Bewegungsmangel ist häufige Todesursache

Fabian Peters

Millionen Tote infolge von Bewegungsmangel

18.07.2012

Bewegungsmangel verursachte mehr als fünf Millionen der insgesamt 57 Millionen Todesfälle weltweit im Jahr 2008. Dies geht aus einer Studie hervor, die Forscher der Harvard Medical School in Boston (USA) im Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht haben.

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Den Ergebnissen der US-Forscher zufolge bedingt „die körperliche Inaktivität sechs Prozent der Krankheitslast durch koronare Herzkrankheit, sieben Prozent der Typ 2 Diabetes, zehn Prozent der Brustkrebserkrankungen und zehn Prozent der Darmkrebsfälle.“ Damit verbunden sind Millionen Todesfälle, die bei relativ geringem Aufwand vermieden werden könnten. Da Frauen sich durchschnittlich weniger bewegen als Männer, sind sie besonders von den Auswirkungen des Bewegungsmangels betroffen.

Fünf Millionen Tote durch Bewegungsmangel
Die Wissenschaftler um Dr. I-Min Lee von der Harvard Medical School hatte im Rahmen ihrer Studie die Bevölkerungsfraktionen mit Bewegungsmangel für einzelne Länder kalkuliert und „unter konservativen Annahmen für jede der großen nicht-übertragbaren Krankheiten geschätzt, wie viele dieser Krankheiten abgewendet werden könnten, wenn die körperliche Inaktivität beseitigt würde.“ Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass „Bewegungsmangel neun Prozent der vorzeitigen Todesfälle bzw. mehr als 5,3 Millionen der 57 Millionen Toten im Jahr 2008“ verursacht hat. Bei einer Reduzierung des Bewegungsmangels in der Bevölkerung um zehn Prozent (25 Prozent) würden die weltweiten Todesfälle demnach um mehr als 533.000 Tote (mehr als 1,3 Millionen) pro Jahr zurückgehen. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung würde sich entsprechend deutlich erhöhen.

Insgesamt betrachtet ist „körperliche Inaktivität ein großes Gesundheitsproblem mit weltweiter Wirkung und eine Abnahme dieses ungesunden Verhaltens könnte die globale Gesundheit deutlich verbessern“, so das Fazit von Dr. I-Min Lee.

Bewegungsmangel ein globales Problem
Zeitgleich mit der Studie der US-Wissenschaftler veröffentlichte ein Team internationaler Forscher um Dr. Pedro Hallal von der Universität Pelotas in Brasilien einen Übersichtsartikel zu der globalen Verbreitung des Bewegungsmangels. Beteiligt waren unter anderem Experten der Abteilung für chronische Erkrankungen und Gesundheitsförderung von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf, der norwegischen Schule für Sportwissenschaften in Oslo und der Medical Research Council Epidemiology Unit in Cambridge (UK). In ihrem Bericht beschreiben die Wissenschaftler die „körperliche Aktivität weltweit anhand der Daten für Erwachsene (15 Jahre oder älter) aus 122 Ländern und für Jugendliche (13-15 Jahre alt) aus 105 Ländern.“

Als zu geringe körperliche Bewegung bezeichnen die Forscher im Rahmen ihrer Untersuchung weniger als „60 Minuten körperliche Aktivität von mittlerer bis großer Intensität pro Tag.“ Unter diese Grenze fallen 31,1 Prozent der Erwachsenen weltweit, wobei zum Beispiel in Nord- und Südamerika der Anteil bei 43 Prozent liegt, während in Südost-Asien lediglich 17 Prozent der Erwachsenen körperlich inaktiv sind. Dr. Hallal und Kollegen zufolge neigen Frauen deutlich häufiger zu Bewegungsmangel als Männer.

Großteil der Jugendlichen bewegt sich zu wenig
Besonders gravierend sind die unzureichenden körperlichen Aktivitäten bei den Heranwachsenden. Von den 13 bis 15-Jährigen bewegen sich rund 80 Prozent täglich nicht genug, so die Einschätzung der Wissenschaftler um Dr. Pedro Hallal. Hier sind abermals die Mädchen stärker betroffen als die Jungen. Eine „weitere Verbesserung der Überwachung der körperlichen Aktivität würde zur Entwicklung von Politiken und Programmen beitragen, um die Aktivität zu erhöhen und die Belastung durch nicht übertragbare Krankheiten zu reduzieren“, so das Fazit des internationalen Forscherteams.

Derartige Programme könnten laut Aussage der Experten auf unterschiedlichster Ebene ansetzen und zum Beispiel eine erhöhte Sicherheit für Fußgänger und Fahrradfahrer im Straßenverkehr oder auch einen Ausbau des Schulsports umfassen. Langes Sitzen im Büro oder vor dem Fernseher sollte hingegen möglichst vermieden werden. Denn erst vergangenen Woche hatten Dr. I-Min Lee und Peter Katzmarzyk vom Pennington Biomedical Research Center an der Louisiana State University eine Studie veröffentlicht, derzufolge Menschen die länger als drei Stunden am Tag sitzen, rund drei Jahre früher sterben.

Körperliche Bewegung mit positive gesundheitlichen Effekten
Körperlicher Bewegung wird hingegen eine allgemein gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben. Seit Jahrzehnten appellieren Mediziner an die Bevölkerung, sich mehr zu bewegen, wobei schon leichten körperlichen Aktivitäten wie beispielsweise dem Spazierengehen eine durchaus positive Wirkung zugeschrieben wird. Mit fünfzehn Minuten am Tag wären die Bewegungsmuffel schon gut bedient. Besser noch wäre, sie würden sich an die Empfehlungen der WHO von mindestens 150 Minuten körperlicher Aktivität pro Woche beziehungsweise rund 20 Minuten pro Tag halten.

Auch die WHO geht jedoch davon aus, dass zum Beispiel Joggen schon bei 75 Minuten pro Woche eine positive gesundheitliche Wirkung entfaltet. Die aktuellen Studien bekräftigen die Bewegungsempfehlungen der Mediziner bzw. der WHO und legen den Schluss nahe, dass noch weit mehr als bisher gegen den zunehmenden Bewegungsmangel getan werden muss. Dabei stehen keineswegs nur die potenziell tödlichen Folgen der körperlichen Inaktivität im Mittelpunkt, sondern auch alltägliche Beschwerden, die in Zusammenhang mit Bewegungsmangel gebracht werden (z. B. Rückenschmerzen), ließen sich vermeiden. (fp)