Bio-Branche profitiert vom Dioxin-Skandal

Fabian Peters

Bio-Branche profitiert vom anhaltenden Dioxin-Skandal

Der Dioxin-Skandal hat den Verkauf von Bio-Produkte deutlich angekurbelt. Der Marktanteil heimischer Bio-Bauern geht dabei jedoch immer stärker zurück und so können diese nur am Rande von der positiven Entwicklung profitieren.

Während der Verkauf von Bio-Produkte deutschlandweit von 2000 bis 2009 um rund 180 Prozent gestiegen ist, haben die ökologisch bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen nur mäßig zugenommen. Der Flächenanteil und die Zahl ökologisch bewirtschafteter Betriebe wuchsen im gleichen Zeitraum lediglich um rund 75 Prozent, so die Ergebnisse einer Studie der Universität Bonn. Um die Nachfrage dennoch zu bedienen, werden schon seit Jahren große Mengen Bio-Produkte aus dem Ausland importiert. Die im Zuge des Dioxin-Skandals drastisch gestiegene Nachfrage hat nun allerdings dazu geführt, das trotz importierter Bio-Artikel in zahlreichen Bio-Läden erste Versorgungsengpässe aufgetreten sind. Außerdem verlieren deutsche Erzeuger von Bio-Produkte durch den massiv gestiegenen Import hierzulande immer mehr Marktanteile.

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Deutschland größter Absatzmarkt für Bio-Produkte
Die Studie der Universität Bonn hat ergeben, dass Deutschland inzwischen der größte Absatzmarkt in ganz Europa für Produkte des ökologischen Landbaus ist. Doch heimische Erzeuger können von der Entwicklung kaum profitieren und auch in den kleinen Bio-Läden kommt es zu ersten Engpässen. So berichten Inhaber wie beispielsweise Claudia Prehn aus Frohnhausen, dass selbst über den Bio-Großhandel die gewünschte Versorgung nicht immer sichergestellt sei: „Ich werde durch den Großhandel rationiert – was anderes bleibt dem angesichts der exorbitanten Nachfrage wohl kaum übrig“ Insbesondere bei den Bio-Eiern hat der Dioxin-Skandal einen regelrechten Nachfrageschub ausgelöst, der durch die Erzeuger mit der aktuellen Produktion nicht zu befriedigen ist. „Die Hühner legen eben nicht plötzlich mehr Eier“, betonte Elke Remiorsch aus Steele, ebenfalls Inhaberin eines Bioladens.

Heimische Erzeuger profitieren kaum vom Bio-Trend
Die Agrarwissenschaftler Ulrich Köpke, Daniel Neuhoff und Paul Martin Küpper kommen in einer Studie, die sie im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion erstellt haben, zu dem Schluss, dass nicht nur aufgrund der aktuellen Entwicklung heimische Bio-Produkte immer mehr Marktanteile verlieren, sondern dies ein bereits seit Jahren zu verzeichnender Trend ist. Der massiver Verlust von Marktanteilen „ist insbesondere beim imageprägenden Segment ,Obst und Gemüse’ zu verzeichnen“, erläutern die Experten. Denn „egal ob Äpfel, Erdbeeren oder Tomaten“, die Marktanteile sanken im untersuchten Zeitraum kontinuierlich, berichten die Agrarwissenschaftler. Neben Obst und Gemüse müsse auch ökologisch erzeugtes Getreide und Futtermittel verstärkt aus dem Ausland importiert werden, so dass sich die Wertschöpfung bei den Bio-Lebensmitteln insgesamt immer stärker ins Ausland verlagere. Insbesondere Osteuropa, wo die heimische Nachfrage nach Bio-Produkten nur gering ist, jedoch massenhaft Agrarflächen zur Verfügung stehen, profitiert dabei von der aktuellen Entwicklung, so die Aussage der Agrarwissenschaftler.

