Bioterrorismus mit neuem Supervirus aus dem Labor

Fabian Peters

Keine detaillierten Berichte über hochansteckendes Supervirus erwünscht

22.12.2012

Die US-Regierung versucht die Veröffentlichung von Studien zu einem im Labor gezüchteten Vogelgrippe-Virus mit Verweis auf das Risiko von Bioterrorismus zu unterbinden. Das US-Gremium für Biosicherheit (National Science Advisory Board for Biosecurity, NSABB) forderte vom Fachmagazin „Science“ die Forschungsergebnisse nicht wie vorgesehen zu veröffentlichen.

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Fragwürdig erscheint dieser bisher einmalige Vorgang nicht nur, da sämtliche Forschungsergebnisse eigentlich der Fachwelt zur Verfügung gestellt werden sollten, damit andere Wissenschaftler die neuen Erkenntnisse in ihre Arbeit einfließen lassen können, sondern auch weil die US-Regierung die Entwicklung des neuen hochansteckenden Virus selber finanziert hatte. Die Warnung vor einer möglichen Verwendung zu Zwecken des Bioterrorismus mag zwar durchaus berechtigt erscheinen, doch hätte ein derartiges Virus unter diesem Gesichtspunkt ohnehin niemals gezüchtet werden dürfen. Steht – wie von den Wissenschaftlern und der US-Regierung stets betont – bei der Entwicklung des neuen Virus die Aufklärung zu möglichen Risiken mutierter Vogelgrippe-Erreger (H5N1) und die Forschung nach neuen Behandlungsmöglichkeiten im Vordergrund, erfordert dies jedoch eine ausführliche Bekanntmachung der aktuellen Studienergebnisse.

Erstmals fordern US-Behörden die Geheimhaltung von Forschungsergebnissen
Erstmals haben sich die US-Behörden in dem aktuellen Fall in die Veröffentlichung von Studienergebnissen eingeschaltet und offiziell eine Geheimhaltung der Forschungen gefordert. Für das Fachmagazin „Science“ eine schwierige Situation. Denn sicher sind die Befürchtungen des US-Gremiums für Biosicherheit durchaus nachvollziehbar, andererseits ist jedoch eine umfassende Veröffentlichung sämtlicher Ergebnisse aus wissenschaftlichen Gesichtspunkten zwingend erforderlich. Die US-Behörden hatten in ihrem Schreiben darauf verwiesen, dass die Studienergebnisse der beiden Forscherteams um Ron Fouchier und Yoshihiro Kawaoka von Bioterroristen als Bauanleitung für das hochansteckende Virus missbraucht werden könnten. Daher forderte das NSABB die Forscher und die wissenschaftlichen Zeitschriften dazu auf, die Ergebnisse nicht wie vorgesehen zu veröffentlichen. Stattdessen sollten nur die Schlussfolgerungen der Studien ohne eine exakte Beschreibung des methodischen Vorgehens oder der genauen Mutationen des neuen Erregers dargelegt werden. Auch rät das NSABB den Wissenschaftlern eher auf die Ziele ihrer Forschung sowie die Vorteile für die medizinische Forschung und die Gesundheitsvorsorge einzugehen, als ihre Arbeit insgesamt detailliert darzulegen.

