Bei Legasthenie hilft nur eine Methode wirklich

Alfred Domke

Studie: Nur eine Methode bei Legasthenie erfolgreich

09.03.2014

Eltern und Lehrer erfahren oft erst während der Schulzeit, dass Kinder an Legasthenie leiden. Den Kleinen bereitet dabei das Lesen und Schreiben große Probleme. Wie eine neue Studie zeigt, helfe nur eine Methode von zahlreichen Förderansätzen, um mit den Problemen wirklich fertig zu werden.

"Lurs" das Lese- und Rechtschreib-Monster
Das Internetprojekt www.legakids.net rund um das Thema Lese-Rechtschreib-Schwäche hat Lurs erfunden, das Lese- und Rechtschreib-Monster. Das dicke grüne Monster will sein Wissen über das Lesen und Schreiben, das es sich selbst angeeignet hat, nicht teilen und versucht daher, Kindern beides so schwer wie möglich zu machen. Lurs steht dabei stellvertretend für alle Probleme rund um das Thema Lesen und Schreiben. Bei dem Projekt, welches von der AOK sowie dem Mildenberger Verlag, einem Schulbuchverlag, unterstützt wird, versucht ein Team von Lerntherapeuten und Psychologen dort umfassend über die Legasthenie zu informieren und Alltagshilfen bereitzustellen und zwar für Kinder, Eltern und Lehrer.

Jährlich 35.000 Kinder mit Legasthenie eingeschult
Der Bedarf danach ist hierzulande groß. In Deutschland hätten rund fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen große Schwierigkeiten, Buchstaben richtig zu unterscheiden und zusammenzusetzen und das obwohl sie nicht dümmer oder klüger als andere sind. Pro Jahr werden rund 35.000 Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwäche eingeschult. Die Betroffenen lesen oft sehr langsam, verlieren im Text häufig die Zeile, lassen Wörter aus, verdrehen sie oder fügen neue hinzu und auch das Abschreiben von der Tafel oder aus einem Buch fällt ihnen schwer. Außerdem haben sie Probleme, Gelesenes wiederzugeben. In den ersten beiden Schuljahren mag das noch zu verkraften sein, doch dann folgen Schwierigkeiten auch in den anderen Schulfächern, vor allem bei den Fremdsprachen.

Lesen und Schreiben ist Grundlage für Wissenserwerb
Da das Lesen und Schreiben eine Grundlage für Wissenserwerb in der Schule ist, wird die Legasthenie für die Betroffenen zum Handicap für das ganze Leben. Laut Studienergebnissen blieben Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche auf ihrem Lebensweg oft hinter ihren kognitiven Möglichkeiten zurück. Diejenigen, die in den ersten Schuljahren Leseschwierigkeiten haben, würden auch später eher unterdurchschnittliche Schulleistungen erbringen. Legasthene Jugendliche besuchten häufiger die Hauptschule und manche von ihnen landen deswegen sogar auf der Sonderschule. Zudem ist ihr Berufsausbildungsniveau geringer als das Gleichaltriger, einen akademischen Abschluss erreichten sie nur selten, und die Arbeitslosenquote betroffener Erwachsener ist erhöht.

Was aber hilft dem Nachwuchs am besten
Dies alles zeigt, dass Unterstützung so früh wie möglich und so intensiv wie nötig, dringend notwendig ist. Im Lauf der Jahre haben Wissenschaftler zahlreiche Methoden entwickelt, die auf ganz unterschiedlichen Wegen die Lese- und Schreibfähigkeit verbessern sollen. Doch für Eltern besteht das Problem, herauszufinden, welches Programm ihrem Nachwuchs wirklich helfen kann. Laut der Zeitung „Die Welt“ sagte Gerd Schulte-Körne: „Es gibt ganz viele einzelne Studien zu Fördermöglichkeiten bei der Lese-Rechtschreib-Schwäche – aber keine wissenschaftliche Empfehlung dazu, was insgesamt aus all diesen Studien folgt.“ Der Arzt leitet die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist im wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie.

Erkenntnisse aus 40 Jahren Forschung
Da nicht nur Eltern, sondern oft auch Experten, bislang oft ratlos blieben, wenn es um die Wahl der Förderung ging, wollten Schulte-Körne und seine Münchner Kollegen diesen Umstand ändern. „Auch diejenigen, die Betroffene beraten sollen, hatten bisher keine solide Basis dafür, was wirklich funktioniert und was nicht“, so der Kinder- und Jugendpsychiater. „Sie haben nachgesehen, was in den Fachbüchern stand, und da stand in jedem bisher ein bisschen was anderes. Deswegen war es so wichtig, einmal genau nachzusehen, welche Erkenntnisse wir nach 40 Jahren Forschung inzwischen wirklich haben.“ Daher sammelten die Forscher Informationen über Methoden gegen die Legasthenie, indem sie etwa weltweit Fachmagazine durchforsteten oder Forscher-Kollegen nach Informationen fragten zu Methoden, die sich in Versuchen als unbrauchbar herausgestellt hatten. Sie bezogen alle Studien, die relativ hohen wissenschaftlichen Ansprüchen genügten, in ihre Metaanalyse mit ein, die gerade im Fachjournal „PLOS ONE“ erschien.

