Berufswahl durch Hormone vorbestimmt

Fabian Peters

Pränatale Hormone bestimmen die Berufswahl

16.07.2011

Der Hormonspiegel im Mutterleib beeinflusst den späteren beruflichen Werdegang. Zu diesem Ergebnis kommen Psychologen der Universität Konstanz bei der Untersuchung möglicher Zusammenhänge zwischen dem vorgeburtliche Hormonspiegel und den beruflichen Interessen von Frauen und Männern im Erwachsenenalter. Demnach bedingt ein hoher Testosteronspiegel im Mutterleib ein erhöhtes technisches Interesse, ein niedriger Testosteronspiegel führt zu einer Vorliebe für soziale Tätigkeiten.

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Die Forscher um Katja Päßler und Benedikt Hell von der Universität Konstanz fanden im Rahmen ihrer umfassenden Studie heraus, dass die späteren beruflichen Interessen maßgeblich durch den Hormonspiegel im Mutterleib bestimmt werden und soziale Einflussfaktoren demgegenüber eine eher untergeordnete Rolle spielen. Die aktuellen Studienergebnisse, legen nach Ansicht der Forscher den Schluss nahe, „dass wir keine Gleichverteilung der Geschlechter in Studiengängen oder Berufen erwarten können oder gar fordern sollten.“

Pränataler Hormonspiegel beeinflusst die beruflichen Interessen
Im Rahmen ihrer Studie haben die Psychologen der Universität Konstanz den beruflichen Werdegang von über 8.600 erwachsenen Teilnehmern mit deren pränatalem Hormonspiegel verglichen und dabei erstaunliches festgestellt: Offenbar wird das spätere berufliche Interesse schon vor der Geburt bestimmt. Um den Hormonspiegel der Probanden vor ihrer Geburt zu ermitteln nutzten die Forscher die Erkenntnisse einer früheren Studie, nach der das Längenverhältnis zwischen Zeigefinger und Ringfinger als Indikator für den vorgeburtlichen Testosteronspiegel gewertet werde kann. Denn die Länge der Finger und der pränatale Hormonspiegel werden durch die selbe Gensequenz bestimmt. Anhand dieses Indikators ermittelten die Forscher den vorgeburtlichen Hormonspiegel der Studienteilnehmer und verglichen diesen mit der aktuellen beruflichen Tätigkeit der Probanden. Dabei konnten die Psychologen nachweisen, dass ein hoher Testosteronspiegel vor der Geburt ein späteres Interesse an technischen Fragestellungen begünstigt und mit einem niedrigen Testosteronspiegel ein erhöhtes Interesse am Umgang mit Menschen einhergeht, so die Aussage der Psychologen. Damit bestätige die aktuelle Studie auch die Geschlechterstereotype nach der Männer eher technische Berufe und Frauen eher soziale Tätigkeiten bevorzugen.

Hormonspiegel bestimmt geschlechtsspezifische Berufsinteressen
Die Zusammenhänge zwischen dem vorgeburtlichen Hormonspiegel und dem beruflichen Werdegang könnten demnach auch eine Erklärung für die geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Interessen bei technischen und sozialen Berufe liefern, erklärten die Wissenschaftler der Universität Konstanz. „Unsere Ergebnisse führen zu der Implikation, dass wir keine Gleichverteilung der Geschlechter in Studiengängen oder Berufen erwarten können oder gar fordern sollten“, erklärte Benedikt Hell bei Vorstellung der aktuellen Studienergebnisse. Für den individuellen beruflichen Werdegang lassen die neuen Erkenntnisse nach Ansicht der Forscher jedoch keine Rückschlüsse zu, da die Studie lediglich „Tendenzen“ in einer großen Stichprobe darstelle. Dennoch können diese Tendenzen als signifikante Unterschiede bei den beruflichen Interessen in Abhängigkeit des pränatalen Hormonspiegels gewertet werden, erläuterten die Experten.

Hormone beeinflussen das Verhalten
Dass Hormone Einfluss auf das menschliche Verhalten haben, ist bereits seit langem bekannt. Doch bisher standen dabei eher die kurzfristigen Hormonspiegelschwankungen, wie sie zum Beispiel bei einer Schilddrüsenerkrankung auftreten können, im Fokus des Interesses. Nun haben die Psychologen jedoch den zeitlichen Rahmen möglicher Einflüsse des Hormonspiegels deutlich erweitert. Dass die Hormone bereits vor der Geburt bestimmte Verhaltensmuster, wie ein verstärktes Interesse an sozialen Fragestellungen oder technischen Berufen bedingen sollen, bietet neue Ansatzpunkte für künftige Forschungen, um herauszufinden in welchem Rahmen Hormone das Verhalten und die individuelle Entwicklung beeinflussen. (fp)