Regionale Produkte als gesunde Alternative
Die Grüne Bundestagsabgeordnete Cornelia Behm, kritisierte angesichts der Ergebnisse der im Auftrag ihrer Partei durchgeführten Studie, dass bei den importierten Bio-Produkten „nach langen Transporten (…) Bio aber oft nicht mehr Öko“ sei, wenn zum Beispiel der Treibhausgas-Ausstoß von Lkw und Flugzeugen berücksichtigt werde. Die aktuelle Entwicklung sei von den Verbrauchern so nicht gewollt, betonte Behm. Der Verlust der Marktanteile heimischer Erzeuger sowie die stetig gestiegenen Importmengen, sprechen ebenso für eine Ausweitung der heimischen Bioproduktion wie der verstärkte Wunsch der Konsumenten nach sicheren Lebensmitteln, erläuterte Behm. „Wer gesunde Lebensmittel will, sollte in erster Linie auf regionale Produkte zurückgreifen, denn je weniger Zwischenhändler, umso besser die Rückverfolgbarkeit“, betonte die Bundestagsabgeordnete der Grüne.

Förderung der Bio-Landwirtschaft wurde systematisch reduziert
Das Angebot und Nachfrage bei den Bio-Produkten sich hierzulande so drastisch auseinander entwickeln, ist nach Ansicht der Agrarwissenschaftler Ulrich Köpke, Daniel Neuhoff und Paul Martin Küpper im wesentlichen auf die politischen Weichenstellungen seit dem Jahr 2005 zurückzuführen. Nach Aussage der Experten wurde mit dem Amtsantritt der großen Koalition (CDU / SPD) sowie später unter der christlich-liberalen Bundesregierung die Förderung für den Bio-Landbau hierzulande systematisch reduziert. Zum Beispiel ist die Förderung für die Umstellung herkömmlicher Betriebe auf Öko-Landwirtschaft zwischen 2004 und 2009 im Bundesdurchschnitt um rund elf Prozent gekürzt worden, berichten die Agrarwissenschaftler. „Die Politik setzt hier keine Prioritäten und Anreize mehr“ und gleichzeitig konzentriere sich die Bundesregierung auf die Exportförderung von konventionellen Erzeugnissen wie beispielsweise Milchprodukten für den Nahen Osten oder billigem Schweinefleisch für den (süd-)ostasiatischen Raum.

Sollte der Dioxin-Skandals die Initialzündung für ein dauerhaft verändertes Konsumverhalten der Verbraucher gewesen sein, stehen den Bio-Läden in jedem Fall rosige Zeiten bevor. Viele denken anlässlich der aktuellen Ereignisse erstmals über Herkunft und Qualität der Lebensmittel nach und „erleben, dass sie durch ihre Kaufentscheidung Macht ausüben können, dass sie mitbestimmen können, wie mit der Umwelt umgegangen wird“, betonte die Bioladen-Inhaberin Prehn. Doch ist hier auch die Politik dringend zu Nachbesserungen zum Beispiel bei der Förderung der Bio-Landwirtschaft aufgefordert, um langfristig die Versorgung mit heimisch erzeugten Bio-Produkten deutlich zu verbessern. Allerdings bleibt abzuwarten, wie lange die Vernunft bei den Verbrauchern die Oberhand behält. Denn anders als zum Beispiel bei den Franzosen dominiert bei den deutschen Verbrauchern immer noch der zum Werbeslogan avancierte Gedanke „Geiz ist geil“ – auch in Bezug auf die Essgewohnheiten. Wer allerdings stets nur die billigsten Produkte kauft, sollte sich nicht wundern, wenn in dem dahinter stehenden harten Preiskampf immer wieder Skandale wie die aktuellen Dioxin-Funde auftreten. Die Entscheidung zahlreicher Bundesbürger nach dem Dioxin-Skandal vorerst auf Bio-Eier umzusteigen, ist hier zwar ein Schritt in die richtige Richtung, doch droht die Rückkehr zu alten Gewohnheiten, sobald der Skandal überstanden ist. (fp)