Birkenpollen haben Helfer: Nicht-allergene Substanzen verstärken Allergien

Forscher haben festgestellt, dass nicht-allergene Bestandteile von Birkenpollen die unangenehme Abwehrreaktion des Körpers verschlimmern. Die Erkenntnisse könnten helfen, die Allergie-Therapie zu verbessern. (Bild: onlynuta/fotolia.com)
Alfred Domke
Birkenpollen: Nicht-allergene Bestandteile verschlimmern Heuschnupfen
Niesanfälle, tränende Augen, Juckreiz: Für Menschen mit Pollenallergie und Heuschnupfen ist der Frühling meist eine Zeit des Leidens. Verantwortlich für die Beschwerden sind aber nicht nur die Allergene in den winzigen Pflanzen-Partikeln. Wie Forscher nun herausgefunden haben, verschlimmern nicht-allergene Substanzen in den Pollen die unangenehme Immunreaktion. Die neuen Erkenntnisse könnten helfen, die Allergie-Therapie zu verbessern.

Allergische Reaktionen durch Blütenstaub
Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) zählt Heuschnupfen zu den häufigsten allergischen Erkrankungen. Wenn der Blütenstaub von Bäumen, Sträuchern, Gräsern, Getreide und Kräutern die Schleimhäute von Betroffenen berührt, werden allergische Reaktionen ausgelöst. Dazu zählen unter anderem tränende und juckende Augen, Niesreiz, eine fließende oder verstopfte Nase, Atemnot bis hin zum Asthma bronchiale. Außerdem kann die Haut reagieren und es können Kopfschmerzen sowie Schlafstörungen auftreten. Manche Pollen machen Betroffenen mehr zu schaffen als andere. So wurde schon vor Monaten vorausgesagt, dass die Pollenbelastung durch Birken dieses Jahr voraussichtlich extrem ausfallen wird. Wie Forscher nun berichten, sind es aber nicht nur die Allergene, sondern auch zahlreiche nicht-allergene Substanzen in den Pollen, die Allergikern das Leben schwer machen.

Forscher haben festgestellt, dass nicht-allergene Bestandteile von Birkenpollen die unangenehme Abwehrreaktion des Körpers verschlimmern. Die Erkenntnisse könnten helfen, die Allergie-Therapie zu verbessern. (Bild: onlynuta/fotolia.com)
Forscher haben festgestellt, dass nicht-allergene Bestandteile von Birkenpollen die unangenehme Abwehrreaktion des Körpers verschlimmern. Die Erkenntnisse könnten helfen, die Allergie-Therapie zu verbessern. (Bild: onlynuta/fotolia.com)

Pollen setzen nicht nur Allergene frei
Wie es in einer Pressemitteilung heißt, hat sich die Forschung an Pollenallergien lange auf Allergene konzentriert – die Bestandteile von Pollen also, die Überempfindlichkeitsreaktionen auslösen. Allerdings setzen Pollen beim Kontakt mit der Nasenschleimhaut neben Allergenen auch zahlreiche andere Stoffe frei. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz-Zentrums München haben nun in einer Pilotstudie erstmals die Wirkung dieser Substanzen auf Allergiker untersucht. Sie stellten dabei fest, dass nicht-allergene Bestandteile von Pollen die Reaktion des Körpers maßgeblich beeinflussen. Das Ergebnis der Studie, die im Fachmagazin „Clinical and Experimental Allergy“ veröffentlicht wurde, legt nahe, die gängige Praxis bei der Behandlung von Allergien zu überdenken.

