China: Dramatischer Anstieg der Lungenkrankheiten

Fabian Peters

China verzeichnet einen massiven Anstieg der chronischen Lungenerkrankungen

27.09.2012

In China beobachten die Gesundheitsbehörden seit Jahren einen massiven Anstieg der Lungenkrankheiten. Ursachen sind vor allem der hohe Tabakkonsum, die gestiegene Konzentration der Luftschadstoffe und das Einatmen „unreiner Luft während der Arbeit in Fabriken, auf großtechnische Betriebe oder während des Kochens an Kaminöfen“, so die Aussage in einem Übersichtsartikel des Wissenschaftsmagazins „Nature“.

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Verschärft wird das wachsende Problem der Lungenkrankheiten in China durch veraltete Diagnose-und Behandlungsmöglichkeiten, schreibt die Autorin Virginia Hughes in dem aktuellen Beitrag. Insgesamt erwarten die Experten in den nächsten zwanzig Jahren in China einen Anstieg der Todesfälle, die durch eine Lungenkrankheit bedingt werden, auf drei Million pro Jahr. Schon heute sterben jährlich rund zwei Millionen Menschen in dem bevölkerungsreichsten Land der Erde an einer solchen Erkrankung.

300 Millionen Raucher in China
Immer mehr Chinesen leiden an der auch als Raucherhusten bekannten chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen (engl.: chronic obstructive pulmonary disease, COPD). Bedingt wird die Erkrankung in der Regel durch regelmäßig hohe Schadstoffbelastungen der Atemwege. COPD kann zum Beispiel durch Rauchen oder hohe Konzentrationen von Luftschadstoffen auf der Arbeit verursacht werden. In China spielen mehrere, sich ungünstig ergänzende Faktoren bei der deutlichen Zunahmen der Lungenerkrankungen eine Rolle. Beispielsweise raucht fast die Hälfte der erwachsenen chinesischen Männer (rund 300 Millionen). Tabakkonsum ist weit verbreitet, Zigaretten sind billig und Rauchverbote gab es bis zum Jahr 2011 nicht. Zudem werden die Rauchverbote an öffentlichen Plätzen und in Restaurants von vielen Chinesen auch heute noch ignoriert.

Auch in Arztpraxen wird geraucht
„In ländlichen Gebieten, durchdringt Zigarettenrauch Busse, Geschäfte und sogar Arztpraxen“, berichtet das Fachmagazin „Nature“. Kritische Stimmen sind verhältnismäßig selten. Kaum verwunderlich, hat doch eine Studie aus dem Jahr 2007 in sechs chinesischen Großstädten ergeben, dass selbst unter den Ärzten 41 Prozent rauchen – 15 Prozent hätten sogar vor ihren Patienten geraucht. Jährlich werden nach Einschätzung der Experten in China 1.700 Milliarden Zigaretten geraucht. „Seit den späten 1970er Jahren ist das verfügbare Einkommen in China deutlich gestiegen und so hat die chinesische Tabakindustrie, die Produktion und Werbung hochgefahren“, schreibt die Autorin. Während mehr als die Hälfte der Männer raucht, trifft dies allerdings lediglich auf eine von 50 Chinesinnen zu, berichtet Don Sin, Spezialist für respiratorische Medizin an der University of British Columbia in Vancouver in dem aktuellen Artikel. Dennoch leiden chinesische Frauen ebenfalls häufig an COPD. Dies geht einerseits auf das Passivrauchen, anderseits auf erhöhte Belastungen mit Luftschadstoffe zurück.

Passivrauchen als Ursache der COPD?
Die Autorin des „Nature“-Artikels berichtet von zwei Studien, die mögliche Zusammenhänge zwischen dem Passivrauchen der Frauen und den chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen untersucht haben. „Die erste dieser Studien, im Jahr 2007 veröffentlicht, basierte auf der Guangzhou Biobank-Kohortenstudie, einer Sammlung von Blutproben und umfassenden medizinische Daten von mehr als 20.000 Menschen im Alter über 50 Jahren aus der südchinesischen Großstadt Guangzhou. Je länger die Probanden passiv dem Tabakrauch ausgesetzt waren, desto höher lag den Ergebnissen der Studie zufolge die Wahrscheinlichkeit einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung. Die zweite Langzeitstudie mit lediglich 910 Studienteilnehmerinnen, die allesamt nicht rauchten, kam zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit einer COPD bei regelmäßigem Passivrauchen mehr als doppelt so hoch lag. Allerdings sind die Ergebnisse der beiden Studien bis heute äußerst umstritten. Zumal andere Studien keinen Zusammenhang zwischen dem Passivrauchen und COPD feststellen konnten.

