Bewusstseinstrübung Delir: Nach einer Operation sind nicht wenige Menschen apathisch

Bei vielen älteren Menschen kommt nach einer OP zu einem Zustand starker Verwirrtheit. (Bild: pressmaster/fotolia.com)
Nina Reese
Nach dem Eingriff gerät das Gehirn aus dem Gleichgewicht
Eben noch schien der Patient völlig bei Sinnen zu sein – doch plötzlich wirkt er apathisch, verwirrt und kann nicht mehr sagen, warum er eigentlich im Krankenhaus ist. Dieses Szenario ist typisch für einen so genannten „Delir“, welcher nach einem operativen Eingriff auftreten kann. Die genauen Ursachen der Bewusstseinsstörung sind bislang nicht aufgeklärt, doch es wird angenommen, dass z.B. ein hohes Alter sowie Vorerkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck das Risiko erhöhen. Wird die Störung nicht rechtzeitig erkannt, drohen schwere Folgeschäden oder im Ernstfall sogar der Tod des Patienten.

Wahrnehmungsstörungen und Einschränkungen des Bewusstseins
Wer eine Operation vor sich hat, fürchtet meist, dass währenddessen etwas passieren könnte. Denn Komplikationen können immer auftreten. Was hingegen nur wenige wissen: Auch nach dem Eingriff ist die Gefahr noch nicht gebannt, denn unter Umständen kann sich ein so genanntes „Delir“ entwickeln. Dabei handelt es sich um einen akuten Zustand der Verwirrung, welcher unbehandelt zu massiven Folgeschädigungen führen kann. Die Störung kann dabei direkt nach dem Erwachen aus der Narkose auftreten, aber auch erst einige Stunden oder Tage nach der Operation.

Bei vielen älteren Menschen kommt nach einer OP zu einem Zustand starker Verwirrtheit. (Bild: pressmaster/fotolia.com)
Bei vielen älteren Menschen kommt nach einer OP zu einem Zustand starker Verwirrtheit. (Bild: pressmaster/fotolia.com)

Delir kann unbehandelt zum Tod führen
Der Begriff „Delir“ stammt ursprünglich aus dem Lateinischen, wo „De lira ire“ übersetzt so viel wie „von der geraden Linie abweichen“ bzw. „aus der Spur gehen“ bedeutet. Dies beschreibt den Zustand recht gut, denn Betroffenen sind desorientiert und können z.B. nicht mehr sagen, ob es morgens oder abends ist. Sie können sich nicht erklären, warum sie im Krankenhaus sind. Teilweise sind sie apathisch, andere schlagen wiederum um sich, treten euphorisch oder aggressiv auf. Ebenso sind Niedergeschalgenheit und Ängstlichkeit möglich. Typisch sind zudem unter anderem Störungen der Wahrnehmung in Form von optischen Halluzinationen, der Psychomotorik oder des Schlaf-Wach-Rhythmus. Delirkranke können oft nachts nicht schlafen, wodurch sich die Symptome verschlechtern und tagsüber extreme Schläfrigkeit und Benommenheit bestehen.

Wird der Delir nicht erkannt, drohen dauerhafte Schädigungen wie z.B. Konzentrationsprobleme und eine eingeschränkte geistige Leistungsfähigkeit. Betroffene sind teilweise nicht mehr in der Lage ein Buch zu lesen, „manche trauen sich gar nicht mehr aus dem Haus, weil sie die Orientierung verloren haben“, sagt Claudia Spies, Chefärztin der anästhesiologischen Klinik, gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Demnach seien bei ausbleibender Behandlung schwere Komplikationen im Herz-Kreislauf-System und bei der Atmung möglich, welche im schlimmsten Fall sogar tödlich enden könnten. „Mit jedem unentdeckten Tag steigt die Sterblichkeit“, so die Medizinerin weiter.