Wichtigster Auslöser der Abwehrreaktion
Birkenpollen machen vielen Menschen das Leben schwer. Wichtigster Auslöser der Abwehrreaktion ist laut den Münchner Forschern ein Protein namens Bet v 1, das Hauptallergen der Birke. Das Team um Prof. Claudia Traidl-Hoffmann von der TUM filterte die Stoffwechselprodukte von Birkenpollen, bis nur noch nicht-allergene niedermolekulare Substanzen in dem Extrakt enthalten waren, also Stoffe mit besonders kleinen Molekülen. Wie es in der Mitteilung heißt, haben die Wissenschaftler für die Untersuchung zum einen verschiedene Kombinationen aus Allergen und niedermolekularen Substanzen mit einem sogenannten Prick-Test auf der Haut von Pollen-Allergikern getestet und zum anderen verabreichten sie den Testpersonen einige der Mischungen auch über die Nase.

Reaktionen im Test deutlich stärker
Das Ergebnis war eindeutig: Bei beiden Tests waren die Reaktionen deutlich stärker, wenn nicht nur das Allergen, sondern zusätzlich auch die niedermolekularen Substanzen verabreicht wurden. Wurden sie unter die Haut gepiekst, bildeten sich besonders starke Rötungen und Quaddeln. Über die Nase aufgenommen sorgte die Mischung für starke Schleimbildung. Bei Allergikern, an denen nur die niedermolekularen Substanzen getestet wurden, zeigte sich jedoch gar keine Wirkung. „Auffällig war, dass das Extrakt aus Birkenpollen nicht nur bei Testpersonen Wirkung zeigte, die empfindlich auf das Birken-Allergen reagieren. Die Wirkung zeigte sich auch bei Menschen, die gegen Gräserpollen allergisch waren und das entsprechende Allergen in Kombination mit dem Birkenpollen-Extrakt über die Nase verabreicht bekamen“, heißt es in der Pressemeldung.

Zusammenspiel verschiedener Substanzen
Erklären lässt sich das dadurch, dass viele der niedermolekularen Substanzen auch in anderen Pollen vorkommen. „Die entzündliche Wirkung der niedermolekularen Bestandteile ist ein unspezifischer Effekt, der nicht mit einem bestimmten Allergen zusammenhängt“, so Claudia Traidl-Hoffmann. „Wir vermuten, dass sich sogar bei Nicht-Allergikern Effekte nachweisen lassen.“ In Birkenpollen-Extrakt sind laut den Forschern rund 1.000 verschiedene niedermolekulare Substanzen enthalten. Einige der Bestandteile, die allergische Reaktionen verstärken, wurden schon in früheren Untersuchungen identifiziert. Auch das Zusammenspiel verschiedener Substanzen spiele eine wichtige Rolle für das Entstehen und die Auswirkungen von Allergien. „Der menschliche Organismus ist komplex. Man kann nicht erwarten, dass die Ursache für die Entstehung von Allergien auf eine einzige Substanz herunterbrechen lässt“, erklärte Traidl-Hoffmann.

Ansatz zur Verbesserung der Allergie-Therapie
Wie die Experten berichten, könnte die Erkenntnis, dass auch nicht-allergene Substanzen in Pollen großen Einfluss auf die Reaktion des Körpers haben, die Behandlung von Allergien nachhaltig verändern. Bei einer spezifischen Immuntherapie, der Hyposensibilisierung gegen Heuschnupfen, verabreichen Ärzte heute eine Flüssigkeit, die Pollen mit allen Bestandteilen enthält. Dadurch geraten aber auch Stoffe wie die untersuchten niedermolekularen Substanzen in den Organismus. „Derzeit schlagen nur 60 bis 70 Prozent der Hyposensibilisierungstherapien an“, sagte Claudia Traidl-Hoffmann. Ein Grund dafür könnten womöglich nicht-allergene aber entzündungsfördernde Inhaltsstoffe sein, die sich negativ auf die Behandlung auswirken. Ein Ansatz zur Verbesserung der Therapie könnten Impflösungen mit rekombinanten, also biotechnologisch hergestellten Proteinen sein. Man könnte dadurch gezielt nur das Allergen verabreichen, damit sich der Körper daran gewöhnt. Bisher war eine Therapie mittels rekombinanter Proteine lediglich für Menschen entwickelt worden, die allergisch gegen Bienen- und Wespengift sind. (ad)

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