Bleiernde Trägheit in der kalten Jahreszeit: Hilfe gegen den Winterblues

Viele Menschen sind in den Wintermonaten chronisch müde und antriebslos. (Bild: katie_martynova/fotolia.com)
Fabian Peters
Winterblues: Wenn man am liebsten das Sofa nicht mehr verlassen würde
Grauer Himmel, dunkle und kurze Tage, niedrige Temperaturen: Bei so manchem führen die winterlichen Zustände zu chronischer Müdigkeit und Antriebslosigkeit, schlimmstenfalls sogar zu einer Winterdepression. Viele Menschen würden während dieser Zeit am liebsten das Bett oder die Couch gar nicht mehr verlassen. Doch das wäre falsch. Es gibt Möglichkeiten, besser mit dem „Winterblues“ zurecht zukommen.

Antriebslos und schlapp
Längst sind sie wieder da, die kurzen Tage, die dafür sorgen, dass es morgens auf dem Weg zum Büro noch dunkel ist und auf dem Heimweg auch schon wieder. Das geht nur an den wenigsten spurlos vorbei. Manch einer fühlt sich dann schlapp und unmotiviert. Häufig kommen Konzentrationsschwierigkeiten und Stimmungsschwankungen hinzu. Die Rede ist dann oft vom sogenannten „Winterblues“. In einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa erklärte der Chefarzt an der Klinik für Schlaf- und Chronomedizin des Berliner St. Hedwig-Krankenhauses, Dieter Kunz: „Rund ein Viertel der Menschen verspürt solche saisonalen Schwankungen.“ Im Februar und März, also weit nach der Wintersonnenwende, sei die Verstimmung am schlimmsten.

Viele Menschen sind in den Wintermonaten chronisch müde und antriebslos. (Bild: katie_martynova/fotolia.com)
Viele Menschen sind in den Wintermonaten chronisch müde und antriebslos. (Bild: katie_martynova/fotolia.com)

Mechanismen aus Zeiten vor der Zentralheizung
„Eine Ursache dafür ist wahrscheinlich die Trägheit der inneren Uhr“, so Kunz. Zwar heißt es in der Agenturmeldung, dass noch ein Zermürbungsfaktor hinzu komme und die Trübsinnigkeit auf ein Konglomerat verschiedener Effekte im Gehirn zurück gehe, doch im Detail sei dies bei Weitem noch nicht verstanden. Die Folgen davon seien jedoch klar statistisch belegt. Als Beispiel wird eine erhöhte Trennungsrate angeführt, ausgerechnet in diesen Monaten, in denen das Frühjahr doch schon bevorsteht. Wie Thomas Kantermann, Chronobiologe an der Universität Groningen in den Niederlanden und der Ludwig-Maximilians-Universität München, hervorhob, sei es ein ganz natürlicher Prozess, im Winter lethargischer und trübsinniger zu sein und öfter mal schlapp auf der Couch zu hängen.

„Das gibt es besonders ausgeprägt dort, wo es Jahreszeitenwechsel gibt.“ Es sei einst sinnvoll gewesen, in den kalten Monaten in einen Energiesparmodus zu wechseln und mit seinen Nächsten in möglichst warmer Umgebung auszuharren, um Nahrungsmangel und Kälte im Winter zu überstehen. „Erst seit etwa 100 Jahren nehmen wir uns da raus und machen die Heizung an, wenn es uns zu kalt ist, wodurch wichtige saisonale Signale stark verfälscht werden.“ Solche uralten Mechanismen vermögen sich aber nicht so schnell anzupassen. Dieses zeigt sich auch anhand eines weiteren Phänomens, des Hanges, sich Winterspeck anzufuttern. „Plätzchen werden gebacken, weil zum Winter hin der körperliche Bedarf nach Kohlehydraten und Fett steigt. Neben kulturellen Einflüssen variiert unser Ernährungsverhalten auch mit den saisonalen Anforderungen“, erläuterte Kantermannn laut dpa. „Kultur und Biologie ergänzen sich da.“ Diese Wetterlethargie ist jedoch nicht mit einer Depression gleichzusetzen. „Der eine ignoriert es, der andere trägt es stärker nach außen, pathologisch aber wird es nur dann, wenn ich meinen Alltag nicht mehr bewältigen kann“, so Kantermann. Ist das der Fall, sollte unbedingt Hilfe gesucht werden.