Bis zu 80 Prozent der älteren Patienten betroffen
Wirkt ein Patient nach einer Operation verwirrt, sorgt das bei Pfleger Christoph Schubert dementsprechend für höchste Alarmbereitschaft und er muss sofort prüfen, ob ein Delir vorliegt. Schubert ist an der Charité-Klinik für Anästhesiologie in Berlin tätig, wo Ärzte und Pfleger sich in besonders hohem Maße mit der Störung beschäftigen. Wie die „dpa“ berichtet, seien von dieser laut aktuellen Studien bis zu 80 Prozent der älteren Menschen auf Intensivstationen betroffen. Dementsprechend prüfen Christoph Schubert und seine Kollegen zu Anfang jeder Schicht, ob bei den Patienten alles in Ordnung ist. Hierfür setzen sie den sogenannten „Cam-ICU-Test“ ein, welcher es möglich macht, einen Zustand der Verwirrung zu erkennen. Die Patienten müssen dabei z.B. beim Erkennen eines jeden „A“ im Wort „Ananasbaum“ die Hand des Pflegers drücken. Bestehen Probleme in der Wahrnehmung oder Aufmerksamkeit, kann das Fachpersonal dies dadurch schnell erkennen und dementsprechend handeln.

Die genauen Auslöser für die Entstehung eines „postoperativen Delirs“ sind noch nicht vollständig geklärt. Experten gehen jedoch davon aus, dass mehrere Faktoren zusammen spielen und ein hohes Alter des Patienten sowie Vorerkrankungen wie z.B. Diabetes oder Bluthochdruck das Risiko erhöhen können. Laut der Chefärztin Spies spielen auch Entzündungen im Körper eine Rolle bei der Entstehung, die laut verschiedener Fachmeinungen möglicherweise durch psychischen Stress, große operative Eingriffe oder zu wenig Flüssigkeit entstehen könnten. „Auch Schmerzen verursachen Entzündungen“, fügt Spies hinzu. Bei der Narkose sei es wichtig, die richtige Balance zu halten, denn zu viele Medikamente könnten das Gehirn „aus dem Gleichgewicht bringen“.

Angehörige brauchen viel Geduld
Befindet sich ein Patient im Delir, sind meist zunächst die Pfleger gefordert. Christoph Schubert versuche dem „dpa“-Bericht nach, dass keine Angst bei dem Betroffenen aufkommt. Dabei sei es oft schon hilfreich, wenn ein Angehöriger ins Krankenhaus käme, so Schubert. Ziel sei es, dass sich die Menschen auf der Intensivstation wohl fühlen. Um den Patienten nach dem Aufwachen aus der Narkose sofort Orientierung bieten zu können, läge z.B. immer die Brille parat, auch das regelmäßige Nennen des Datums oder eine deutlich erkennbare Uhr könnten gute Unterstützung bieten.
Als Angehöriger sei es wichtig, viel Geduld zu haben und die Störung nicht „wegzureden“, betont Spies. Befürchtungen vor Operationen könnten z.B. durch aufklärende Gespräche reduziert werden, denn „Patienten haben immer Angst“, so die Medizinerin weiter. „Wir müssen ehrlich zu den Patienten sein“, sagt Spies.

Laut der „dpa“ wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Jahr 2014 knapp 42.000 stationäre Fälle von Delir registriert, 2.000 mehr als noch im Jahr zuvor. Nicht eingerechnet seien hier die Bewusstseinsstörungen, die infolge von Alkohol oder Drogen aufgetreten sind. Für den Umgang mit dem Verwirrtheitszustand gibt es hierzulande keine bundesweit geltende medizinische Leitlinie – dementsprechend hat jedes Krankenhaus eigene Vorgaben, wie bei einem Delir vorzugehen ist. In Großbritannien besteht hingegen schon seit 2010 die Richtlinie „Delirium: Vorsorge, Diagnose und Behandlung“, berichtet die Nachrichtenagentur weiter. In Kanada und den USA findet das so genannte „Help-Programm“ (Hospital Elder Life Program) Anwendung, welches 1993 von der Ärztin Sharon Inouye und Kollegen der Yale University Medical School entwickelt wurde. Dabei handelt es sich um ein Programm zur Prävention, Diagnostik und Therapie des Delirs, welches die Krankenhausversorgung älterer Menschen verbessern soll. Hierzulande ist das evangelische Krankenhaus Bielefeld (EvKB) nach eigenen Angaben das erste Krankenhaus in Deutschland, in dem Patienten von dem Programm profitieren. (nr)

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