Brustkrebs: Gentest soll Chemotherapie verhindern

Sebastian

Neuartiges Testverfahren soll unnötige Chemotherapien bei einer Vielzahl von Patienten verhindern

28.03.2012

Ein Pilotprojekt deutscher Brustkrebszentren will Patientinnen mit Brustkrebs belastende Chemotherapien ersparen. Ein analytischer Gentest mit der Bezeichnung „Oncotype DX“ soll das Rückfallrisiko bestimmen und Chemotherapien nach einer operativen Entfernung des Brusttumors ersparen. Insgesamt zwölf Kliniken im Rheinland und in Hamburg bieten das neuartige Diagnoseverfahren an. Der Test ist jedoch nicht unumstritten.

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Bei einer Chemotherapie werden zumeist im Rahmen der Krebstherapie Medikamente verabreicht, deren Substanzen möglichst gezielt krankheitsverursachende Zellen abtöten oder in ihrem Wachstum hemmen sollen. Dabei kommen Arzneimittelstoffe mit der Gruppe Zytostatika zum Einsatz. Die Behandlung ist je nach Fall meist mit einer guten Prognose verbunden, allerdings erwarten den Patienten zum Teil heftige Nebenwirkungen wie Haarausfall, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, emotionale Erschöpfung, Schleimhautentzündungen und Veränderungen des Blutbildes. Rund 75 Prozent der Patienten erkranken nach einer Chemotherapie an einer speziellen Blutarmut. Je nach Medikamentenart können auch Herz-Kreislauf-Symptome auftreten.

Pilotprojekt mit Gentest „Oncotype DX“
Aufgrund dessen suchen Wissenschaftler und Mediziner nach Alternativen, um Krebspatienten die belastende Behandlung zu ersparen. Ein neuartiger Gentest zeigte in zahlreichen Forschungsarbeiten bereits gute Ergebnisse. Insgesamt zwölf Brustkrebszentren im Rheinland und in Hamburg bieten Krebspatientinnen, die an Brustkrebs erkrankten, im Rahmen eines Pilotprojektes den in den USA entwickelten Gentest „Oncotype DX“ an. Dieser soll das Rückfallrisiko bestimmen. Anhand der Auswertung im Labor kann bestimmt werden, ob eine Chemotherapie nach der Entfernung des Tumors überhaupt notwendig ist.

Nach Auskunft der Chefärztin des Brustzentrums Niederrhein, Prof. Ulrike Nitz, sei das Testverfahren in Deutschland noch „absolutes Neuland“. In den medizinischen Leitlinien werde nach Auskunft der Ärztin bislang nur empfohlen, den Gentest im Verlauf von Studienarbeiten anzuwenden. In gut drei bis vier Jahren soll eine Auswertung der Westdeutschen Studiengruppe (WSG) vorliegen. Diese soll dann über die Effektivität des Genverfahrens berichten. Derzeit übernimmt die AOK Rheinland/Hamburg die Kosten der Testreihe. Immerhin kostet das Verfahren rund 3000 Euro pro Patientin. Zum Vergleich: Der bislang eingesetzte Eiweißtest kostet den Kassen etwa 100 Euro.

Ziel: „50 Prozent der Patienten eine Chemotherapie ersparen“
Zwar existieren auch in Deutschland Risiko-Tests, im Gegensatz zu dem häufig verwendeten uPA/PAI-1-Eiweißtest könne der Gentest Oncotype DX aber Informationen zu mehreren Genen liefern, die für Brustkrebs verantwortlich sind, erläuterte der wissenschaftliche Koordinator der Studiengruppe WSG, Oleg Gluz. Zudem könne Oncotype DX auch genutzt werden, wenn bei Krebspatienten die Lymphknoten befallen sind. Erklärtes Ziel der Experten ist, den Brust-Patientinnen-Anteil, die auf eine anstrengende Chemotherapie verzichten können, um 30 Prozent zu steigern. Derzeit kann durch den Eiweißtest eine Rate von 20 Prozent erreicht werden. Durch das neue Verfahren erhoffen sich die Mediziner eine Quote von 50 Prozent.

