nicht unterschätzt werden. Damit kann Entwicklungsstörungen schon in frühen Jahren vorgebeugt werden“, erklärte Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des WidO.

Experten empfehlen häufig, dem Vorlesen mehr Bedeutung zu schenken. Es stärkt die Sprachentwicklung und die Familienbande.

Medizinische und soziale Ursachen
Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) beobachtet, dass Sprachdefizite zunehmen. Dr. Hermann Josef Kahl, Bundespressesprecher des BVKJ, erläuterte in einer Meldung auf der Webseite „kinderaerzte-im-netz.de“: „Wir müssen dabei aber zwischen medizinischen und sozialen Ursachen unterscheiden.“

Bei medizinischen Gründen gehe es beispielsweise um Lispeln, Lallen oder auch um Hörprobleme.

Den Experten zufolge seien soziale Ursachen wie mangelnde Deutschkenntnisse von Kindern mit ausländischen Wurzeln heute jedoch weitaus häufiger. Oder auch Eltern, die mit ihrem Nachwuchs zu wenig Sprechen übten. „Wir werden meist von Eltern bedrängt, ihre Kinder zum Logopäden zu schicken. Wir sehen hier aber oft zuerst auch die Eltern in der Pflicht“, so Kahl. (ad)