Befristete Kassenzulassung für Ärzte

Sebastian

Krankenkassen fordern die Vergabe von befristeten Kassenzulassungen für Ärzte, um dem Ärztemangel in ländlichen Gebieten und sozialen Brennpunkten zu begegnen.

23.04.2011

Die Krankenkassen kritisieren die zu hohe Arztdichte in den Städten, während Patientenvertreter und Ärzteverbände von einem regelrechten Ärztemangel auf dem Land sprechen. Beide Argumente spiegeln tatsächlich die bundesdeutsche Realität wieder. Während in den Großstädten beinahe an jeder Ecke eine Arztpraxis um Patienten wirbt, müssen Landbewohner oft weite Strecken zurücklegen, um eine ärztliche Behandlung in Anspruch zunehmen. Um gegen die Ungleichverteilung vorzugehen schlagen Krankenkassen eine systematische Umverteilung vor: Geben niedergelassene Ärzte ihre Arztpraxis auf, soll auch die Zulassung erlöschen. Neumediziner sollen nach Ansicht der Kassen nicht mehr die Gelegenheit erhalten, eine Kassenzulassung vom Vorgänger käuflich zu erben.

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Vererbung von Kassenzulassungen sollen unterbunden werden
Seit Jahrzehnten können niedergelassene Mediziner ein besonderes Privileg in Anspruch nehmen. Wer selbst in Rente geht oder sich beruflich anderweitig orientiert, kann seine Kassenärztliche Zulassung an einen nachrückenden Kollegen vererben bzw. verkaufen. Ginge es nach dem Willen der gesetzlichen Krankenkassen, soll damit schon bald Schluss sein. Wer seine Arztpraxis aufgibt, soll auch seine Kassenärztliche Zulassung verlieren. Durch diese Änderung soll die Zahl der Praxen in den Städten reduziert und die Versorgung auf dem Land aufgestockt werden.

Gekürzte Honorare in Städten mit hoher Arztdichte
Wer sich als Arzt dennoch in einer größeren Stadt mit hoher Versorgungsdichte niederlassen will, dem soll nach dem Willen des Spitzenverbands der Krankenkassen die Honorare zusammen gekürzt werden. Beide Maßnahmen sollen Mediziner dazu animieren, sich in unterversorgten Gebieten niederzulassen. Eine regelrechte Unterversorgung besteht vor allem in ländlichen Gebieten und sozialen Brennpunkten.

Bisherige Versuche waren erfolglos
Gegenüber der Berliner Zeitung rechtfertigte der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes der Krankenkassen, Johann-Magnus von Stackelberg, die anvisierten Einschnitte. Schließlich seien alle Versuche der Bundesregierung bislang nicht erfolgreich gewesen. "Alle Anstrengungen der schwarz-gelben Koalition, mehr Landärzte zu gewinnen, verpuffen völlig wirkungslos, wenn das Problem der Überversorgung nicht angegangen wird", sagte der Vize-Chef gegenüber der Zeitung. Nimmt die Bundesregierung die vorgeschlagenen Änderungen nicht mit in das neue Versorgungsgesetz mit auf, so werden die Gesetzesänderungen unweigerlich zu höheren Kosten führen. Steigen die Kosten im Gesundheitssystem müssen die höheren Ausgaben an die Versicherten in Form von höheren Kassenbeiträgen weitergereicht werden.

Kein Mangel sondern Ärzteüberschuss
Im Gegensatz zu den Verlautbarungen von Seiten der FDP kann von einem Ärztemangel keine Rede sein. Es besteht lediglich ein regionales Verteilungsproblem. „Wir haben in über versorgten Gebieten 25 000 niedergelassene Ärzte zu viel und in Mangelregionen lediglich 800 niedergelassene Ärzte zu wenig.“ Daher sollen die Kürzungen bei den Ärztehonoraren zusätzlich dafür sorgen, dass über-versorgte Gebiete für Ärzte unattraktiv werden. Der Run auf die Städte muss eingedämmt werden, „sonst werden wir nie Ärzte für die Versorgung auf dem Land gewinnen“, so von Stackelberg weiter.

Änderungen sollen Neumediziner betreffen
Die Neuregelungen sollen allerdings nur für Ärzte gelten, die nach einer Änderung der Gesetzeslage eine Kassenzulassung erworben haben. Mediziner, die bereits heute eine Zulassung haben, sollen hiervon nicht betroffen sein. „Wir wollen niemanden enteignen", erklärte Florian Lanz, Sprecher des Krankenkassen-Spitzenverbands.

Von Seiten der FDP gibt es für solche Vorstellungen allerdings nur Ablehnung. Der Mediziner und Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler lehnt es strikt ab, Ärzte in Ballungsgebieten „schlechter zu stellen“. In einem koalitionsinternen Kompromiss konnte lediglich ausgehandelt werden, dass die Kassenärztliche Vereinigung zukünftig Zulassungen leichter zurückkaufen können. In der Zeit von 1993 bis 2009 ist die Zahl der Ärzte von 104.600 auf 137.400 gestiegen. Von einem Ärztemangel kann demnach nicht die Rede sein. (sb)