Biomarker: Nutzen des Gentests bei Brustkrebs bleibt fragwürdig

Alfred Domke
Nach Brustkrebs-Operation zur Chemotherapie? Gentests bringen keine eindeutige Antwort
Jährlich erkranken rund 70.000 Frauen in Deutschland an Brustkrebs. Bei denjenigen, die operiert werden, stellt sich im Anschluss meist die Frage, ob eine Chemotherapie nötig ist. Um dies zu beantworten, sollen eigentlich Biomarker-Tests helfen. Doch Wissenschaftler berichten nun, dass diese Gen-Tests keine klaren Erkenntnisse bringen.

Kein klarer Erkenntnisgewinn
Über 70.000 Frauen erkranken in Deutschland jedes Jahr neu an Brustkrebs. Viele von ihnen müssen sich einer Chemotherapie mit belastenden Nebenwirkungen unterziehen. Doch schon seit langem wird von Gesundheitsexperten darauf hingewiesen, dass diese bei Brustkrebs nicht immer sinnvoll ist. Eigentlich sollen bei der Entscheidung, ob nach einer Brustkrebs-Operation eine Chemotherapie notwendig ist, Biomarker-Tests helfen. Doch Wissenschaftler berichten nun, dass die bei bestimmten Brustkrebs-Patientinnen eingesetzten Gen-Tests nach derzeitigem Stand keinen klaren Erkenntnisgewinn bei der Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie bringen.

Gentests sollen dabei helfen, herauszufinden, ob es nach einer Brustkrebs-Operation sinnvoll ist, eine Chemotherapie durchzuführen. Doch diese Tests bringen laut neuen Untersuchungen keinen klaren Erkenntnisgewinn. (Bild: WavebreakMediaMicro/fotolia.com)
Gentests sollen dabei helfen, herauszufinden, ob es nach einer Brustkrebs-Operation sinnvoll ist, eine Chemotherapie durchzuführen. Doch diese Tests bringen laut neuen Untersuchungen keinen klaren Erkenntnisgewinn. (Bild: WavebreakMediaMicro/fotolia.com)

Metastasen treten oft erst spät auf
Von einem klaren Nutzen des untersuchten Tests kann nicht gesprochen werden. Dafür ist zum einen der Beobachtungszeitraum mit fünf Jahren zu kurz, denn viele Metastasen treten erst in den Folgejahren auf.

„Zum anderen ist fraglich, ob ein bis zwei Prozent mehr Todesfälle durch eine Wiederkehr und Ausbreitung der Krebserkrankung wegen eines Chemotherapie-Verzichts wirklich unbedeutend sind“, berichtet das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln in einer Pressemitteilung. Die Wissenschaftler hatten vorläufige Ergebnisse der sogenannten MINDACT-Studie ausgewertet.

Mehr zum Thema:

Eine unnötige Belastung
Etwa 80 Prozent der Brustkrebs-Patientinnen in Deutschland erleiden nach heutigem Ermessen nie mehr ein Rezidiv, heißt es beim IQWiG. Es lässt sich also grob geschätzt bei 20.000 Patientinnen nicht sicher sagen, ob sie von einer Chemotherapie profitieren.

Das Institut sollte den Nutzen eines Einsatzes von Biomarkern für die Therapieentscheidung von Frauen untersuchen, bei denen bisher unklar ist, ob sie überhaupt eine Wiederkehr der Erkrankung (Rezidiv) erleiden würden beziehungsweise ob ihr Krebs auf die Chemotherapie ansprechen würde.

„Wenn das nicht der Fall ist, ist eine Chemotherapie eine unnötige Belastung“, schreiben die Experten.

Vor- und Nachteile eines Chemotherapie-Verzichts
Zwar sind laut den ersten Ergebnisse von MINDACT noch keine gesicherten Bewertungen der Vor- und Nachteile eines Chemotherapie-Verzichts aufgrund niedriger Biomarker-Risikowerte möglich, „aber die jetzt vorliegenden Ergebnisse sind das Beste, mit dem wir zur Zeit arbeiten können. Es ist gut, dass diese große und sorgfältig geplante Studie durchgeführt wurde“, meinte Stefan Lange, stellvertretender Leiter des IQWiG.

Er sagte weiter: „Unter den gut 70.000 Frauen, die in Deutschland in einem Jahr eine Brustkrebsdiagnose erhalten, sind grob geschätzt 20.000, bei denen nicht klar ist, ob sie von einer Chemotherapie profitieren. Diesen Frauen und ihren Ärztinnen und Ärzten liefert MINDACT wichtige Zahlen, um die Vor- und Nachteile einer Chemotherapie und die beschränkte Aussagekraft von Biomarker-Tests gründlich zu besprechen.“

Unterschiede sind zu klein
Den Angaben zufolge haben die Studienautoren ermittelt, dass mit Chemotherapie 95,9 Prozent der Frauen nach fünf Jahren fernmetastasenfrei waren und ohne Chemotherapie94,4 Prozent.

„Nach Auffassung der Autoren sind die Unterschiede so klein, dass man den Frauen eine Chemotherapie ersparen kann“, so Lange. „Das würde ich gerne mit den betroffenen Frauen und Fachleuten genauer diskutieren“, meinte der Wissenschaftler.

„In den Debatten beispielsweise zur Einführung von Darmkrebs– oder Prostatakrebs-Screenings werden schon mutmaßliche Steigerungen der Überlebensraten um den Bruchteil eines Prozents als unbedingt anzustrebende Ziele ins Feld geführt. Und hier soll es unbedeutend sein, wenn von den etwa 10.000 Frauen pro Jahr, die laut Herstellerangaben dank der neuen Tests auf eine Chemotherapie verzichten könnten, bis zu 260 mehr sterben?“

Vage Aussagen über Nachteile von Chemotherapien
„Bedauerlicherweise sind die meisten Aussagen zu den Nachteilen von Chemotherapien ziemlich vage“, erläuterte Daniel Fleer aus dem Ressort Nichtmedikamentöse Verfahren, der den Biomarker-Bericht im IQWiG betreut hat.

„Man liest immer wieder, dass schätzungsweise zwei bis drei Prozent der Chemotherapien zu schweren Schäden führen, etwa zu dauerhaften Schädigungen innerer Organe wie Herz oder Niere, bis hin zum Tod.“

Allerdings würden hier oftmals Behauptungen ohne Belege einfach so in den Raum gestellt. „Dank MINDACT wissen die betroffenen Frauen jetzt viel besser als vorher, wie groß die Risiken eines Verzichts auf die Chemotherapie sind. Zu den entscheidungsrelevanten Nebenwirkungen werden aber bisher keine Informationen gegeben. Was also in der anderen Waagschale liegt, bleibt vorerst unklar“, so Fleer.

Das IQWiG fasst in seiner Mitteilung zusammen: „Gegenwärtig kann man einer Frau mit klinisch hohem und genetisch niedrigem Risiko nicht guten Gewissens von einer Chemotherapie abraten. Der tatsächliche „Mehrwert“ der Biomarker-Tests für die Betroffenen kann erst beurteilt werden, wenn weitere Ergebnisse der laufenden Studien vorliegen.“ (ad)