Chefs sind weniger gestresst als ihre Mitarbeiter

Sebastian

Führungskräfte in Behörden und Militär zeigen weniger Stresshormone als einfache Angestellte

25.09.2012

„Leitende Angestellte haben viel mehr Stress“, lautet die gängige Meinung vieler. Doch eine Studie der US-Amerikanischen Harvard-Universität kam zu einem völlig anderem Ergebnis. Eine hohe Anzahl von Chefs sind offenbar weniger gestresst, als ihre Mitarbeiter. Anhand von Speichelproben analysierten die Forscher im Rahmen einer Studie Hormonausschüttungen.

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Wird der Druck und damit der Stress am Arbeitsplatz von den Führungskräften an die Mitarbeiter weitergegeben? Überraschender Weise unterliegen Chefs einer geringeren Stressbelastung als normale Angestellte, wie die Studienleiterin Jennifer Lerner und Team von der Harvard Universität im Rahmen einer kleinen Studie feststellten.

Für die Untersuchung wurden von insgesamt 148 Männer und Frauen, die sich in leitenden Positionen in Regierungsbehörden und US-Militär befinden, Speichelproben entnommen. Als Vergleichsgruppe dienten weitere 65 Teilnehmer beidem Geschlechts und unterschiedlicher Berufe, die keine oder nur eine geringe Führungsposition inne hatten. Im Labor werteten die Wissenschaftler die Proben aus und maßen im Anschluss die Werte des Stresshormons Cortisol.

Weniger Stresshormone bei Führungsaufgaben
Im Resultat zeigte sich, dass die Konzentration des Hormons bei den Führungskräften deutlich geringer lag, als bei den Vergleichspersonen. Mittels eines standardisierten Fragebogens wurden die Teilnehmer zusätzlich zu Symptomen wie „innere Unruhe“, "Nervosität", "Angst" und "Unsicherheit" befragt. Auch hier zeigte sich, dass Chefs weniger unter beschriebenen Stressbelastungen litten, als die Gruppe der einfachen Angestellten.

Um die Ergebnisse zu sichern, wurden die Führungspersonen nach dem Level der Kontrolle eingruppiert. Zuvor mussten sie angeben, wie viel Verantwortung und Weisungsbefugnisse auf ihre Mitarbeiter ausüben. Dabei zeigte sich, dass die Anzahl der Stresshormone signifikant sank, umso mehr die Probanden Kontrolle ausübten.

Machtgefühl reduziert psychische Arbeitsbelastung
Vorangegangene Arbeiten zeigten, dass das Gefühl von Macht über Situationen, Stressbelastungen beim Menschen senkt“, erläuterte die Psychologin Lerner. „Anhand unserer Ergebnisse kann man dies auch für Hierarchien im Arbeitsleben annehmen.“ Umso höher die Position im Betrieb, je ausgeprägter die Kontrolle über Menschen und Arbeitsumfeld, desto geringer ist somit die Aufgabe mit Stress kombiniert, schreiben die Autoren im Fachmagazin „Proceedings“ der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften (PNAS).

Klare Beziehung zwischen Stress und Führung
„Insgesamt zeigen diese Ergebnisse eine klare Beziehung zwischen Führung und Stress“, so Lerner. „Je höher die Führungsebene, desto weniger Stress“. Allerdings können die Resultate nicht auf die freie Wirtschaft übertragen werden, da dort weitere Kompetenten wie „wirtschaftlicher Erfolg des Unternehmens“ zu einem höheren Stresslevel der Chefetage beitragen könnten. Zudem lasse sich anhand der Studienergebnisse nicht ermessen, ob der geringe Cortisol-Wert bei den Führungskräften tatsächlich im Kontext der Arbeitsbelastung im Job zu suchen ist, oder ob dieser eher die persönliche Veranlagung widerspiegelt, die ein Mensch benötigt, um Führungsaufgaben zu übernehmen. Nicht mit einbezogen wurde die Frage, ob leitende Angestellte aufgrund des höheren Gehalts einen besseren Zugang zur Störessreduktion haben. Zwar kann ein gesteigerter Konsum kaum kompensieren, allerdings verfügen Menschen in Führungspositionen in der Regel über mehr finanzielle Mittel, um spezielle Angebote wie Yoga oder Sportseminare in Anspruch zu nehmen.

Affenstudie stützt Beobachtungen
Die Studie unterstützt jedoch vorige Forschungsarbeiten mit Affen. Es zeigte sich, dass der Rang in der Affengruppe einen niedrigeren Stresshormon Pegel produziert. „Das gelte aber nur dann, wenn sich das Affenmännchen einer geringen Konkurrenz innerhalb der Gruppenhierarchie ausgesetzt sieht“, so die Wissenschaftler. Das lasse sich auch auf den Menschen übertragen, da die meisten Teilnehmer mit Führungsaufgaben einen sicheren Behördenjob innehatten. Daher wollen die Forscher als nächstes untersuchen, wie sich eine geringere Stabilität und mehr Konkurrenzdruck im Betrieb auf den Menschen auswirkt. (sb)