Blutdruckwerte: 120 statt 140 das neue Blutdruck-Ziel?

Bild: Christoph Burgstedt - fotolia
Sebastian
Bluthochdruck behandeln: Welcher Blutdruckwert sollte das Ziel sein?
Je höher der Blutdruck, desto größer ist auch das Risiko für Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Dass Bluthochdruck behandelt werden sollte, ist unter Gesundheitsexperten unumstritten. Doch derzeit tobt ein Streit darüber, ob man Hypertonie medikamentös stärker mindern sollte, als bislang empfohlen. Ist 120 das neue 140?
Erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall
Seit langem bekannt ist, dass mit steigendem Blutdruck auch das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall wächst. Oft kann Bluthochdruck zwar durch viel Sport und gesunde Ernährung besiegt werden. Unterstützend können zudem Hausmittel gegen Bluthochdruck wirken. Doch in vielen Fällen sind dafür Medikamente nötig. Neuere Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass Hypertonie medikamentös stärker vermindert werden sollte als bisher empfohlen wurde. Sollen aber deshalb Millionen Menschen mehr Arzneien schlucken und flächendeckend Blutdrucksenker eingesetzt werden?

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Bei manchen Patienten sollte Blutdruck stärker gesenkt werden
Die sogenannte „Sprint“-Studie in den USA kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass zumindest für bestimmte Bluthochdruck-Patienten ein systolischer Zielwert von 120 günstiger ist als die bisher anvisierten 140. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet, strömen seither auch in deutsche Arztpraxen und Kliniken ratsuchende Patienten. „Viele fragen, wann sie nun auf 120 eingestellt werden“, sagte Yvonne Dörffel, Leiterin der Medizinischen Poliklinik der Charité in Berlin. Derzeit sind sich deutsche Experten noch uneins, in welchem Maße das Ergebnis praxistauglich ist. „Ich sehe nicht, dass das überhaupt bei einer höheren Zahl von Hochdruckpatienten gemacht werden sollte“, so Dörffel.

Jeder dritte Deutsche hat erhöhten Blutdruck
Nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) hat fast jeder dritte Erwachsene in Deutschland Bluthochdruck. Verbunden ist damit nicht nur ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall, koronare Herzerkrankung und Herzinsuffizienz, sondern auch für chronische Niereninsuffizienz und Demenz. Wie Mediziner vor kurzem in der Fachzeitschrift „The Lancet“ forderten, sollten bei allen Patienten mit hohem Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiko blutdrucksenkende Medikamente eingesetzt werden und zwar unabhängig von ihrem Blutdruck. Laut den Wissenschaftlern, die 123 Studien ausgewertet hatten, an denen über 600.000 Menschen beteiligt waren, sei der Grenzwert von 140 für die Behandlung mit Tabletten zu hoch. Sie merkten jedoch an, dass die Studien teils nur bedingt vergleichbar waren.

„Nicht alles über einen Kamm scheren“
Der Leiter des Hypertoniezentrums München, Martin Middeke, äußerte sich kritisch über die Metaanalyse: „Man kann nicht alles über einen Kamm scheren. Die Behandlung des Blutdrucks ist immer eine individuelle Therapie.“ Zum Beispiel müssten auch Vorerkrankungen beachtet werden.
Der Richtwert für die medikamentöse Behandlung liegt derzeit bei etwa 140/90. Patienten, die einen erhöhten Blutdruck unter diesem Wert haben, wird normalerweise eine Änderung der Lebensweise nahegelegt. Bernd Sanner, Chefarzt am Agaplesion-Bethesda-Krankenhaus Wuppertal, erklärte, aus großen Studien sei lange bekannt, dass ein Blutdruck bereits ab etwa 115/70 mit einer erhöhten Sterblichkeit einhergeht. „Umgekehrt hat man sich dann gefragt: Wenn man versucht, einen überhöhten Blutdruck zu senken, welcher Zielwert ist dann gesundheitlich sinnvoll?“, so der Experte.

Deutlich weniger Todesfälle
Bei der „Sprint“-Studie wurden zwei Behandlungsansätze verglichen, wobei ein Teil der Patienten eine intensive Therapie erhielt, die einen systolischen Blutdruck unter 120 als Ziel hatte. Der andere Teil bekam die Standardtherapie, die einen Wert von 140 anstrebte. Über 9.300 Menschen wurden einbezogen. Das Ergebnis, dass in der Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ vorgestellt wurde, liest sich durchaus beeindruckend. Demnach gab es bei intensiver Therapie gut ein Viertel weniger Todesfälle und ein Drittel weniger kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt, Koronarsyndrom, Schlaganfall oder Herzinsuffizienz. Beeindruckend sei allerdings auch die Liste der Einschränkungen – und die der Nebenwirkungen, heißt es in der Agenturmeldung. Ausgeschlossen von der Studie waren Personen mit Diabetes mellitus oder einem zuvor erlittenen Schlaganfall sowie Menschen mit symptomatischen Herzkrankheiten, Eiweißausscheidungen und sekundärer Hypertonie. Dies sind Patienten, deren Bluthochdruck auf einer konkreten Krankheit wie Schlafapnoe oder einem Nierenleiden beruht. „Die primäre Hypertonie, die etwa 90 Prozent der Fälle ausmacht, geht auf genetische Komponenten und vor allem Lebensstilfaktoren zurück“ so Dörffel. Dazu zählen unter anderem Stress, überhöhter Salzkonsum, Übergewicht, Bewegungsmangel und eine fettreiche Ernährung.