Moderner Lifestyle verschlimmert das Problem
Der Winterblues geht größtenteils darauf zurück, dass es weniger Stunden am Tag und insgesamt seltener richtig hell ist. Daher wird von Gesundheitsexperten in der Regel empfohlen, auf möglichst viel Tageslicht gegen den Winterblues zu setzen. „Ob die Temperatur auch ein Faktor ist, wissen wir noch nicht“ sagte Kunz. Bekannt sei aber, dass Sauna-Besuche gegen Depressionen helfen. Es sei ein Zusammenhang über das Immunsystem denkbar, das dabei gestärkt wird. Darauf weise die Erkenntnis hin, dass das Depressionsrisiko größer ist, wenn bestimmte Entzündungsparameter im Körper erhöht sind. Ein weiterer Faktor ist der Schlaf. „Man schläft anders im Winter“, so Kunz. Schlafstörungen durch Tageslicht-Mangel sind relativ häufig. Offenbar brauchen viele Menschen während der kalten Jahreszeit mehr Bettruhe.

Wie Kunz berichtete, habe eine Untersuchung seines Teams gezeigt, dass Berufstätige in Berlin in den Wintermonaten im Mittel eine Stunde länger schlafen als im Sommer. „Das hat mich umgehauen.“ Der genaue Mechanismus dahinter sei jedoch unklar. Kantermann erläuterte, dass uns der moderne Lifestyle auch im Winter suggeriere, sich seine Tage möglichst mit Aktivitäten vollstopfen zu müssen. Elektronische Geräte, die selbst abends im Bett noch genutzt werden, bringen die innere Uhr durcheinander. Wegen des blauen, grellen Bildschirmlichts rauben uns Smartphones in der Nacht den Schlaf. „Wir haben uns eine Welt geschaffen, die erheblich mit unserem natürlichen Schlafbedürfnis kollidiert“, meinte Kantermann. „Die Krux ist, dass wir den chronischen Mangel nicht akut bemerken.“

Was gegen den Winterblues hilft
Das zu wenig Schlaf nicht sofort zu Symptomen führt, sei evolutionär sinnvoll gewesen. „Etwa, wenn die Jagd auf ein Mammut mal eine Woche gedauert hat.“ Es habe danach jedoch Erholungszeiten gegeben, die heute fehlten. „Wir halten das sehr lange durch, aber das heißt nicht, dass es keine Konsequenzen gibt.“ Kantermann zufolge kann der Winterblues auch durch die Zeitumstellung gefördert werden. „Die Umstellung auf die Sommerzeit bedeutet einen zusätzlichen Schlafmangel, den manche wahrscheinlich bis in die kalte Jahreszeit tragen.“ Dies sehen auch andere Experten so, weshalb zu den häufigen Tipps gegen den Winterblues gehört, sich gar nicht erst an die Winterzeit zu gewöhnen. Empfohlen wird zudem, sich möglichst viel draußen zu bewegen. Selbst bei bedecktem Himmel sei die Lichtmenge höher als im Büro oder der Wohnung.

Berufstätige sollten die Mittagspause dazu nutzen, an die frische Luft zu kommen. Das kurbelt auch den Kreislauf an, aktiviert Körperzellen und kann so das Immunsystem stärken. Laut des Gesundheitsexperten zufolge ist es wichtig, auf ausreichende Flüssigkeitsaufnahme zu achten, um der Wintermüdigkeit vorzubeugen. Auch das Essen spielt eine wichtige Rolle dabei, wie fit oder müde sich Menschen fühlen. Heimisches Gemüse wie Kohl und Co kann helfen, im Winter fit zu bleiben. Ganz allgemein sollte der Speiseplan nicht zu viel Fett enthalten. Des Weiteren werden Wechselduschen empfohlen, um den Kreislauf anzukurbeln.

Zudem sollten technische Geräte wie Tablet, Smartphone oder TV vor dem Zubettgehen ausbleiben. So kann auch der Nutzer besser „herunterfahren“. Die vielleicht beste Maßnahme gegen den Winterblues ist leider für die meisten Menschen nur schwer umsetzbar: „Wer kann, sollte in wärmere Gefilde fliehen“, so der Rat von Kantermann. Und auch Kunz meinte laut dpa: „Die schönste Lösung ist, im Winter in die Sonne fliegen zu können.“ Außerdem dürften einige Wochen Urlaub im Süden den nächsten Übergang erleichtern, denn auf die Winterlethargie folgt bekanntermaßen bei vielen die Frühjahrsmüdigkeit. Deren Ursache seit laut Kunz, dass der Körper ein Weilchen brauche, bis er vom Energiesparmodus auf volle Aktivität umgestellt habe „Da knackt’s erst mal im Gebälk.“ (ad)

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