Büroarbeit: Bewegungsmangel gefährlich wie Stress

Sebastian

Büroangestellte: Bewegungsmangel ist genauso gefährlich wie Stress

30.08.2011

Etwa 17 Millionen Bundesbürger arbeiten jeden Tag schmerzvoll im Büro. Durch viel sitzende Tätigkeiten vor dem Computer stellen sich im Laufe der Zeit zum Teil schwerwiegende gesundheitliche Beeinträchtigungen ein. Weit verbreitet unter Büroangestellten sind Kopfschmerzen, Verspannungen im Nacken und Rückenschmerzen. Demnach schadet der Wirbelsäule nicht nur körperlich anstrengende Arbeiten, wie sie beispielsweise von Bauarbeitern ausgeführt werden, sondern auch tägliches Arbeiten im Büro. Darauf verweist eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA). Laut Meinung vieler Experten ist der Bewegungsmangel im Büro mindestens genauso gefährlich wie fortwährender Stress im Job.

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Gefahrenquelle Büroarbeit
Im Allgemeinen nehmen Berufstätige an, dass die Arbeit im Büro ungefährlich ist. „Was soll schon zwischen Schreibtisch, Konferenzraum und Kaffeemaschine passieren?“ werden sich viele Menschen fragen. Höchstens die im Sommer zu kalt eingestellte Klimaanlage oder das Stolpern über den Papierkorb werden scherzhaft als Gefahrenquellen angesehen. Doch laut einer Studie Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin leiden rund 80 Prozent der Büroangestellten an physischen Symptomen während der Arbeitszeit und vielmals auch danach. Schuld daran ist nach Meinung der Experten eine oftmals einseitige Arbeit am Computerbildschirm sowie das lange und erstarrte Sitzen davor. Durch Fehlhaltungen und einseitige Belastungen wird das Muskel-Skelett-System zunehmend überlastet. Die Folge: Patienten klagen über Schmerzen im Nacken, Rückenbeschwerden und Schulterstechen. In Folge leiden viele Betroffene auch an „Ellenbogen- und Unterarmbeschwerden sowie Schmerzen in der Hand oder im Handgelenk.", wie Dr. Falk Liebers von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz in Berlin erklärte. Hauptleiden Nummer Eins sind obere Rückenschmerzen sowie Schmerzen am Schulter- und Nackenbereich, die durch den akuten Bewegungsmangel entstehen, wie der Mediziner hinzufügt. "Vor allem das häufige und lang andauernde Sitzen in Kombination mit übermäßiger und falscher Nutzung von Tastatur oder Maus kann zu Problemen führen." warnt der Arzt.

Jede vierte Krankschreibung aufgrund von Leiden am Muskel-Skelett-System
Mittlerweile geht jede vierte Krankmeldung auf das Konto von Muskel- und Skelett Leiden, wie eine Studie der Betriebskrankenkassen (BKK) in Deutschland ermittelte. Wer sich aber an entsprechende Gesundheitshinweise hält, kann das Risiko von beispielsweise chronischen Rückenschmerzen mindern. Bildschirmarbeiter sind nicht übermäßig stark gefährdet, „anders als Beschäftige in industriellen Berufen, die deutlich häufiger als der bundesdeutsche Durchschnitt an Muskel- und Skelett-Erkrankungen leiden" wie Sportmediziner Dr. Michael Spallek erklärte. Arbeiter auf dem Bau, Landwirte sowie Angestellte der Abfallwirtschaft leiden rein statistisch gesehen doppelt so häufig an Rückenbeschwerden wie Mitarbeiter im Dienstleistungssektor. Demnach stehen die Chancen nicht schlecht, bereits im Vorfeld aktiv zu werden, um Schlimmeres zu verhindern.

Hochgezogene Schulter und krummer Rücken
Die meisten Angestellten im Büro sitzen zu lange mit krummen Rücken, hochgezogenen oder hängenden Schultern und zumeist mit übereinandergeschlagenen Beinen vor dem PC. Durch das konzentrierte Arbeiten sitzen viele beinahe bewegungslos vor ihrem Bildschirm. Unweigerlich werden die Bandscheibe und die Rückenmuskulatur durch Überlastung beschädigt. Ein solche Postion befinden alle subjektiv als bequem, „aber das ist oft Gift für den Rücken ist", warnt der Berliner Mediziner. Auch wer versucht „immer gerade zu sitzen“, mindert die Gefahr nicht. Jede Haltung, die starr und auf längere Zeit ausgeführt wird, ist auf Dauer schlecht für den Organismus. Auf lange Sicht schleichen sich Verspannungen, Kopfschmerzen und Muskelverkürzungen ein. Oftmals entzünden sich auch Hände, Arme und Beine. Der Körper nimmt durch Schmerzen eine Schonhaltung ein und die Muskulatur verkrampft sich zum Schutz vor weiteren Schädigungen.

Vorbeugen gegen Beschwerden im Büro
Vorbeugen ist hier noch immer die beste Medizin. Wer den Beschwerden vorbeugen will, sollte seinen Arbeitsplatz möglichst so gestalten, um sich häufiger zu bewegen. Das Telefon könnte zum Beispiel am anderen Ende des Raums hingestellt werden. Wenn es klingelt muss man aufstehen, sich zum Telefon hinbewegen und dann am Besten im Stehen oder Herumlaufen telefonieren. Der Drucker könnte im anderen Zimmer stehen, so dass man bei jedem Druckvorgang den Raum verlassen muss. Vorteilhaft sind auch ergonomische Bürostühle und therapeutische Sitzbälle. Alles was dazu beiträgt sich aktiv zu bewegen und seine Postion zu verändern, schafft ein wenig Entlastung. Das könnte „typische Bürokrankheiten vorbeugen“, betont Spallek.

Zur Büroarbeit einen Bewegungsausgleich schaffen
Wer den ganzen Tag im Büro arbeitet, sollte sich einen Ausgleich schaffen. Neuere Studien haben ermittelt, dass Bewegungseinheiten, die über den Tag hin verteilt sind, vorteilhafter sind, als lediglich einmal pro Woche zum Sport zu gehen. Beides kombiniert wäre aber am sinnvollsten. Statt schwere Kost zum Mittagessen einzunehmen, könnte frisches Obst, Streckenübungen und ein kleiner Spaziergänge schon viel helfen. Bürostühle könnten so angepasst werden, in dem unter anderem die Rückenlehne bis zu den Schulterblättern reichen, um den Rücken und Oberkörper zu entlasten. Der Sitz des Stuhls sollte ein Kippen des Beckens verhindern. Befestigte Armlehnen entlasten die Schulter und können beim Aufstehen behilflich sein. Und noch was: Wer öfter Sitzunterbrechungen vornimmt, schützt auch sein Herz, wie unlängst eine US-Studie heraus fand.

Wer bereits an Schmerzen leidet, bei dem könnten Rückenschmerzen Übungen behilflich sein. Bei weitergehenden Beschwerden ist ein Besuch beim Osteopathen oder Chiropraktiker sinnvoll. Orthopäden oder Hausärzte können auch Krankengymnastik oder Massagen verschreiben. Hier ist aber das Problem, dass Ärzte nur über ein bestimmtes Kontingent an Verschreibungsmöglichkeiten verfügen und deshalb viele Patienten mit „noch leichten Beschwerden“ das Nachsehen haben. (sb)

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Bild: Silke Kaiser / pixelio.de