Herzschwäche eine der Haupttodesursachen
Dörffel erklärte, die verbreitete Ansicht zu den Studienergebnissen sei, dass sich das Drittel weniger kardiovaskulärer Ereignisse vor allem auf Schlaganfälle und Herzinfarkte beziehe, doch: „Das ist falsch, dabei gibt es keinen deutlichen Unterschied.“ Vielmehr gebe vor allem bei den Herzschwächezahlen einen Rückgang. Middeke vom HZM meinte laut dpa, es sei sehr überraschend, dass sich eine drastische Senkung nicht auf die Schlaganfall- und Herzinfarktzahl auswirkte. „Herzschwäche ist in der getesteten Altersgruppe generell eine der Haupttodesursachen – und die Mehrzahl der verwendeten Medikamente sind genau solche, wie man sie auch bei Herzinsuffizienz verwendet“, erläuterte Dörffel ihre Theorie dazu. Daher liege der Schluss nahe, dass mit der intensiven Therapie zwar sehr gut drohende Herzinsuffizienzen verhindert wurden, dass aber die Blutdruckeinstellung für die verminderte Todesrate eine geringe Rolle spielte.

Große Unterschiede zwischen Männern und Frauen
Laut Middeke habe es zudem große Unterschiede zwischen Männern und Frauen gegeben. So habe das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse bei intensiver Therapie bei Männern 28 Prozent niedriger gelegen, bei Frauen hingegen nur 16 Prozent. „Insofern muss man genau gucken, wer letzten Endes tatsächlich profitieren kann von einer intensiven Therapie“, sagte Middeke. „Man kann das Ergebnis nicht verallgemeinern.“ In Deutschland würden Blutdruckpatienten etwa alle drei bis sechs Monate beim Arzt vorbei schauen. „Mit einem Ziel von 120 werden monatliche Kontrollen nötig, weil die Nebenwirkungen größer sind“, erklärte Sanner. Zwar sei dies für die ohnehin schon vollen Praxen eine große Herausforderung. „Dieser Einsatz lohnt aber“, so der Chefarzt.

Er hält eine Anpassung auf einen Zielwert von 120 bei einem Teil der über 75 Jahre alten Blutdruckpatienten und bei Menschen über 50 mit kardiovaskulären Risiken für sinnvoll. „Das ist schon ein relevanter Teil, bestimmt 30 bis 40 Prozent aller Patienten.“ Es müsse aber jeder Fall einzeln betrachtet und entschieden werden. „Da muss man pragmatisch sein: Es ist nicht sinnvoll, jemanden partout auf 120 einzustellen, wenn er dann umfällt oder nicht mehr leistungsfähig ist“, erläuterte Sanner laut dpa. Es werde allgemein ein weiter Weg sein, das neue Ziel bei all denjenigen zu erreichen, für die es sinnvoll sei. „Derzeit sind nur gut 50 Prozent der Bluthochdruckpatienten in Deutschland schon auf 140 eingestellt.“

Großteil der Deutschen weiß über eigenen Bluthochdruck Bescheid
Im europaweiten Vergleich sei dies jedoch ein sehr guter Wert. „Noch vor zehn Jahren hat in Deutschland nur jeder Zehnte den Zielwert erreicht.“ Zudem sei auch das Wissen um den eigenen Wert nach einer Auswertung des RKI inzwischen weitaus besser. „80 Prozent der Menschen mit erhöhtem Blutdruck wissen darum.“ Das Studienergebnis bedeute laut Sanner vor allem einen Paradigmenwechsel. „Zielwerte sind ja immer eine willkürliche Festlegung – wie sollte ein Wert von 139 noch gut sein und einer von 141 schlecht?“ Das neue Ziel von systolischen 120 bedeute schlichtweg, dass man sich bei der Blutdruckreduktion nicht vorschnell zufrieden geben sollte.

Darüber hinaus gelte es, in der Praxis ein weiteres entscheidendes Detail der Studie zu beachten: „Der Blutdruck wurde jeweils automatisiert mit einem speziellen Gerät gemessen, die Patienten saßen dabei in einem ruhigen Raum“, erklärte Middeke. Der Arzteffekt, der den Blutdruck bei vielen Menschen bei der Messung höhergehen lasse, falle damit weg. „Das macht leicht mal 10 aus.“ Wie es in der dpa-Meldung heißt, bedeute das für den Arztbesuch, dass schon ein Blutdruck von 125 bis 130 dem Zielwert der Studie entspreche. (ad)

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