Manche Trainings konzentrieren sich auf die optische Wahrnehmung
Die Wissenschaftler konnten insgesamt 20 methodische Ansätze ausfindig machen. Bei manchen Trainings wird sich vor allem auf die optische Wahrnehmung konzentriert und Kinder sollen beispielsweise mit farbigen Brillen lesen. Durch den Farbkontrast sollen störende Frequenzen herausgefiltert werden, welche die Kinder möglicherweise beim Lesen ablenken. Zum Teil werden auch Brillen mit Prismen verwendet, da dadurch die Augenbewegungen beim Lesen verändert werden, insbesondere, wenn die Kinder schielen. Als Grundlage für diese Methoden dienen wissenschaftliche Erkenntnisse, die Auffälligkeiten in der visuellen Wahrnehmung und Verarbeitung bei legasthenen Kindern feststellen konnten. Demnach werden bei ihnen Wort- und Buchstabeninformationen verzögert wahrgenommen und ineffektiv verarbeitet. So werden die für die Sprachverarbeitung zuständigen Bereiche im Gehirn deutlich weniger aktiviert als bei anderen Kindern.

Andere Methoden setzten auf die Förderung des Gehörs
Andere Methoden hingegen konzentrieren sich eher auf eine Förderung des Gehörs oder die Schulung des Zusammenhangs von Buchstaben und bestimmten Lauten. Denn bei Kindern mit Legasthenie ist auch diese Fähigkeit, also lautliche Segmente der Sprache zu unterscheiden und verlässlich im Gedächtnis zu speichern, messbar eingeschränkt. Studien hätten gezeigt, dass die Gehirnareale für die Unterscheidung von Lauten bei den Betroffenen geringer aktiviert ist als bei andern Kindern. Bei Methoden, die allein auf eine Schulung des Hörens setzen, spielen Therapeuten den Kindern Töne vor und verringern nach und nach die Abstände zwischen ihnen. Die Idee dahinter ist, dass das Hören der Unterschiede zwischen zwei Tönen verfeinert wird. Bei anderen Methoden wird vor allem Gewicht auf die Zuordnung von Lauten und Buchstaben gelegt und eine weitere, aber eher kleinere Klasse von Trainings setzt auf Medikation, um den Kindern das Lesen und Schreiben leichter zu machen.

Nur eine Methode konnte belegbare Erfolge vorweisen
Schulte-Körne fasste das Ergebnis der Studie zusammen: „Es war insgesamt erschreckend zu sehen, dass alle wirksamen Methoden, die uns bisher zur Verfügung stehen, nur bis zu einem gewissen Grad effektiv sind.“ Nur eine Methode, die mehrere Elemente kombiniert, konnte demnach eindeutig belegbare Erfolge vorweisen: die sogenannte „phonics instruction“. Dabei geht es vor allem um das intensive Üben der Laut-Buchstaben-Zuordnung, zusammen mit einem kontinuierlichen Training des Leseflusses. Auch die Zerlegung von Wörtern in Silben und deren einzelne Laute sowie das Zusammenziehen von mehreren Lauten zu Worten gehört zu dieser Methode. Bei sämtlichen anderen Programmen sei entweder der Transfer zum Lesen und Schreiben nicht richtig gelungen, oder die Technik war für einen solchen Transfer ungeeignet, wie etwa beim Hörtraining. Bei Legasthenie sei die pure Tonunterscheidung gar nicht das Problem, so Schulte-Körne. Ein solche Training könne daher auch nicht helfen. Hilfreich seien alle Ansätze, welche die Laut-Buchstaben-Zuordnung trainieren. Geduld ist trotzdem gefragt, denn die Studie zeigte auch, dass längere Förderungszeiten nachhaltiger sind als kürzere Trainings.

Legasthenie in Deutschland nicht als Krankheit anerkannt
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) listet Legasthenie längst als Krankheit in ihrem Katalog. In Deutschland jedoch weigern sich Krankenkassen bislang die Lese-Rechtschreib-Schwäche als Krankheit anzuerkennen, da diese den Kassen nach, nicht „die Teilnahme am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt.“ Sie meinen es handele sich dabei um Schulprobleme und daher wird die Übernahme für Therapiekosten nur in Ausnahmefällen bewilligt. Der Diplom-Pädagoge Sebastian Bertram aus Hannover sieht solche Therapien jedoch sehr wohl als sinnvoll an. Gegenüber "heilpraxisnet.de" sagte er im vorvergangenen Jahr: „Spezielle Therapien und Trainings sind für Legastheniker wichtig, um die gleichen Chancen im Beruf aber auch privaten Bereich zu haben. Mangelndes Selbstwertgefühl, unter dem Betroffene häufig leiden, wirkt sich massiv auf die psychische Verfassung aus. Legasthenie ist kein Anzeichen für mangelnde Intelligenz. Sie ist lediglich eine Lese- und Rechtschreibschwäche, die gut therapiert werden kann, wenn damit rechtzeitig begonnen wird.“ (ad)

Bild: Benjamin Thorn / pixelio.de