Schrumpft bei Diabetes das Gehirn?

Heilpraxisnet

Diabetes lässt das Gehirn schrumpfen

12.08.2014

Als gesundheitliche Folgen einer Typ-2-Diabetes sind vor allem mögliche Beeinträchtigungen der Blutgefäße in Form der Arterienverkalkung und Schäden des Nervensystems (diabetische Neuropathien) bekannt. Eine aktuelle US-Studie kommt nun jedoch zu dem Schluss, dass Typ-2-Diabetes auch das Gehirn schrumpfen lässt, berichtet die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG). Bisher seien die Auswirkungen der Stoffwechselerkrankung auf das Gehirn offenbar unterschätzt worden.

Im Zuge der Typ-2-Diabetes ist bei den Betroffenen eine Verkleinerung des Gehirns festzustellen, die auf eine beschleunigte Alterung des Denkorgans hinweist, so die Mitteilung der DDG. „Je länger die Patienten am Typ-2-Diabetes litten und je höher der Blutzuckerspiegel war, desto kleiner war ihr Gehirn“, berichtet die Fachgesellschaft. Maßgebliche Ursache sei nicht – wie bislang angenommen – die Verkalkung der Blutgefäße im Gehirn, sondern „die Atrophie ist eher auf eine direkte Schädigung der Hirnzellen zurückzuführen, wie sie auch bei degenerativen Erkrankungen wie Alzheimer auftritt“, erläutert Professor Andreas Fritsche vom Universitätsklinikum Tübingen in der DDG-Pressemitteilung.

Gefäßverkalkung im Gehirn
Mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland leiden an Diabetes, ein Großteil an Typ-2-Diabetes. Dieser ist gekennzeichnet durch einen relativen Mangel des Hormons Insulin, der zur Folge hat, dass der Blutzuckerspiegel nicht mehr ausreichend gesenkt werden kann. „Neben dem Blutzucker sind bei übergewichtigen Typ-2-Diabetespatienten häufig auch Blutfette und Blutdruck erhöht“, berichtet die DDG weiter. Das Zusammenspiel dieser Faktoren fördere die Entwicklung einer Gefäßverkalkung, die im Gehirn zu Durchblutungsstörungen führen kann, welche ihrerseits mit entsprechenden Beeinträchtigungen der Hirnsubstanz einhergehen. „Ein Diabetes kann daher langfristig die Leistungsfähigkeit des Gehirns einschränken“, erläuterte der DDG-Präsident Erhard Siegel. Allerdings seien die Beeinträchtigungen bislang im Wesentlichen auf auf kleine punktförmige Hirninfarkte zurückgeführt worden, „die mit zunehmendem Alter – auch bei Nicht-Diabetespatienten – im Gehirn auftreten und auf Kernspin-Bildern sichtbar werden“, berichtet die DDG. Hier sei von einer sogenannten vaskulären Demenz die Rede.

Dauer der Erkrankung und Höhe des Blutzuckers entscheidend
Diese vaskuläre Demenz erklärt nach Ansicht der Experten jedoch nicht den festgestellten Abbau der Hirnsubstanz in der aktuellen US-Studie. „Die Untersuchung von mehr als 600 Patienten, die an der klinischen Studie zur Diabetestherapie teilgenommen hatten, deutet jedoch in eine andere Richtung“, berichtet die DDG. So habe das Team um Nick Bryan von der Perelman School of Medicine in Philadelphia beim Vergleich „der Größe des Gehirns mit der Dauer der Diabeteserkrankung und der Höhe des Blutzuckerwerts im nüchternen Zustand“ festgestellt, das mit der Dauer der Erkrankung und der Höhe des Blutzuckerspiegels das Gehirn zunehmend schrumpft. Vor allem in der grauen Hirnsubstanz, wo sich die Nervenzellen befinden, seien die Unterschiede erkennbar gewesen. Weniger deutlich war der Einfluss auf die weiße Substanz, in der sich die Nervenfasern befinden.

Gehirn der Diabetiker altert frühzeitig
Insgesamt haben die Probanden über einen Zeitraum von zehn Jahre durchschnittlich 4,28 von 463,9 Kubikzentimetern ihrer grauen Hirnsubstanz verloren, was einer beschleunigten Alterung des Gehirns entspricht, berichtet die DDG. „Ihr Gehirn war nach dieser Zeit um zwei Jahre älter als das von gleichaltrigen Nicht-Diabetespatienten“, betonte der DDG-Mediensprecher Professor Dirk Müller-Wieland. Dieser Schwund an Hirnsubstanz sei nicht allein durch eine frühzeitige Verkalkung der Blutgefäße erklärbar, zumal die Studie keine Zunahme der Hirninfarkte nachweisen konnte. Vielmehr sei die Atrophie Hinweis auf eine direkte Schädigung der Hirnzellen. Insbesondere zu hoher Blutzucker zeige hier einen maßgeblichen negativen Einfluss. Zwar bleibe „offen, ob sich eine strenge Kontrolle des Blutzuckers günstig auf die Entwicklung des zerebralen Zustands auswirkt, da die Kernspin-Untersuchungen nur zu Beginn der Studie durchgeführt wurden.“ Doch stehe fest, dass Teilnehmer mit besseren Blutzuckerwerten in der Eingangsuntersuchung die geringsten Einbußen bei den Nervenzellen zeigten, berichtet die DDG. „Pro 50 Einheiten weniger im Blutzuckerwert stieg das Volumen der grauen Hirnsubstanz um 2,65 Kubikzentimeter“, so die Mitteilung der Fachgesellschaft. Professor Müller-Wieland ergänzte, dass es jedoch „sicherlich nicht allein auf die Kontrolle des Blutzuckers ankommt.“ Hier gehöre die Normalisierung des Blutdrucks und der Blutfettwerte ebenfalls zur Behandlung des Typ-2-Diabetes. „Dabei sind gesunde Ernährung und körperliche Bewegung einflussreiche Faktoren“, betonte DDG-Präsident Erhard Siegel. (fp)

Bild: Michael Horn / pixelio.de