Schadstoffe beim Kochen bedingen chronische Lungenkrankheiten
„Es ist keine Frage, dass Passivrauchen schlecht ist, aber wie viel COPD dies in China verursacht, ist noch nicht bekannt“, erklärte David Christiani von der Harvard School of Public Health im Fachmagazin „Nature“. Andere Risikofaktoren spielen laut Aussage des Experten bei der verhältnismäßig hohen Anzahl der Erkrankungen von Chinesinnen ebenfalls eine Rolle. Hier sei zum Beispiel die Luftverschmutzung in Innenräumen zu nennen. Denn über 70 Prozent der chinesischen Haushalte und 90 Prozent der Haushalte in den ländlichen Regionen verwenden Öfen zum Kochen und Heizen, die mit Holz, Ernterückständen, Kohle oder Dung betrieben werden. Der hierbei freigesetzten Feinstaub und der mit Kohlenmonoxid, Formaldehyd und freien Radikalen angereicherte Rauch, führen laut Aussage der Experten zu einer deutlichen Erhöhung des COPD-Risikos. Frauen, die meist für die Familien kochen, sind diesen Schadstoffen vermehrt ausgesetzt, was auch den hohen Anteil der chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen bei den Nichtraucherinnen bedingen könne, erläuterte Don Sin.

Luftschadstoffe durch die industrielle Produktion
Ein weiterer wesentlicher Faktor bei der Zunahmen der Lungenkrankheit in China ist der Wirtschaftsboom und die hiermit verbundene vermehrte Freisetzung von Schadstoffen durch die industrielle Produktion. Dies betreffe auch die Belastung am Arbeitsplatz, berichten die Experten im Fachmagazin „Nature“. Derzeit seien besonders hohe Belastungen zum Beispiel in der Baumwollindustrie, der Seidenproduktion, der Getreideverarbeitung und dem Baugewerbe gegeben. Hier würden die Arbeiter trotz mittlerweile eingeführter Grenzwerte regelmäßig zu hohen Schadstoffkonzentrationen ausgesetzt. Neben den Schädigungen der Lunge durch unzureichende Schutzmaßnahmen auf der Arbeit, spielen auch der Smog in den Städten sowie die hohe Anzahl der Tuberkulose-Erkrankungen (1,5 Millionen Chinesen leiden an Tuberkulose), die Verbreitung von Lungenentzündungen bei chinesischen Kindern und die Unterernährung, laut Aussage von Don Sin bei der Zunahme der chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen eine Rolle.

Unzureichende Diagnose und Behandlung der COPD in China
Die Folgen der vermehrten Lungenkrankheiten in China wären nach Einschätzung der Experten unter Umständen weniger dramatisch, wenn eine angemessene Diagnose und Behandlung erfolgen würden. Doch viel zu häufig werden die Beschwerden wie Husten, Atemnot und Müdigkeit von den chinesischen Ärzten mit anderen Erkrankungen, wie beispielsweise Asthma verwechselt. Durch die späte Diagnose der COPD wird die Behandlung meist deutlich erschwert, zumal im späteren Krankheitsstadium oftmals bereit irreversible Schäden der Lunge vorliegen. Hinzu kommt, dass die Therapieangebote in China nicht auf dem modernsten medizinischen Stand sind. Ganz China braucht nach Einschätzung von David Christiani einen Weckruf, „um die erheblichen personellen und wirtschaftlichen Belastungen durch COPD zu realisieren.“ Sobald China erkennt, das dies Problem „angegangen werden muss, kann es einige signifikante Fortschritte“ geben, so die Hoffnung des Experten. Allerdings sei es für Millionen ältere Chinesen dann bereits zu spät und ihre Hoffnung auf Vermeidung der COPD in Rauch aufgegangen. (fp)

Bild: Rainer Sturm / pixelio.de