Veröffentlichung der Studien zur Weiterentwickelung von Medikamenten erforderlich
Der „Science“-Chefredakteur Bruce Alberts beschreibt den Vorgang als bisher einmalig. Noch niemals zuvor habe sich die US-Regierung in die Veröffentlichung einer Studie eingeschaltet und deren Geheimhaltung gefordert. Das Anliegen einer wissenschaftlichen Zeitschrift gehe an dieser Stelle auch deutlich in eine andere Richtung. Statt Geheimhaltung legen die renommierten Fachzeitschriften Wert auf eine möglichst detaillierte Beschreibung, damit andere Forscher die Studie wiederholen, deren Ergebnisse reproduzieren, verifizieren und die Erkenntnisse in ihre eigenen Studien einfließen lassen können. So fordern Wissenschaftler auch in dem aktuellen Fall, die Daten wenigstens ausgewiesenen Influenza-Forschern zur Verfügung zu stellen. Der „Science“-Chefredakteur Bruce Alberts erklärte zudem, dass der neu erschaffene Virus sich mit bekannten Anti-Virus-Medikamenten und einigen Impfstoff-Kandidaten bekämpfen lasse, weshalb die Veröffentlichung der Daten auch für die Weiterentwicklung von Medikamenten und Impfstoffen von besonderer Bedeutung sei. „Science“ habe daher – trotz der nachvollziehbaren Erklärung des US-Gremiums für Biosicherheit – erhebliche Bedenken, der Fachwelt diese wichtigen Erkenntnisse der Influenza-Forschung vorzuenthalten, erklärte Alberts. Der „Science“-Chefredakteur forderte einen transparenten Mechanismus, der einerseits eine Weitergabe der kritischen Daten an verantwortliche Influenza-Forschern weltweit ermöglicht und anderseits sicherstellt, dass die Viren nicht in die Hände von Bioterroristen fallen. „Science“ erklärte die Studienergebnisse so lange unter Verschluss zu halten, bis US-Regierung einen solchen transparenten Mechanismus zur Weitergabe der Daten entwickelt habe. Allerdings ist offen, ob sich die Regierung überhaupt zu einem solche Verfahren durchringen kann.

Infektionspotenzial der Vogelgrippe-Erreger weit größer als bisher angenommen
Das neuen Supervirus wurde von Ron Fouchier an der Erasmus Universität in Rotterdam und Yoshihiro Kawaoka an der US-Universität von Wisconsin entwickelt und untersucht. Dabei reichten bereits wenige Mutationen aus, damit sich das Vogelgrippe-Virus zu einem hochansteckenden Erreger mit einer vergleichbaren Übertragbarkeit wie beim Schweinegrippe-Virus entwickelte, berichtete Ron Fouchier bereits im Septemer bei einer Konferenz auf Malta. Die beiden Studien zur Entwicklung des Supervirus wurden von Nationalen Gesundheitsforschungsinstitute (engl. National Institutes of Health, NIH) der USA finanziert, wobei laut Aussage der US-Behörden vor allem die Infektionsgefahr durch mutierte H5N1-Viren im Fokus des Interesses stand. Beide Untersuchungen hätten an dieser Stelle bestätigt, dass das Infektionspotenzial des Virus für Säugetiere inklusive Menschen deutlich größer ist, als bisher angenommen, so die Mitteilung der NIH. Demnach könnte die aktuelle Studie helfen das Infektionsrisiko in Zukunft deutlich besser einzuschätzen und entsprechende Vorbeugemaßnahmen zu ergreifen, erklärten die US-Behörden.

Geheimhaltung versus Forschungsinteresse
Die Wissenschaftler, Fouchier und Kawaoka, betonten ebenfalls den förderlichen Ansatz ihrer Studien. So dienen ihre Forschungsergebnisse der Suche nach Impfstoffen und anderen Mitteln gegen das Supervirus, erklärten Fouchier und Kawaoka. Wie dies funktionieren soll, wenn die Ergebnisse der Forschung nicht veröffentlicht werden sollen, bleibt jedoch dahingestellt. Angesichts der Empfehlung des US-Gremiums für Biosicherheit, hat Ron Fouchier nun seine Studie bereits überarbeitet und kritische Daten herausgenommen, bestätigte „Science“ gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Die Forscher um Yosgihiro Kawaoka planen ihre Ergebnisse in der britischen Fachzeitschrift „Nature“ zu veröffentlichen, wobei auch hier die NSABB bereits mit ihren Empfehlungen zur Geheimhaltung an die Redaktion herangetreten ist, berichtete „Nature“-Chefredakteur Philip Campbell. (fp)

Bild: Rolf van Melis / pixelio.de