Bei Depressionen hilft auch kein Urlaub

Fabian Peters

Berufliche Auszeiten und Urlaub kein Mittel gegen Depressionen

18.10.2011

Die Anzahl der Arbeitnehmer, die wegen Depressionen vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheiden müssen, ist in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gestiegen. Oftmals zeichnet sich die Entwicklung der psychischen Probleme bereits lange vor dem eigentlichen Krankheitsausbruch ab und viele Betroffene reagieren mit einem ausgedehnten Urlaub, um die krankmachenden Belastungen für eine Weile hinter sich zu lassen.

Mehr zum Thema:

Doch Urlaub beziehungsweise eine Auszeit von der Arbeit hilft in der Regel nicht, das Auftreten von Depression zu vermeiden, warnen Experten der Stiftung Deutsche Depressionshilfe wie der Psychiater und Direktor der Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Leipzig, Prof. Ulrich Hegerl. Dem Fachmann zufolge sollten Arbeitnehmer, die erste Anzeichen einer psychischen Erkrankung bei sich feststellen, keinesfalls in den Urlaub fahren, „denn die Depression reist mit.“ Zudem erleben die Betroffenen „den Zustand noch schmerzlicher“, wenn sie „irgendwo in der Ferne“ sind, erläuterte Hegerl. Um die Entwicklung psychischer Erkrankungen zu vermeiden, ist den Experten der Deutschen Depressionshilfe zufolge bei Alarmsignalen wie chronischer Müdigkeit, Schlafstörungen, Mattheit, Stimmungsschwankungen und Antriebslosigkeit dringend ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Auch körperliche Symptome bei Depressionen
Der Gedanke an Urlaub zum entspannen, drängt sich den meisten Betroffenen beim Auftreten der ersten Anzeichen einer Depression geradezu auf, erläuterten die Experten. Viele Arbeitnehmer mit entsprechenden psychischen Problemen fühlen sich massiv erschöpft und haben das Gefühl, einfach mal richtig ausschlafen zu müssen, um morgens wieder erholt aufzuwachen. So scheint Urlaub die richtige Maßnahme. Doch schlafen hilft den Betroffenen nicht und Urlaub kann das depressive Gefühl noch verstärken, warnte Prof. Ulrich Hegerl. Stattdessen sollte bei ersten Anzeichen einer psychischen Erkrankung dringend ein Arzt hinzugezogen werden, um therapeutische Maßnahmen zur Behandlung der psychischen Probleme einzuleiten. Als eindeutiges Signal ist dabei „das Gefühl des Überfordertseins und der Überlastung“ zu bewerten, das Hegerl zufolge sämtliche Depressionserkrankungen begleitet. Hoffnungslosigkeit und das Gefühl vor einem nicht zu bewältigenden Arbeitspensum zu stehen, können laut Hegerl ebenfalls Signale für eine Depression sein. Hinzu kommen körperliche Symptome wie Ohrensausen beziehungsweise Ohrgeräusche, Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen, die ihrerseits auch Folge einer depressiven Erkrankung sein können. Beim Arzt beziehungsweise Therapeuten sollten die Betroffenen daher in jedem Fall ihre körperlichen und ihre psychischen Beschwerden schildern. Wie Prof. Hegerl betonte, macht „eine Depression alle bestehenden körperlichen Beschwerden unerträglich, auch wenn man sie sonst immer als Teil des normalen Lebensalltags akzeptiert hat.“

Depressionen in Deutschland Hauptgrund für Vorruhestand
Welches Ausmaß psychische Krankheiten wie Depressionen, Angststörungen und Schizophrenie heute bereits eingenommen haben, geht aus den aktuellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung (DRV) hervor, denen zufolge entsprechende psychische Leiden in Deutschland der Hauptgrund für unfreiwilliges vorzeitiges Ausscheiden aus dem Berufsleben sind. Die Diagnose einer Depression bedeute jedoch nicht, dass die Betroffenen umgehend ihre Arbeit niederlegen sollten, sondern den Depressionspatienten ist nach Ansicht von Prof. Hegerl zu empfehlen, ihren Beruf soweit wie möglich parallel zur Therapie weiter auszuüben. So seien „viele Patienten froh, wenn sie – bei einem deutlich reduzierten Arbeitspensum – im Räderwerk des normalen Berufsalltags bleiben können,“ betonte der Experte. Die Belastungen durch die Arbeit seien zudem eher selten der Auslöser für eine Depression, so Hegerl weiter. Sehr viel häufiger führen Änderungen im Lebensgefüge, wie zum Beispiel der Verlust einer nahestehende Person zu psychischen Problemen, erläuterte der Direktor der Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Auch können Hegerl zufolge scheinbar positive Dinge wie eine bestandene Prüfungen oder ein Urlaubsantritt Depressionen auslösen.

DGB fordert Verringerung der psychischen Belastungen in der Arbeitswelt
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht anders als die Experten der Stiftung Deutsche Depressionshilfe bei den Arbeitsbedingungen eine wesentliche Einflussgröße in Bezug auf das Auftreten von Depressionen. In einer aktuellen Pressemitteilung fordert DGB-Vorstandsmitglied, Annelie Buntenbach, daher „psychische Belastungen in der Arbeitswelt konsequenter als bisher“ zu bekämpfen.“ Zu diesem Zweck sei die Einrichtung von „Stresstests für die Arbeitsbedingungen in den Unternehmen nötig“, so Buntenbach bei Eröffnung der Arbeitsschutzmesse A + A am Dienstagvormittag in Düsseldorf. Dem DGB zufolge betrifft „Burn-out nicht nur Fußballtrainer und Schlagersänger, sondern ist ein wachsendes Problem für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den Betrieben.“ Die psychischen Belastungen im Arbeitsumfeld müssen daher „energisch und auf allen Ebenen eingedämmt werden“, so die Aussage des DGB. Als wesentliche Voraussetzung für den Schutz der Beschäftigte vor krankmachenden psychischen Belastungen sehen die Experten des DGB die konsequente Umsetzung des Arbeitsschutzgesetzes durch flächendeckende Stresstests (Gefährdungsbeurteilungen) in den Unternehmen. Auch ist nach Ansicht des DGB die massive Ausweitung des Niedriglohnsektors problematisch, da dieser in direktem Zusammenhang mit dem drastischen Anstieg der psychischen Erkrankungen stehe. Gerade die junge Generation habe hier mit erheblichen Unsicherheiten zu kämpfen. Die Bundesregierung sei daher aufgefordert, „die Perspektivlosigkeit aus unsicheren, befristeten und schlecht bezahlten Jobs (zu) überwinden“, erklärte der DGB. (fp)