Chefarzt soll bei Studien betrogen haben

Sebastian

Ehemaliger Chefanästhesist soll Daten gefälscht und Probanden ungefragt für Studien benutzt haben

09.08.2012

Nach Angaben einer eingesetzten Kommission soll ein ehemaliger Chefarzt des Klinikums Ludwigshafen bei wissenschaftlichen Berichten gegen zahlreiche Richtlinien verstoßen und bei Studien Angaben verfälscht haben. Ferner sollen Testungen mit Patienten durchgeführt worden sein, ohne dass diese vorher informiert gewesen wären. Der beschuldigte Arzt wurde bereits im Jahre 2010 seitens der Klinik entlassen, als erste Vorwürfe im Raum standen. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufgenommen.

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Alle 91 Fachberichte enthalten Verstöße gegen die Richtlinien
Ein neuer Medizin-Skandal bahnt sich an. Eine von der Ludwigshafener Klinik-Abteilung eingesetzte Sonderkommission kommt nach seiner anderthalbjährigen Arbeit zu dem Ergebnis, dass alle 91 veröffentlichten Fachberichte des ehemaligen Chefarztes Verstöße enthalten.Am Mittwoch legte die Arbeitsgruppe ihren umfangreichen Bericht vor. Allerdings, so die Experten, „ist der Bericht noch immer nicht vollständig“. Nach bisherigen Erkenntnissen seien Patienten „nicht zu schaden gekommen“.

Medikamente bei Herzoperationen verabreicht
Bereits im Jahre 2010 hatte sich das rheinland-pfälzische Klinikum von seinem Chefarzt verabschiedet und eine Untersuchungskommission eingesetzt. Diese ermittelte dem Bericht zufolge, dass insgesamt 503 Patienten und Probanden für Studien des ehemaligen Chefanästhesisten herhalten mussten. So habe der Arzt zum Beispiel den Patienten Arzneimittel bei einer Herzoperation verabreicht, um die klinischen Reaktionen zu bemessen. Anschließend hatte der Anästhesist laut des Kommissionsberichts die ermittelten Daten für seine Studien verwandt. Zwar waren alle eingesetzten Medikamente bereits zugelassen, doch habe der Mediziner die Patienten vor der Verabreichung nicht gefragt, ob diese damit einverstanden wären. Eine solche Vorgehensweise verstoße eklatant gegen die vorgeschriebenen Richtlinien. Im weiteren wurden anscheinend auch Blutproben von Spendern ohne deren Einverständnis für Untersuchungen verwendet.

Hohe Dunkelziffer möglich
Zwar wurden bislang rund 500 Patienten identifiziert, die betroffen sind, allerdings „dürfte die Zahl noch weitaus höher liegen“, wie der Vorsitzende der Kommission der Klinik, der Heidelberger Professor Dr. Eike Martin, erklärte. Ein Grund dafür könnte sein, dass eine Vielzahl von Unterlagen nicht mehr auffindbar sind.

In einem Patientenfall erlitt eine Person ein allergische Reaktion. Diese konnte nach Angaben des Kommissionsvorsitzenden aber schnell gelindert werden. In einem weiteren Fall könne ein solcher Kontext ebenfalls nicht ausgeschlossen werden.

Arzt streitet Vorwurf ab
Der Beschuldigte streitet den Tatbestand ab, er habe die Patienten nicht informiert. Dies sei seinen Angaben zufolge mündlich geschehen. Er selbst habe die Probanden dahingehend aufgeklärt. Dafür gebe es aber keine Belege, und das sei „äußerst problematisch“, betonte Martin.

Insgesamt hatte der Mediziner 91 Studien und Berichte angefertigt. „Zu keiner der vorliegenden Arbeiten gab es eine Zustimmung seitens der Patienten“, wie die Ethikkommission der Landesärztekammer berichtete. In zehn Fällen gebe es zudem Hinweise darauf, dass wissenschaftliche Standards missachtet wurden, so die Ethikkommission. Dabei sollen durch den Arzt beispielsweise Zahlen gefälscht oder manipuliert worden sein. Es wurden zum Beispiel Altersangaben der Patienten falsch wieder gegeben, wie es in dem Bericht steht. „Er hat Wissenschaftsbetrug betrieben“, betont Martin angesichts des Ausmaß des Skandals.

Die Experten untersuchten Studien, die zwischen den Jahren 1999 und 2011 veröffentlicht wurden. Wegen einiger anderer Studien habe es bereits Ermittlungen in Gießen gegen den Ex-Chefanästhesisten gegeben. Diese wurden jedoch eingestellt, wie Dr. Martin erklärte. Das ist ein „schwerer Fall für die Medizin“.

Fachmagazine ziehen Wissenschaftsbeiträge zurück
Bereits im November 2010 wurde der Betrugsskandal offenkundig. Zahlreiche Leser eines Fachmagazins hatten sich über einen publizierten Artikel beschwert. Daraufhin wurde der leitende Arzt von Seiten der Klinikleitung entlassen. Zusätzlich mussten zwei weitere Oberärzte das Krankenhaus verlassen. In Folge haben einige Fachzeitschriften insgesamt 16 Artikel des Arztes zurück gezogen.

Professoren-Titel aberkannt
In den Fall hat sich nun auch die Staatsanwaltschaft Frankenthal eingeschaltet. Nach Angaben eines Sprechers ermittele die Behörde aufgrund des Verdachts der Urkundenfälschung, Körperverletzung und Betruges gegen den Arzt. Zudem prüft die Klinik, ob sie zivilrechtliche Schritte unternimmt, wie der Geschäftsführer Joachim Stumpp mitteilte. Der Professoren-Titel wurde dem Arzt bereits aberkannt. Außerdem sei noch ungeklärt, ob weitere Oberärzte in den Medizin-Skandal verwickelt sind. Ermittlungen in diese Richtung laufen noch an, wie Stumpp berichtet. Über die möglichen Motive des Mediziners ist bislang nichts bekannt. (sb)