Bundesregierung fordert zur Organspende auf

Astrid Goldmayer

Abfrage der Bereitschaft zur Organspende soll künftig durch Krankenkassen erfolgen

02.03.2012

Seit Donnerstag (1. März) steht es fest: Ab Sommer soll es eine Neuregelung in der Organspendefrage geben. Nach langer Debatte mit vielen Rückschlägen einigten sich Spitzenvertreter und Fachpolitiker aller Bundestagsfraktionen sowie die Bundesregierung darauf, dass die Versicherten sowohl von gesetzlichen als auch privaten Krankenkassen alle zwei Jahre nach ihrer Organspendebereitschaft schriftlich befragt sollen.

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Organspendebereitschaft soll alle zwei Jahre angeben werden
Ab Sommer sollen die Krankenkassen alle zwei Jahre die Organspendebereitschaft ihrer Versicherten abfragen. Dazu wird ein Fragebogen mit Organspendeausweis versendet. Die Versicherten können detailliert angeben ob und wenn ja, welche Organe nach Eintreten des Hirntods gespendet werden sollen. Die Beantwortung der Fragen ist freiwillig. So steht es jedem Bürger frei, den Bogen samt Organspendeausweis zu ignorieren, sofern dieser keine angaben zu seiner Organspendebereitschaft machen möchte. Durch dieses neue Abfragesystem erhoffen sich Experten eine deutliche Erhöhung der Spendenbereitschaft. Falls es technisch umsetzbar ist, soll die Information zudem in einem elektronischen Feld auf der elektronischen Gesundheitskarte zu finden sein. Die Spendenbereitschaft könnte der Versicherte dann selbst eintragen oder dies durch den Arzt oder die Krankenkasse erledigen lassen.

Laut einer Umfrage sind drei Viertel aller Deutschen bereit, ein oder mehrere Organe zu spenden. Bisher verfügt aber nur ein Viertel über einen Organspendeausweis, da Erwachsene bisher aktiv ihr Einverständnis geben müssen. Anstelle eines Spendeausweises kann auch eine klare Aussage gegenüber den Angehörigen getroffen werden. Falls es keine eindeutige schriftliche oder mündliche Aussage zur Organspende gibt, müssen Verwandte diese Entscheidung für den Betroffenen übernehmen, was zurzeit in neun von Zehn Hirntoten der Fall ist. Da diese aber emotional in einer solchen Situation überfordert sind, fällt die Entscheidung oft gegen eine Organspende aus Angst, etwas gegen den Willen des Verstorbenen zu tun, aus.

Bisher geringe Bereitschaft zur Organspende in Deutschland
Die bisherige Spendenbereitschaft ist unter anderem deshalb so gering, da viele Menschen immer noch glauben, dass sich Ärzte im Ernstfall nicht ausreichend um die Rettung ihres Lebens kümmern würden, um die Organe entnehmen zu können. Laut Umfrage von Barmer und Bertelsmann-Stiftung befürchten dies immerhin 45 Prozent der Deutschen. Natürlich sind Ärzte immer dazu verpflichtet, alle Maßnahmen zur Rettung des Lebens zu treffen. Darüber hinaus ist eine Organspende nur dann möglich, wenn zwei Ärzte unabhängig von einander den Hirntod eines Menschen festgestellt haben. Nur dann können Leber, Niere, Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm gespendet werden.

Derzeit benötigen rund 12.000 Menschen in Deutschland eine Organspende. Ohne eine Transplantation können sie trotz Dialyse, Herzpumpe und anderer Maßnahmen nicht überleben. Im letzten Jahr erhielten 4054 Menschen ein Spenderorgan. 2010 waren es 4326 Patienten. An diesen Zahlen kann man leicht erkennen, dass viel weniger Organe zur Verfügung stehen als dringend benötigt werden. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) stirbt etwa alle acht Stunden ein Mensch, der auf der Warteliste für Organspenden aufgeführt ist. 14,6 Spender kommen derzeit in Deutschland auf eine Million Bürger. Damit liegt die Bundesrepublik international im unteren Drittel. Ein Mensch kann bis zu sieben Schwerkranken Organe spenden.

Lebendspenden sind nur in Ausnahmefällen möglich
Gesunde Menschen können nur in Ausnahmefällen Organe spenden. Dies wäre beispielsweise der Fall, wenn ein naher Verwandter dringend eine Niere benötigt und kein anderes Spenderorgan zur Verfügung steht. Aufgrund des Organmangels wurde eine Zunahme der Lebendspenden in den letzten Jahren verzeichnet. Prominentes Beispiel ist SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, der seiner Frau im Jahr 2010 eine Niere spendete.

Grundsätzlich werden Organspenden in Deutschland nicht bezahlt. Dies ist unter anderem der Fall um einen Handel mit Organen, bei dem immer die Ärmsten die Verlierer sind, zu verhindern. Potentielle Organspender sind Menschen, bei denen es vor dem Herzstillstand zum Hirntod gekommen ist. Davon ist jährlich nur etwa ein Prozent der rund 400.000 Menschen, die in Kliniken in der Bundesrepublik sterben, betroffen. Unter dem Hirntod wird der Zustand verstanden, in dem das menschliche Gehirn keine Ströme oder Reflexe mehr zeigt. Das Herz schlägt nur noch aufgrund künstlicher Beatmung auf der Intensivstation weiter. Schlaganfälle, Schädel-Hirn-Traumata und Hirnblutungen sind häufig Auslöser für einen Hirntod.

Eurotransplant ist für Zuteilung der Organe verantwortlich
Deutschland ist Mitglied der Stiftung Eurotransplant, die für die Zuteilung der Organe auch in Belgien, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien zuständig ist. Eurotransplant mit Sitz in Leiden ist im ständigen Kontakt mit nationalen Gesellschaften, Transplantationszentren, Laboratorien und Krankenhäusern. Vier Aspekte sind bei der Vergabeentscheidung von Spenderorganen entscheidend: die Erfolgsaussichten einer Transplantation, die Dringlichkeit, die Dauer des Wartens sowie die nationale Organaustauschbilanz. In Deutschland werden Transplantation von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Frankfurt koordiniert.

Mehr Deutsche zur Organspende bereit als erwartet
Eine repräsentative Umfrage der Bertelsmann Stiftung und Barmer GEK im April 2011 zeigte, dass die Spendenbereitschaft in Deutschland höher ist als die reellen Transplantationszahlen erwarten lassen würden. 1778 Personen wurden für die Auswertung unter anderem zu ihrer Bereitschaft Organe zu spenden befragt. 69 Prozent der Befragten gaben an, davon auszugehen, dass eine Neuregelung zur Organspende die allgemeine Spendenbereitschaft erhöhen wird. 66 Prozent der Befragten erklärten, dass sie sehr wahrscheinlich auch tatsächlich in eine Organspende einwilligen würden. Von den Befragten, die bisher keinen Organspendeausweis haben, würden 60 Prozent wahrscheinlich oder sicher einer Organspende zustimmen. (ag)