Bedeutende Unterschiede bei Rückenoperationen in Deutschland erkennbar

Alfred Domke
Immer mehr Operationen wegen Rückenschmerzen – starke regionale Unterschiede
In den vergangenen Jahren wurde häufig kritisiert, dass in deutschen Kliniken zu viel und zu schnell operiert wird. Geändert hat die Kritik offenbar wenig. Neue Zahlen zeigen, dass hierzulande immer mehr operative Eingriffe wegen Rückenschmerzen erfolgen. Es gibt jedoch enorme regionale Unterschiede.

Konservative Therapien bei Rückenbeschwerden reichen meist aus
Rückenschmerzen zählen zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden hierzulande. Betroffenen wird meist geraten, sich bei Beschwerden nicht übermäßig zu schonen, sondern vielmehr den Rücken durch Bewegung zu stärken. Doch obwohl konservative Therapien bei Rückenschmerzen laut Experten oft ausreichen und eine OP nur selten sinnvoll ist, kommen immer mehr Patienten mit solchen Beschwerden in Deutschland ins Krankenhaus.

In Deutschland werden immer mehr Menschen wegen Rückenschmerzen operiert. Es gibt jedoch enorme regionale Unterschiede. (Bild: BillionPhotos.com/fotolia.com)

Immer mehr Rückenoperationen
Die operativen Eingriffe aufgrund von Kreuzschmerzen haben stark zugenommen. Das zeigt eine Studie die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung durchgeführt wurde.

Demnach stiegen die Rückenoperationen von 2007 bis 2015 um 71 Prozent von 452.000 auf 772.000.

Auffällig sei, „dass bestimmte Rückenoperationen je nach Wohnort der Patienten unterschiedlich häufig durchgeführt werden“, schreibt die Stiftung in einer Mitteilung.

Den Angaben zufolge gibt es je nach Region große Unterschiede, ob die Ärzte operieren oder eine andere Behandlungsmethode wählen.

Extreme regionale Unterschiede
„In manchen Regionen wird bis zu 13-mal häufiger operiert als andernorts“, titelt die Bertelsmann Stiftung.

Gravierende regionale Unterschiede zeigen sich demnach bei aufwendigen Versteifungsoperationen (Spondylodesen). Beispielsweise finden bei Patienten im Landkreis Fulda 13-mal so viele Eingriffe statt wie in Frankfurt/Oder.

Außerdem weisen viele Kreise in Thüringen, Hessen und im Saarland auffällig hohe Operationszahlen je 100.000 Einwohner auf. In den meisten sächsischen Kreisen und in Bremen kommen solche OPs deutlich seltener vor.

Bei Entfernungen knöcherner Strukturen am Wirbelkanal (Dekompressionsoperationen) wurden ebenfalls Unterschiede bis zum 13-fachen, bei Bandscheibenoperationen bis zum 6-fachen festgestellt.

„Medizinisch sind diese großen Unterschiede nicht erklärbar“, heißt es in der Mitteilung.

In „OP-Hochburgen“ habe sich die Situation in den letzten Jahren zugespitzt hat. „Es braucht dringend mehr Transparenz über die Gesundheitsversorgung vor Ort, um Über- oder Unterversorgung zu vermeiden“, meinte Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Viele Maßnahmen können ambulant erfolgen
Der „Faktencheck Gesundheit“ der Bertelsmann-Stiftung hat zudem ermittelt, dass sich die Zahl der Patienten, die wegen Rückenschmerzen in ein Krankenhaus aufgenommen wurden von 116.000 im Jahr 2007 auf 200.000 im Jahr 2015 erhöht hat.

Das entspricht einer Steigerung um 73 Prozent. Auch hier fallen die großen und zunehmenden Unterschiede zwischen den Kreisen auf.

Viele Klinikaufenthalte seien vermeidbar, da die Mehrzahl dieser Patienten im Krankenhaus keine spezifische Schmerztherapie oder operative Eingriffe erhielten, sondern überwiegend lediglich diagnostische Leistungen, beispielsweise ein MRT. Solche Maßnahmen könnten zumeist auch ambulant erfolgen.

Individuelle Vorlieben der Ärzte
„Operieren oder nicht – das hängt auch von den Gewohnheiten der Ärzte ab“, schreiben die Experten.

Warum die Versorgung in den Regionen so unterschiedlich ist, lasse sich mit den zur Verfügung stehen Daten nur schwer erklären. Viele Faktoren spielten zusammen und das je nach Region unterschiedlich stark.

Große regionale Abweichungen seien aber ein Indiz dafür, dass sich die Organisation der Versorgung und die Vorgehensweise bei Diagnostik und Therapie von Rückenbeschwerden sehr stark unterscheiden.

„Lokale Versorgungsmuster verstärken sich, wenn klare medizinische Leitlinien fehlen“, so Eckhard Volbracht, Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung.

„Die Entscheidung für einen operativen Eingriff darf jedoch nicht aufgrund von individuellen Vorlieben der ortsansässigen Ärzte fallen.“

Patienten wird grundsätzlich geraten, im Zweifelsfall vor einer Operation eine ärztliche Zweitmeinung einzuholen.(ad)