Brustkrebs gehört zu den Krebserkrankungen mit der höchsten Neuerkrankungsrate. Jedes Jahr erkranken rund 57.000 Frauen neu an dem Mammakarzinom. Am Brustkrebs sterben mehr Frauen als an irgendeiner anderen Krebserkrankung. Laut Angaben des deutschen Robert-Koch-Instituts versterben pro Jahr etwa 18.000 Patientinnen am Brustkrebs. Viele Frauen haben große Angst vor den Strapazen der Chemotherapie. „Die Angst sitzt in jedem Kopf“ berichtet Nitz. Dabei würden über 60 Prozent der Frauen keine Chemotherapie benötigen, weil das Risikoprofil für ein erneutes Auftreten nur im mittleren oder geringen Bereich liegen würde.

Kritik: Es gibt keine Evidenz über den tatsächlichen Nutzen
Allerdings ist der neue Test nicht unumstritten. Der renommierte Krebsspezialist und Leiter des Brustkrebszentrums am Helios-Klinikum in Berlin-Buch, Prof. Michael Untch betonte, dass der Oncotype DX im Gegensatz zum mit 100 Euro vergleichsweise günstigeren uPA/PAI-1-Eiweißtest nicht in den deutschen Leitlinien empfohlen wird. Es gebe „keine Evidenz, dass dieser Test prospektiv eingesetzt den Patientinnen eine Chemotherapie ersparen kann“, kritisierte der Mediziner. Die Hamburger und Rheinländer Brustzentren würden nach seinen Worten eine „Insellösung“ verfolgen.

Laut Pharmahersteller untersucht OncoDX „Ausprägung und Aktivität einer Gruppe von 21 Genen, 16 Krebs- und fünf Kontrollgenen.“ Die Ergebnisse der Untersuchung ergeben im Anschluss einen sogenannten „Recurrence Score“. Ein Zahlenwert zwischen 0 und 100 zeigt an, welches Risiko für einen Rückfall vorliegt und ob der Patient zusätzlich zur Hormonellen Therapie eine Chemotherapie benötigt. Mittlerweile wird der Gentest seit dem Jahre 2004 des US-Herstellers „Genomic Health“ angeboten. Die Testungen der Patientinnen in Deutschland werden innerhalb von fünf Tagen in den Vereinigten Staaten ausgewertet, sagte Nitz am Dienstag. Versandt werden konservierte Proben von Tumormaterial. Frischgewebe, wie bei einem uPA/PAI-1-Test, sei laut Experten nicht notwendig. Vertreter der Westdeutschen Studiengruppe betonten, dass beide Testverfahren sehr verschieden sind. Bei dem uPA/PAI-1-Test wird der Anteil von zwei Eiweißen bestimmt. Das seien wichtige Hinweise auf ein Vorliegen von Brustkrebs. Der Oncotype DX-Test untersucht die Aktivität von 16 Brustkrebs-Genen und 5 Referenzgenen. Aus beiden gewonnenen Daten wird dann das Brustkrebs-Rückfallrisiko errechnet.

Erste Auswertungen liegen 2015 vor
Laut derzeitigen Planungen ist die Studie bis zum Jahre 2015 geplant. Ein Jahr lang wurde mit der Ethikkommission in Köln über ein zweistufiges Diagnose-Verfahren debattiert. An der Studie beteiligen sich rund 400 Brustkrebs-Patientinnen aus Hamburg und dem Rheinland. Nach den ersten Auswertungen soll der Patientenkreis auf rund 4000 Probanden erweitert werden. Ab diesem Zeitpunkt werden etwa 80 Brustzentren deutschlandweit an der Studie mitarbeiten. In den USA wurde das Verfahren bereits an rund 12.000 Patientinnen erprobt. Erste Ergebnisse aus dem US-Amerikanischen Probelauf liegen allerdings erst im Jahre 2015 vor. (sb)