Bettnässen: ein Tabuthema im Kindesalter

Heilpraxisnet

08.04.2014

Obwohl nächtliches Einnässen ein häufiges urologisches Symptom im Kindesalter ist, stellt es noch immer ein Tabuthema dar. Dabei lernen die meisten Kinder erst mit fünf oder sechs Jahren, ihre Blase nachts zu kontrollieren. Der Zeitpunkt, zu dem ein Kind endgültig trocken ist, kann aber auch später eintreten. So macht noch etwa jedes sechste Kind im Alter von fünf Jahren nachts ungewollt ins Bett. Vor allem, wenn das Kind bereits trocken war, sind Eltern verunsichert und sorgen sich um die Gründe des nächtlichen Harnverlusts. Dass hinter dem Bettnässen verschiedene Ursachen stecken können und in einigen Fällen psychische Auslöser dafür verantwortlich sind, wissen die wenigsten.

Bis zum fünften Lebensjahr ist nächtlicher Urinverlust relativ häufig und gilt als normal. Erst wenn Kinder älter sind und etwa zwei Mal im Monat die nächtliche Kontrolle über ihre Blase verlieren, sprechen Urologen vom Bettnässen – fachsprachlich Enuresis. War das Kind noch nie länger als sechs Monate trocken, leidet es unter einer primären Enuresis. „So ist bei einigen Kindern die Entwicklung des Nervensystems zur Schließmuskelkontrolle verzögert“, erklärt Dr. Michael Stephan-Odenthal, Urologe und ärztlicher Geschäftsführer des Ärztenetzwerks Uro-GmbH Nordrhein. „Andere Kinder schlafen so tief, dass sie ihre volle Blase nicht spüren. Bei manchen Kindern fehlt der nächtliche Anstieg eines Hormons der Hirnanhangdrüse, das sogenannte antidiuretische Hormon (ADH). Dadurch produziert der Körper gerade nachts mehr Urin als die kindliche Blase halten kann.“ Nässt ein Kind ein, nachdem es über sechs Monate trocken war, sprechen Urologen hingegen von sekundärer Enuresis. Hier kommen oftmals Veränderungen im Leben des Kindes wie die Geburt eines Geschwisterkindes, der Verlust eines Familienmitgliedes, Scheidung, Umzug sowie Kindergarten- oder schulische Probleme als Ursache infrage.

Um Enuresis behandeln und körperliche Erkrankungen ausschließen zu können, ist neben der Beratung beim Kinderarzt auch der Besuch beim Urologen in jedem Fall empfehlenswert.

Behandlungsgrundlage bildet die sogenannte Urotherapie. „Regelmäßige Toilettengänge nach einem festgelegten Plan und eine moderate Flüssigkeitseinschränkung können die Blasenkontrolle bereits verbessern“, beschreibt Dr. Stephan-Odenthal eine Maßnahme der Urotherapie. „Ein vom Kind selbst geführtes Blasentagebuch stärkt seine Eigenverantwortung für das Trockenbleiben. Manchmal führen allein schon diese Maßnahmen zum Erfolg.“ Hilft dies nicht, bietet sich eine sogenannte apparative Verhaltenstherapie an. Hierbei löst eine Klingelmatte oder -hose ein Alarmsignal aus, sobald Urin in die Hose geht. Das Kind wird wach und das Wasserlassen unterbrochen. „Es soll so lernen, im Schlaf selbst auf die Signale zu achten, die ihm seine Blase meldet, um dann von alleine aufzuwachen“, erklärt Stephan-Odenthal. Eine medikamentöse Behandlung kommt in Betracht, um kritische Situationen wie eine Klassenfahrt zu überbrücken. Hier verringert die abendliche ADH-Hormongabe mit dem Wirkstoff Desmopressin die übermäßige Harnbildung in der Nacht.

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